Sexualisierte Gewalt auf der Wiesn:"Je öfter das passiert, desto dumpfer sitzt du einfach da"
von Sophie Burkhart
Das Oktoberfest ist vorbei und die vorläufige Bilanz zeigt: In diesem Jahr wurden mehr Sexualdelikte angezeigt als im Vorjahr. Was eine Betroffene berichtet.
Nach zwei Wochen endet das Münchener Oktoberfest mit einem historischen Besucherrekord von rund 7,4 Millionen Gästen. Unfälle und sexualisierte Gewalt bleiben präsente Themen.
04.10.2026 | 1:37 minAn ihrem ersten und einzigen Wiesn-Besuch in diesem Jahr erfährt die 23-jährige Melissa sexualisierte Gewalt. Mit Freunden und ihrer Partnerin beschließt sie spontan, aufs Oktoberfest zu gehen, schlendert über die Theresienwiese und setzt sich nach einer Weile mit der Gruppe in einen Biergarten vor einem Festzelt.
"Ich habe mich eigentlich relativ sicher gefühlt, dadurch, dass ich ja nicht alleine war und da ganz viele Menschen waren", sagt sie. Trotzdem kommt es zu einem sexuellen Übergriff.
Ein betrunkener Mann habe ihr zuerst seine Hand auf ihren Oberschenkel gelegt und angefangen, sie zu begrapschen, so erzählt es Melissa. Sie habe ihn perplex angeschaut und sei von ihm weggerutscht. Der stark alkoholisierte Mann habe ihr leidgetan, "der hing wirklich nur noch da", also habe sie ihm ein Glas Wasser hingeschoben.
Sexualisierte Gewalt wird für viele Frauen, Mädchen und nicht-binäre Personen zum Teil des Wiesn-Besuchs. Wie Betroffenen geholfen wird und wie Prävention aussehen kann - ZDFheute live.
04.10.2026 | 29:10 minSexuelle Gewalt auf der Wiesn: Alkohol ist "keine Ausrede"
"Man weiß ja, dass Alkohol eigentlich keine Ausrede für sowas ist und trotzdem schiebt man es dann irgendwie auf den Alkohol", sagt Melissa.
Egal ob besoffen oder nicht, das gehört sich nicht meines Erachtens.
Melissa, Betroffene von sexualisierter Gewalt
Die Hand des Mannes habe derweil immer wieder den Weg in ihre Richtung gesucht. Also tauscht sie mit ihrer Partnerin den Platz.
"Und irgendwann, es sind ungefähr 15 Minuten vergangen, ist er dann aufgestanden, hat mich von hinten umarmt, die Hände an meine Brüste gepackt und mir einen Kuss auf die Wange gegeben."
Zwei Wochen Ausnahmezustand in München: Bundespolizei und Streetworker kümmern sich am Münchner Hauptbahnhof sowie auf der Festwiese um den Schutz der Gäste und sorgen für Sicherheit.
29.09.2026 | 8:10 minWas Melissa auf dem Oktoberfest widerfahren ist, fällt unter sexualisierte Gewalt.
Sexualisierte Gewalt bezeichnet jeden Übergriff auf die sexuelle Selbstbestimmung. Die Täter, weit überwiegend sind es laut Statistiken Männer, zwingen den Betroffenen ihren Willen auf. Es geht nicht um Lust oder Erotik, sondern um Machtverhältnisse. Nicht nur körperliche Übergriffe wie Vergewaltigungen, sexuelle Nötigung oder sexueller Missbrauch zählen dazu. Auch sexuelle Belästigung und jede Form unerwünschter sexueller Kommunikation wie obszöne Worte oder Gesten. Aber auch Männer sind nicht nur Täter, sondern können ebenfalls Opfer sexistischer Übergriffigkeit durch andere Männer und durch Frauen sein.
Quelle: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Oktoberfest: Polizei registriert mehr Sexualdelikte als im Vorjahr
Auf dem Oktoberfest gab es in diesem Jahr 80 polizeilich registrierte Sexualdelikte. Im Vorjahr waren es 72. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Und auf Social Media waren Zehntausende Upskirting-Videos vom Teufelsrad aufgetaucht, bei denen Frauen auf der drehenden Scheibe unter den Rock gefilmt wurden. Upskirting ist seit 2021 eine Straftat.
Hilfsangebote wie die Aktion "Sichere Wiesn für Mädchen* und Frauen*", die Frauen in Notlagen berät und unterstützt, gehen nicht davon aus, dass die sexualisierte Gewalt auf dem Oktoberfest gestiegen ist, sondern dass sich die Anzeigebereitschaft verändert hat, also mehr Frauen die Vorfälle zur Anzeige bringen.
