"Slow Christmas" ohne Adventskranz:Wie sich der Advent und seine Traditionen verändern
von Michael Kniess
Vier Kerzen waren gestern: Warum der klassische Adventskranz verschwindet und viele bewusst auf "Slow Christmas" setzen. Über ein Ritual im Wandel und Besinnung heute.
Der Einzelhandel rechnet mit 5,8 Milliarden Umsatz rund um die Rabatttage. Aber auch der Trend von Tauschbörsen beispielsweise setzt sich fort. Nicht jeder Baumschmuck muss neu gekauft werden.
29.11.2025 | 3:45 min
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Vier Kerzen, Tannengrün, rotes Band. Kaum ein Symbol steht so sehr für die Vorweihnachtszeit wie der Adventskranz. Doch viele Wohnzimmer bleiben inzwischen ohne. Zwischen Minimalismus-Trend, Nachhaltigkeitsgedanken und schlichtem Zeitmangel wandelt sich das Bild des Advents und mit ihm die Rituale, die vielen selbstverständlich schienen. Statt Fülle dominiert heute bei vielen der Wunsch nach Entlastung.
Advent: "Slow Christmas" statt Dauerreiz
Opulente Dekoration verliert an Bedeutung, dafür entdecken Menschen den Advent als Phase der Entschleunigung neu. "Slow Christmas" heißt der Gegentrend zur Dauerreizung der Vorweihnachtszeit: weniger Geschenke, weniger Termine, mehr Stille, eine deutliche Abkehr vom übertriebenen Konsum und eine Rückbesinnung auf Nähe und Gemeinschaft. Psychologisch, so sagen Fachleute, komme diese Entwicklung dem ursprünglichen Gedanken der vorweihnachtlichen Zeit erstaunlich nah.
"Das Warten bekommt wieder einen tieferen Sinn", erklärt Professor Martin Köllner. Die vier Wochen vor Weihnachten strukturierten das Jahr, schafften Momente der Achtsamkeit und förderten potenziell das Erleben positiver Emotionen. Rituale, ob Kranz oder Kerze, gemeinsames Singen, Plätzchenbacken oder ein bewusstes digitales Innehalten wirkten wie "kleine Anker" im Alltag einer zunehmend überkomplexen und unfriedlichen Welt.
ZDF-Korrespondenten berichten von traditionellen Weihnachtsriten und Weihnachtsfreuden weltweit.
24.12.2024 | 58:36 minJeder feiert seinen eigenen Advent
Doch solche Rituale sehen heute sehr unterschiedlich aus. "Inzwischen gehört weniger als die Hälfte der Menschen im Land einer Kirche an", betont Köllner, Motivationspsychologe am Campus Fürth der SRH University.
Deshalb dürfen wir nicht mehr von einem einheitlichen Bild mit Blick auf Brauchtum und Rituale in der Advents- und Vorweihnachtszeit ausgehen.
Professor Martin Köllner, Motivationspsychologe
Jeder suche sich seinen eigenen Advent aus einer Vielzahl von Möglichkeiten heraus. Gleich geblieben ist jedoch die emotionale Aufladung der Wochen vor Weihnachten: Die Aussicht auf Nähe, Begegnungen mit Familie und Freunden, auf eine Auszeit vom stressigen Arbeitsalltag über die Feiertage - all das stiftet Sinn und wirkt verbindend.
Aus Martin Köllners Sicht hat die Adventszeit auch deshalb etwas Gutes, weil in dieser solche positive Emotionen geweckt werden:
Wir alle sehnen uns nach Nähe und Bindung, deshalb ist der Advent eine maximal emotional aufgeladene Zeit.
Professor Martin Köllner, Motivationspsychologe
Advent zwischen Moralbotschaften und Glitzerästhetik
Eine Zeit, die damit gleichzeitig allerdings auch Risiken birgt. "Die Idealbilder, die durch eine mediale Überpräsenz vermittelt werden, können für manche Menschen auch nahezu erdrückend wirken", gibt der Motivationspsychologe zu bedenken.
Um Geschenke und Festtagsessen in der Advents-und Weihnachtszeit zu bezahlen, verpfänden einige Menschen ihre Besitztümer.
27.11.2025 | 5:51 minKein Wunder. Egal ob im Drogeriemarkt, in Werbeclips von Supermärkten und Discountern: An Appellen, die dazu aufrufen, nicht nur an Weihnachten zusammenzukommen, aber gerade an Weihnachten etwas weniger streng miteinander zu sein, mangelt es nicht.
Zwischen moralischen Botschaften und Glitzerästhetik gerät der ursprüngliche Charakter des Advents leicht aus dem Blick. Darauf weist Peter Bubmann, Professor für Praktische Theologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, hin:
Das Kirchenjahr ist den Kirchen längst aus der Hand genommen worden.
Peter Bubmann, Professor für Praktische Theologie
Selbst in den Kernmilieus der Kirche wüssten viele heute nicht einmal mehr, dass der Advent ursprünglich eine Fastenzeit war - mit Verzicht auf Fleisch, Alkohol und üppige Speisen, um sich innerlich auf das Fest vorzubereiten.
Heute wird in der Vorweihnachtszeit gerne genascht - das ist 2025 aber kostspieliger als sonst. Viele Süßigkeiten sind deutlich teurer als im Vorjahr.
26.11.2025 | 0:20 minAdvent ist aktueller denn je
Auch der Adventskranz selbst ist keine uralte Tradition, sondern ein vergleichsweise junges Relikt des 19. Jahrhunderts. Der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern führte ihn ein, um Kindern die Wartezeit bis Weihnachten zu verkürzen. Traditionen verändern sich also von jeher.
Eine Entwicklung, in der Bubmann keine Gefahr sieht. Im Gegenteil: Wenn Rituale aus kirchlich organisierten Räumen stärker ins Private wandern, könne daraus neue Verbindlichkeit entstehen. Der Wunsch von Theloge Bubmann:
Dass die Gruppe derer, die bewusst Advent feiert, größer wird im Gegensatz zur Gruppe derer, die schon im Oktober Lebkuchen isst.
Peter Bubmann, Professor für Praktische Theologie
Denn ob mit oder ohne Kranz, religiös verwurzelt oder kulturell interpretiert - die Idee des Advents bleibt zeitlos: Hoffnung, Frieden, Freude und Liebe in den Mittelpunkt zu stellen. In einer Gegenwart, die sich vielfach beschleunigt und überlagert anfühlt, könnte genau diese Besinnung aktueller sein denn je.
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