Mutmaßliche Vergewaltigung an Elite-Uni:Der Fall "Jane Doe": Was steckt hinter der Solidaritätswelle?
von Katharina Schuster, Washington D.C.
Eine mutmaßliche Gruppenvergewaltigung an der Elite-Universität Cornell hat in den USA eine Welle der Empörung ausgelöst. Eine Studentin erhebt schwere Vorwürfe. Was ist passiert?
Im US-Bundesstaat New York klagt eine junge Frau anonym, sieben Mitglieder einer Studentenverbindung hätten sie 2024 vergewaltigt. Aktuell schlägt der Fall im ganzen Land hohe Wellen.
05.10.2026 | 1:34 min"Ich bin Jane Doe", sagt eine junge Frau auf TikTok. Dann erzählt sie von einer Nacht in einer Studentenbar. Sie sei völlig betrunken gewesen, ein ihr unbekannter Mann habe sie mit nach Hause genommen. "Ich wachte in seinem Bett auf, während er mich vergewaltigte."
Wir sind alle Jane Doe, bis keine von uns mehr Jane Doe ist.
TikTok-Userin
Die Frau in diesem Video ist nicht die "Jane Doe", um die es gerade geht. Es ist das Pseudonym einer Studentin der US-Eliteuniversität Cornell, die vor Gericht schwere Vorwürfe gegen sieben Männer erhebt. Sie soll im Oktober 2024 unter Drogen gesetzt und anschließend stundenlang von mehreren Studenten vergewaltigt worden sein.
Nun sprechen immer mehr Frauen und auch Männer im Netz aus Solidarität unter diesem Namen, erzählen davon, vergewaltigt oder sexuell belästigt worden zu sein. Andere wollen helfen, der Klägerin einen gewissen Schutz zu bieten. Wenn jemand nach "Jane Doe" sucht, soll er nicht eine einzelne Frau finden können, sondern Tausende.
Was kritisiert der Anwalt der Studentin Jane Doe?
Denn nach Angaben ihres Anwalts Thomas Giuffra versuchten Personen im Netz, ihren tatsächlichen Namen öffentlich zu machen. Außerdem werde die Studentin bedroht. Menschen hätten sie unter Druck gesetzt, die Klage zurückzuziehen, berichtet er gegenüber dem US-Fernsehsender CNN. Auch er selbst sei bedroht worden. Zudem seien bereits andere Frauen fälschlicherweise als Jane Doe identifiziert worden.
Jane Doe ist im US-Recht ein Platzhalter für eine Person, deren Identität nicht öffentlich genannt werden soll. Im Fall Cornell wird dieser Name nun selbst zum Symbol.
Eine mutmaßliche Gruppenvergewaltigung an einer der renommiertesten Unis der USA sorgt zwei Jahre später für Aufsehen. Es gibt Vorwürfe gegen mehrere Studenten. Was bekannt ist.
02.10.2026 | 1:10 minWas ist im Oktober 2024 passiert?
Im Oktober 2024 soll die Studentin unter Drogen gesetzt und anschließend über Stunden von mehreren Studenten der Elite-Universität Cornell im US-Bundesstaat New York vergewaltigt worden sein. Die Studentin war 20 Jahre alt, als sich der Vorfall ihren Angaben zufolge im Haus der Studentenverbindung Chi Phi ereignete. Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe.
Nachdem sie zum Konsum von Ketamin, Marihuana und Alkohol gedrängt worden war, sei sie völlig handlungsunfähig gewesen. Drei Wochen nach dem Vorfall wandte sie sich an die Polizei auf dem Campus. Doch juristische Folgen gab es zunächst nicht.
Deshalb wirft die Klägerin der Universität Untätigkeit vor und strengt eine Zivilklage an. Damit wird der Fall auf ein höheres Niveau gehoben. Es geht weniger um den Einzelfall als um den Vorwurf der Vertuschung und die Frage, wann überhaupt eine Zustimmung zu sexuellen Handlungen möglich ist und wann er strafbar sein kann.
Der Fall beschäftigt die US-Eliteuniversität seit Wochen. Es laufen staatsanwaltschaftliche Sonderermittlungen. Michael Kotlikoff, der Präsident der Universität, sprach gegenüber "Jane Doe" sein Mitgefühl aus. "Es schmerzt mich zutiefst, wenn ich daran denke, was sie durchgemacht hat", sagt er.