Gegen sexuelle Gewalt hilft der Verein "Sichere Wiesn". "Wir versuchen, Frauen vor dem Übergriff zu uns zu bringen" so Lisa Löffler. Betroffene erhalten Beratung, Begleitung und Unterstützung.
04.10.2026 | 14:50 min"Verantwortung für einen Übergriff trägt immer der Täter"
Lisa Löffler von "Sichere Wiesn für Mädchen* und Frauen*" beobachtet seit der Me-Too-Debatte ein höheres Bewusstsein für das Thema sexualisierte Gewalt. Nach wie vor komme es jedoch zu sogenanntem Victim Blaming, also dass die Schuld dem Opfer zugeschrieben wird. "Was wir auch im Wiesn-Kontext immer wieder erleben, dass es dann so heißt: 'Mei, wenn sie nicht so viel getrunken hätte, dann wär's ihr nicht passiert'. Wir möchten wirklich die Verantwortung ganz weit weg von den Frauen legen. Verantwortung für einen Übergriff trägt immer der Täter, niemals die Frau."
Männer könnten auch Teil der Lösung sein, sagt Löffler. Nämlich, indem sie Zivilcourage zeigen, wenn sie bemerken, dass eine Frau belästigt oder bedroht wird oder sich unsicher fühlt. "Das ist ein Aufruf an die Gesamtgesellschaft, aber vor allem an Männer, an der Stelle Position zu beziehen gegen sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen."
Im Hofbräuzelt ist viel los: Security-Chef Fabian Frodl und sein Team sorgen zwischen Notfällen, Streit und ausgelassener Partystimmung für Sicherheit auf der Wiesn.
25.09.2026 | 9:00 minBetroffene: Werde mich nicht einschüchtern lassen
Diese Solidarität erlebt auch Melissa. Nach dem Übergriff habe sich eine Gruppe Männer zu ihnen an den Tisch gesetzt, um den Täter im Blick zu behalten und weitere Übergriffe zu verhindern.
Melissa habe erst einmal gar nicht begreifen können, was geschehen sei. "Ich habe das Gefühl, je öfter das passiert, desto dumpfer sitzt du einfach da und machst eigentlich gar nichts und guckst einfach nur doof." Ihre Freundin rät ihr, die Polizei zu alarmieren, damit der Fall erfasst wird. Und sie wollen verhindern, dass der Täter möglicherweise noch andere Frauen belästigt.
Frauen, die über sexualisierte Gewalt sprechen, schlägt im Netz in vielen Fällen Hass entgegen. Auch Collien Fernandes erzählt von Hassnachrichten und Todeswünschen.
17.05.2026 | 1:27 minMelissa hat das Oktoberfest nicht noch einmal besucht. "Die Männer müssen aufhören, sich übergriffig zu verhalten", sagt sie. Die Hoffnung darauf habe sie jedoch aufgegeben. Sie wolle sich aber nicht einschüchtern oder unterkriegen lassen und weiter feiern gehen.
Hilfe für betroffene Frauen:
Das Hilfetelefon ist rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr unter der Telefonnummer 08000 116 016 und online unter www.hilfetelefon.de erreichbar. Mehr als 60 qualifizierte Beratende helfen gewaltbetroffenen Frauen, Personen aus deren sozialem Umfeld und Fachkräften - kostenlos, anonym und vertraulich, in 17 Fremdsprachen sowie in Deutscher Gebärdensprache und in Leichter Sprache.
Die Grundidee der Gewaltschutzambulanz der Charité Berlin ist die Schaffung eines niederschwelligen Angebots für Gewaltopfer, um erlittene Verletzungen rechtsmedizinisch untersuchen und dokumentieren zu lassen – dies ist auch ohne polizeiliche Anzeige möglich. Die Untersuchung ist kostenlos.
Durch die enge Anbindung und Kooperation mit den Berliner Netzwerken gegen Gewalt werden nicht nur die Verletzungen von Gewaltopfern rechtsmedizinisch und damit gerichtsfest dokumentiert, sondern den Betroffenen und ihren Familien auch konkrete Hilfsangebote an die Seite gestellt.
Im Folgenden finden Sie eine Tabelle der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, in der nach Städten alphabetisch sortiert Opfer-Ambulanzen bzw. Untersuchungsstellen zu finden sind: Angebote der einzelnen Institute
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