Bergsteigerin zu Großglockner-Fall:"Prio eins ist, sicher nach Hause zu kommen"
Eine junge Frau erfriert 2025 am Großglockner. Ihr Freund steht vor Gericht. Bergsteigerin Anja Blacha spricht bei ZDFheute live über Extremsituationen und Regeln am Berg.
Auch im Januar sei die Großglockner-Tour grundsätzlich möglich, sagt Bergsteigerin Anja Blacha bei ZDFheute live. Man müsse aber bestimmte Regeln beachten.
19.02.2026 | 27:07 minGemeinsam hat ein Paar im Januar 2025 den Großglockner in Österreich bestiegen. Die 33 Jahre alte Frau erfror kurz vor dem Gipfel. Ihr mittlerweile 37-jähriger Freund muss sich jetzt vor dem Landesgericht Innsbruck verantworten. Die Anklage wirft ihm grob fahrlässige Tötung vor.
Demnach soll der Alpinist eine Reihe von schweren Fehlern begangen haben. In der Anklage ist etwa davon die Rede, dass er die mangelnde Erfahrung seiner Freundin bei der Planung nicht berücksichtigt habe und nicht ausreichend ausgerüstet gewesen sei. Auch habe er die Rettungskräfte sehr spät informiert. Schließlich habe er seine Freundin "schutzlos, entkräftet, unterkühlt und desorientiert" zurückgelassen.
ZDFheute live hat mit der Extremsportlerin Anja Blacha gesprochen, die die Route und herausfordernde Situationen am Berg kennt: Wer trägt bei einer solchen Tour die Verantwortung? Wie holt man in einer solchen Situation Hilfe? Und welche Folgen hat der Fall für den europäischen Bergsport?
Sehen Sie das ganze Interview oben im Video und lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagt Bergsteigerin Anja Blacha …
… zur Verantwortung am Berg
Blacha betont, dass für sie die Sicherheit am Berg immer Vorrang habe - sie sei wichtiger, als den Gipfel zu erreichen. Die oberste Prämisse sei, nicht wegen des Gipfels in die Berge zu gehen:
Prio eins ist: Ich möchte heil und sicher wieder nach Hause kommen.
Anja Blacha, Bergsteigerin
Dieser Grundsatz gelte unabhängig davon, wie ambitioniert eine Tour geplant sei.
Insbesondere wenn man als Gruppe, als sogenannte Seilschaft, unterwegs sei, zähle nicht, wie stark oder schnell ein Einzelner sei, sondern die gemeinsame Leistungsfähigkeit:
Es geht um die Summe aller Kräfte und Ressourcen, die man als Seilschaft in den Berg bringt.
Anja Blacha, Bergsteigerin
Das Innsbrucker Landgericht verhandelt einen juristisch wie menschlich schwierigen Fall. Ein Alpinist soll bei einer Bergtour in Österreich seine Freundin dem Kältetod ausgeliefert haben.
19.02.2026 | 2:00 min… zu Extremsituationen und Entscheidungen
In herausfordernden Situationen könne die eigene Vernunft eingeschränkt sein, sagt Blacha. Auf die Frage, wie rational man am Berg noch handeln kann, erklärt sie:
Idealerweise würde sie [die Vernunft] natürlich immer funktionieren, realistischerweise tut sie das nicht.
Anja Blacha, Bergsteigerin
Faktoren wie Erschöpfung, Kälte, Zeitdruck oder das sogenannte "Gipfelfieber" - sich nur noch auf den Gipfel zu fokussieren - führten dazu, dass Menschen ihre eigenen Abmachungen und Warnsignale verdrängten. Viele würden sich in diesem besonderen "Moment verlieren", Grenzen überschreiten oder die Lage falsch einschätzen. Auch, weil der Berg sportlich und emotional viel in ihnen auslöse.
Deshalb seien vorher definierte Regeln wie feste Umkehrpunkte entscheidend, weil sie auch dann Orientierung geben könnten, wenn die Lage sehr schwierig werde.
Bei einer privaten Tour seien die Bergsteiger eigentlich für sich selbst verantwortlich. Bei unterschiedlicher Vorerfahrung sei das anders, sagt ZDF-Korrespondent Rechenberg bei ZDFheute live.
19.02.2026 | 8:56 min… zum richtigen Zeitpunkt für den Notruf
Der Notruf müsse immer frühzeitig erfolgen, präventiv:
In dem Moment, wo es schon zu spät ist, wo ich keine Kraft mehr habe, wo es schon dunkel ist, wo es schon Böen gibt und es stürmt, ist es eigentlich schon zu spät.
Anja Blacha, Bergsteigerin
Wer zu spät handle, bringe nicht nur sich in Gefahr. Denn dieser Moment sei subjektiv: Auch wenn eine Tour insgesamt technisch noch machbar erscheine, könne sie für eine einzelne Person bereits unmöglich geworden sein.
Im Ortlergebirge in Südtirol sind in einer Lawine fünf deutsche Bergsteiger tödlich verunglückt. Zwei weitere Männer überlebten das Unglück und wurden ins Krankenhaus gebracht.
02.11.2025 | 1:21 min… zu den Folgen des Falls für den Bergsport
Verbote oder strengere Vorschriften, etwa für Aufstiege in der Nacht, hält Blacha für wenig sinnvoll. Es gebe viele erfahrene Bergsteigerinnen und Bergsteiger, die bewusst nachts oder zu ungewöhnlichen Zeiten unterwegs seien - aber mit guter Planung und mit der nötigen Ausrüstung.
Ein starres Regelwerk würde diese Menschen genauso treffen und dem Wesen des Bergsports widersprechen.
Berge waren schon immer ein Ort der Eigenverantwortung oder der gemeinschaftlichen Seilschaftsverantwortung.
Anja Blacha, Bergsteigerin
Der Fall am Großglockner mache jetzt allen bewusst, dass es diese Verantwortung schon immer gegeben habe. Und dass es diese Verantwortlichkeiten aus guten Gründen gebe.
Das Interview führte ZDFheute live-Moderatorin Christina von Ungern-Sternberg. Zusammengefasst hat es Janine Arendt.
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