Es sei "eine sehr große Welle der Empörung" zu beobachten, so USA-Korrespondent Sauer. Welche Debatten der Fall von "Jane Doe" angestoßen hat, erklärt er bei ZDFheute live.
05.10.2026 | 8:42 minWie verbreitet ist sexualisierte Gewalt an US-Unis?
Der Fall Cornell steht nicht allein. Sexualisierte Gewalt ist an US-amerikanischen Hochschulen weit verbreitet. Eine Erhebung der "Association of American Universities" ergab, dass 26 Prozent der Studentinnen und knapp sieben Prozent der Studenten während ihres Studiums sexuelle Gewalt durch körperliche Gewalt oder fehlende Einwilligungsfähigkeit erlebt hatten. Bei Frauen entspricht das etwa jeder vierten Studentin.
Auch ein weiterer Befund ist für den Cornell-Fall relevant: Die Täter sind häufig keine Fremden. Nach Daten des "Rape, Abuse & Incest National Network" (RAINN), einer US-amerikanischen Organisation gegen sexualisierte Gewalt, waren in rund 60 Prozent der Fälle von Vergewaltigung bei 17- bis 24-Jährigen die Täter den Betroffenen bekannt.
Heike Pantelmann, Geschäftsführerin des Margherita-von-Brentano-Zentrums für Geschlechterforschung an der Freien Universität Berlin, sieht für die Elite-Unis einen strukturellen Interessenkonflikt: Universitäten hätten mitunter einen Anreiz, Vorfälle unter den Teppich zu kehren. Gerade Fraternities, also studentische Verbindungen, und erfolgreiche Sportler brächten Renommee und könnten für Spender attraktiv sein.
Wenn Fraternities oder erfolgreiche Elitesportler betroffen sind, stehen für Universitäten Reputation und finanzielle Interessen auf dem Spiel.
Dr. Heike Pantelmann, Margherita-von-Brentano-Zentrum für Geschlechterforschung
Wie sieht es in Deutschland aus?
Sexualisierte Gewalt an Hochschulen ist kein rein amerikanisches Problem. Pantelmann verweist bei ZDFheute live auf die EU-finanzierte UniSAFE-Studie von 2022. Demnach habe etwa ein Drittel der Beschäftigten und Studierenden an europäischen Universitäten bereits sexualisierte Übergriffe erlebt. Die Fälle reichten von verbalen Erniedrigungen bis hin zu Vergewaltigungen.
Deutsche Hochschulen seien darauf oft nicht ausreichend vorbereitet. Viele Vorfälle würden nicht konsequent aufgearbeitet, stattdessen werde gehofft, dass sich das Problem von selbst erledige, etwa wenn Betroffene die Universität verlassen. Ob auch hierzulande vertuscht werde? "Davon gehe ich aus. Viele", sagt sie.
Eine europaweite Studie belege, dass viele Frauen sexualisierte Übergriffe an Universitäten erlebt hätten, so Dr. Heike Pantelmann von der FU Berlin. Das Problem betreffe also nicht nur die USA.
05.10.2026 | 7:35 min"Jane Doe" ein neues #MeToo?
Was tatsächlich in jener Nacht im Oktober 2024 geschah, ist nicht geklärt. Die Vorwürfe gegen die sieben Männer sind bislang nicht gerichtlich festgestellt. Doch die Solidarität mit Jane Doe reicht längst über Cornell hinaus. Online und bei Protesten gibt es eine große Welle der Empörung und Solidarität.
Dabei geht es auch um die sogenannte Fraternity-Culture, die Kultur rund um die US-amerikanischen Studentenverbindungen, ihre Partys und die teilweise abgeschotteten Strukturen in den Verbindungshäusern. Kritiker sehen darin nicht nur einen Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem.
Die Parallelen zu #MeToo sind auffällig: Auch damals wurden aus einzelnen Geschichten viele. Der Domino-Effekt, eine Enthüllung, dann die nächste, eine weitere Anschuldigung, machte schließlich die Dimension des Problems sichtbar. Ob sich das nun wiederholt, muss sich erst zeigen. Noch steht die Bewegung am Anfang.
Katharina Schuster ist Korrespondentin im ZDF-Studio in Washington D.C.
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