"Lost Place" lockt Besucher:Kraftwerk Plessa: Fotomodell statt Industrieruine
von Dorte Störmann
Es zählte einst zu den modernsten Braunkohlekraftwerken Europas. Nach der Wende verfiel das Kraftwerk Plessa, doch seit März gibt's an dem "Lost Place" Touren für Neugierige.
Eines der ältesten Braunkohlekraftwerke Europas Plessa ist seit diesem März für Touren geöffnet. Die so genannten "Lost Placer" überrennen das Kraftwerk. Die Touren sind bis Ende des Jahres ausgebucht.
11.06.2026 | 1:48 minDie Augen von Markus Dillbaum werden groß, als er endlich das Kraftwerk Plessa betritt. Zwei Jahre lang will er schon hierher, doch bislang: Zutritt verboten. Der Saarländer ist mit seiner Freundin Jessica aus Saarbrücken angereist. Über acht Stunden Fahrt.
Nun stehen sie an einem Samstagmorgen um 9:30 Uhr früh endlich in der Ruine. Zerborstene Fenster, Spinnweben, Dreck. Doch beide sind fasziniert von sogenannten "Lost Places" - verlassenen Orten.
Die Geschichte, was war da, was ist passiert, warum ist es zu. Und das Technische, der Rost - das ist einfach schön, das zu fotografieren. Statt Blumen halt.
Jessica Weidenhof
Das stillgelegte Kraftwerk im brandenburgischen Plessa ist ein sogenannter „Lost Place“. Seit März sind dort Touren erlaubt. Das lassen sich sogenannte "Lost Placer" nicht zweimal sagen.
10.06.2026 | 2:26 minFaszination Verfall: Was Besucher im Kraftwerk sehen können
Dann geht es rein für die beiden - und alle anderen. 30 sogenannte Lost Placer sind es heute mal wieder, die das alte Kraftwerk auf der Suche nach dem besten Fotomotiv stürmen.
Und davon gibt es viele: riesige alte Turbinen, zerborstene Scheiben, zersplitterte Kühltürme, sogar eine alte verlassene Eisenbahn. Das Ziel aller Lost Place-Fans ist aber die alte Schaltwarte. Ein Telefon aus DDR-Zeiten ist noch da. Natürliches Licht fällt durch eine Glaskuppel ein. Die Zeit scheint still zu stehen.
Die Schaltwarte im Kraftwerk Plessa.
Quelle: ZDFNicht nur Jessica Weidenhof und Markus Dillbaum sind begeistert - schießen ein Foto nach dem anderen für ihre Social Media-Accounts.
Das Architektonische ist: Bombe! Das ist so jetzt der eigentliche Grund der Reise, dieser Raum. Dieser Lichteinfall. Keine Ahnung, warum man das früher gemacht hat, aber es ist einfach traumhaft.
Markus Dillbaum
1927 wurde das Kraftwerk in nur einem Jahr erbaut. Expressionistische Industriearchitektur - ein Baustil, den es nur in den 20er Jahren gab. Doch 1992 wurde Plessa fast von heute auf morgen dicht gemacht. Ein langer Dornröschenschlaf begann.
In Deutschland gibt es rund 25.000 Burgen, Schlösser und Herrenhäuser - häufig mit prachtvollen Gärten. Sabine Platz schaut sich den Garten von Schloss Dyck genauer an.
28.07.2025 | 3:46 minGenehmigungen erstaunlich einfach zu kriegen
Erst 2025 interessierte sich eine Berliner Firma, die Touren durch "Lost Places" anbietet, für Plessa. Geschäftsführer Andreas Böttger besorgte Genehmigungen. Was erstaunlich einfach ging, trotz Denkmalschutz.
"Hier in diesem Fall ist es die Gemeinde Plessa, die dahintersteckt. Sie freut sich, dass wir uns für dieses Kraftwerk interessieren. Und dass es nicht einfach ein Leerstandsobjekt ist", sagt Böttger.
Es ist eine wirkliche Perle. Wegen der Architektur, auch wegen der Größe des Kraftwerks. Und auch historisch hat es einen echten Wert. Daher war das nicht schwer, Menschen zu überzeugen.
Andreas Böttger, Lost Places-Tourenanbieter
Besucher einer "Lost Place"-Tour im Kraftwerk Plessa
Quelle: ZDFEhemalige Mitarbeiterin: "Könnte jetzt losheulen"
Die Touren sind bis zum Jahresende so gut wie ausgebucht. Das neue Leben tut auch der Gemeinde Plessa gut. Denn nach der Schließung traf die plötzliche Bedeutungslosigkeit viele der 2.500 Einwohner ins Herz.
Viele haben hier gearbeitet - die 69-jährige Ex-Maschinistin Monika Werner etwa, seitdem sie 18 war. Heute sieht sie, wie begeistert die Besucher sind, die das Kraftwerk nun regelmäßig bevölkern.
Ich könnte jetzt losheulen, aber ich muss mir Mühe geben, dass es nicht passiert. Man ist vielleicht so sehr emotional, aber man ist damit aufgewachsen, mit dem Kraftwerk.
Monika Werner, ehemalige Maschinistin Kraftwerk Plessa
Viele Menschen, Lichter und Bands. Willkommen im Szimpla Kert. Eine der berühmtesten Ruinenkneipen liegt in Budapests 7. Bezirk. Diese Partyzone inspiriert und berührt die Sinne.
16.08.2024 | 2:08 minNoch mehr Pläne für altes Kraftwerk?
Und jetzt lebt es wieder - nachdem seit der Schließung andere Ideen zum Fortleben scheiterten, etwa ein Museum. Ehemalige Mitarbeiter und die Gemeinde hoffen, dass die Geschichte vom Kraftwerk aber nicht mit den Lost Placern endet.
Denkbar sei die Nutzung etwa als Batteriespeicher in Kombination mit Photovoltaik. Genug Platz gibt es in den riesigen Hallen. Doch es müssen Investoren gefunden werden, das ist nicht einfach. Schon einmal scheiterte ein Projekt krachend.
Aber die Hoffnung ist eben groß, dass ihr Kraftwerk, an dem ihr Herz hängt, dauerhaft zu neuem Leben erwacht. Es gehört einfach dazu, zum kleinen Plessa, hier im südlichsten Zipfel Brandenburgs.
Dorte Störmann berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Brandenburg.
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