Herausforderungen für kleine Gemeinden:Ehrenamtliche Bürgermeister: 24/7-Amt mit viel Idealismus
von Katrin Lindner
Rund 6.000 ehrenamtliche Bürgermeister sorgen dafür, dass der Alltag in ihren Gemeinden klappt. Eine Umfrage der Körber-Stiftung zeigt, wie groß Unzufriedenheit und Sorgen sind.
Mit 26 Jahren ist Luca Piwodda Bürgermeister von Gartz an der Oder. Er kämpft mit Geldmangel und Bürokratie und will trotzdem weitermachen, während viele Amtskollegen aufgeben.
03.03.2026 | 2:31 min"Hi Nachbar." So wird Luca Piwodda im Fußballclub Blau-Weiß 90 Gartz begrüßt. Wenn ihr Bürgermeister kommt, freuen sie sich. So manch einer kennt ihn, seitdem er als Kind im Sportverein Fußball spielte.
Nun arbeitet der 26-Jährige seit fast zwei Jahren als ehrenamtlicher Bürgermeister für die rund 2.500 Einwohner von Gartz an der Oder. Und stellt fest:
Dass es so kompliziert wird und dass es ein 24-Stunden-Job ist, hätte ich nicht gedacht. Also man weiß nie, was auf einen im Amt so alles zukommt.
Luca Piwodda, ehrenamtlicher Bürgermeister
Und weiter: "Aber es macht ja auch sehr viel Spaß. Es ist sehr viel Wut manchmal dabei, dass Dinge nicht schneller vorangehen, auch dass Dinge nicht so klappen und dass Gelder einfach nicht da sind." Aber trotzdem arbeite man ja mit Menschen zusammen, sagt er, die total viel machen und das motiviere ihn auch immer wieder.
Etwa 27 Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich ehrenamtlich - einer von ihnen ist Tim Sieper. Mit gerade einmal 20 Jahren ist er der Ortsbürgermeister von Eckenroth in Rheinland-Pfalz.
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Nach dem Studium kam Piwodda zurück nach Gartz. Seine Stadt kämpft mit Fachkräftemangel und Überalterung. Doch sein Optimismus ist einfach ansteckend.
Arno Kuppe sitzt mit im Clubhaus, viele Freiwillige bauen gerade zusammen an einem neuen Tresen fürs Vereinshaus und der Gartzer meint auf die Frage, wie er seinen Bürgermeister findet:
Ganz prima, vor allen Dingen ist er jung, anders als wenn es ein älterer ist. Soll er sein Glück versuchen.
Arno Kuppe, Einwohner von Gartz
Neben ihm steht Sebastian Klein mit einem Bohrer in der Hand: "Der Zusammenhalt ist wieder da. Die Leute sind engagiert und machen und tun. Sieht man ja hier."
Mangelnde Zeit, überbordende Bürokratie, Anfeindungen: Immer mehr Menschen entscheiden sich gegen ein politisches Ehrenamt.
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Doch die Einflussmöglichkeiten der ehrenamtlichen Bürgermeister und Bürgermeisterinnen sind geringer geworden, so eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung. Sie zeigt, dass nur rund ein Drittel mit ihren Gestaltungsspielräumen zufrieden sind. 69 Prozent verbringen mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Verwaltungsaufgaben. Zugleich beobachten 22 Prozent vermehrt demokratiefeindliche Tendenzen in ihrer Kommune.
Sven Tetzlaff von der Körber-Stiftung sieht das problematisch:
Die Bürgermeister sind diejenigen, die da vor Ort die Säulen der Demokratie sind.
Sven Tetzlaff, Körber-Stiftung
"Und wenn das Ehrenamt, was über 60 Prozent der Kommunen in Deutschland betrifft, in problematische Fahrwasser gerät, dann ist das natürlich ein Problem für die kommunale Demokratie."
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Auch Anfeindungen sind ein ernstzunehmendes Problem, doch für Piwodda ist die Finanznot das größte. So sehen das auch 88 Prozent der Befragten. Piwodda hofft, in der Kirche einen alten Jugendclub wieder zu beleben.
In Gartz geht vieles nur im Ehrenamt oder mit Spenden. Allein im vergangenen Jahr haben sich drei Vereine neu gegründet. Das macht vielen Mut, aber der junge Bürgermeister sieht ein ernst zu nehmendes Problem in der Finanzierung der Kommunen:
Die kommunale Ebene braucht viel mehr Kompetenzen, weil immer noch 25 Prozent aller staatlichen Aufgaben von den Kommunen wahrgenommen werden, die Kommunen erhalten aber nur 14 Prozent aller staatlichen Gelder.
Luca Piwodda, ehrenamtlicher Bürgermeister
Also sind die Kommunen eigentlich darauf angelegt, finanziell zu scheitern, meint er nachdrücklich.
Trotzdem will er weitermachen und hat noch viele Pläne für seine Stadt in der Uckermark. Doch nur 44 Prozent der befragten Amtskollegen wollen erneut für dieses Ehrenamt kandidieren.
Katrin Lindner arbeitet im ZDF-Studio in Potsdam.
Statt große Politik im Bundestag möchte er konkret etwas vor Ort bewirken: Luca Piwodda ist mit nur 24 Jahren ehrenamtlicher Bürgermeister in seiner Heimatstadt Gartz (Oder).
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