Keine Filmaufnahme und viel Kritik:Wie wurde Buckelwal Timmy freigelassen?
von Jan Schneider
Die Freilassung des Buckelwals gilt offiziell als Erfolg. Doch fehlende Videoaufnahmen, widersprüchliche Aussagen und Kritik von Experten werfen Fragen auf. Was wir bisher wissen.
Der in der Ostsee gestrandete Buckelwal ist nach mehreren Rettungsversuchen endlich in der Nordsee angekommen.
02.05.2026 | 1:38 minDie Rettungsmission für Buckelwal Timmy ist beendet. Doch neben der Freude über den Erfolg überschatten auch Vorwürfe das Ende der wochenlangen Aktion. Und weiterhin ist unklar, wie Timmy aus der Barge herausgekommen ist - genau von diesem Moment fehlen Videoaufnahmen der sonst minutiös dokumentierten Rettung.
Freilassung am Samstagmorgen
Timmy hatte die Barge nach Angaben von Umweltminister Till Backhaus um 8:57 Uhr am Samstagmorgen verlassen - aus eigenen Stücken, wie Backhaus betonte. Der Wal sei nicht getrieben oder manipuliert worden, sondern eigenständig ausgeschwommen. Auf Drohnenbildern war kurz darauf ein Wal zu sehen, der an der Wasseroberfläche atmete - ob es sich tatsächlich um Timmy handelte, ließ sich jedoch nicht mit Sicherheit bestätigen.
An der Freiwilligkeit des Ausschwimmens gibt es allerdings Zweifel. Auf Drohnenaufnahmen des Livestream-Anbieters News5, dessen Live-Aufnahmen zeitweise auch ZDFheute übertragen hat, ist zu sehen, wie am Freitagabend gegen 19:45 Uhr versucht wird, ein Seil oder einen Schlauch an der horizontalen Schwanzflosse des Wals zu befestigen.
Seil an der Fluke
Quelle: ZDF / News5Tierärztin Tönnies erhebt schwere Vorwürfe
Auf dieses Seil geht auch Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies ein, die an der Rettung beteiligt war, nach eigenen Angaben in den letzten Tagen der Aktion aber vom Geschehen ausgeschlossen wurde. Demnach soll die Rettungscrew ihr erklärt haben, man habe den Wal nicht aus der Barge gezogen, sondern ihn mit dem Seil/Schlauch fixiert und die Barge unter ihm herausgefahren. Ob dies den tatsächlichen Vorkommnissen entspricht, ist unklar.
Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter sagte dazu: "Es ist die Regel Nummer eins bei gestrandeten Walen, sie niemals, wirklich niemals in irgendeiner Weise an der Fluke zu ziehen." Die Schwanzflosse sei nur über Bindegewebe und Muskulatur mit dem Körper verbunden, schwere Verletzungen drohten schnell.
Die Bereederungsgesellschaft des Begleitschiffs "Robin Hood" erklärte hingegen, die Freisetzung sei erfolgreich verlaufen und in Abstimmung mit dem US-amerikanischen Walexperten Jeff Foster erfolgt, unter Berücksichtigung von Schiffssicherheit und Tierwohl.
Keine Filmaufnahmen von der Freilassung
Videoaufnahmen von der Freilassung existieren öffentlich bisher nicht. Tönnies zufolge seien Aufnahmen bewusst verhindert worden.
Auch Umweltminister Backhaus bedauerte, dass ein vereinbartes Videosystem an Bord der Barge nie installiert wurde, das Tierärztinnen die Beobachtung des Wals ermöglicht hätte. "Das war eine Forderung, die war anerkannt - und wir haben keine direkten Bilder bekommen", sagte Backhaus.
Der privaten Initiative ist es letztlich gelungen, den vor der Insel Poel gestrandeten Buckelwal auf einen Schleppkahn zu leiten.
29.04.2026 | 1:41 minGeldgeber distanzieren sich
Die Financiers der Rettungsaktion, Unternehmerin Karin Walter-Mommert und Mediamarkt-Gründer Walter Gunz, distanzieren sich mittlerweile ausdrücklich von der Art der Freilassung. In einem Statement heißt es, "etwaige Konsequenzen für nicht abgestimmte Handlungen am und um den Wal" hätten "der Eigner, die Betreiber und uns bekannte Personen der Crew der Schiffe Fortuna B und Robin Hood zu tragen". Eine Anwältin kündigte an, die Vorgänge würden aufgearbeitet.
Statement zur Freilassung
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Wo ist Timmy jetzt? GPS-Sender liefert keine Ortsdaten
Wo sich Timmy derzeit aufhält, ist unbekannt. Geldgeberin Karin Walter-Mommert räumte ein, dass der GPS-Sender keine Positionsdaten liefert - entgegen der ursprünglichen Planung. Es gebe lediglich vom Gerät übermittelte Vitalzeichen, demnach lebe das Tier noch. Laut Tierärztin Tönnies wurde der Tracker am Wal "festgeschraubt". Auch an diesem Vorgang war sie jedoch nicht beteiligt und habe keinen Zugang zu den Daten.
Wie ZDFheute erfuhr, hat auch Umweltminister Backhaus bisher keinen Zugang zu den Tracking-Daten.
Thilo Maack von Greenpeace wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass GPS-Tracker üblicherweise keine Vitaldaten erfassen oder übermitteln. Zudem funken solche Geräte ihren Standort nur, wenn das Tier an der Oberfläche ist - im Todesfall würden demnach keine Signale mehr ankommen. Maack wies außerdem darauf hin, dass Timmy in einer der meistbefahrenen Schiffsrouten Europas ausgesetzt wurde.
Bei den meisten unserer Nachbarn scheint man mit Fällen wie dem gestrandeten Wal Timmy und der Debatte um seine Rettung anders umzugehen. Entsprechend fällt die Berichterstattung in Europa aus.
29.04.2026 | 2:06 minSonntagabend: Die Schiffe kehren zurück
Am späten Sonntagabend erreichten die letzten Schiffe der privaten Rettungsinitiative den Hafen von Cuxhaven. Bereits zuvor war ein Teil der Gruppe mit der "Arne Tiselius" mit Verspätung an Land gegangen. Die Rückkehr des Schleppers "Fortuna B" verlief dabei auffällig: Das Schiff hatte zunächst Kurs auf Helgoland, dann auf Wilhelmshaven genommen.
Zudem schaltete die Crew den öffentlich einsehbaren Tracker ab. Die Küstenwache forderte das Schiff schließlich auf, Cuxhaven anzusteuern, und begleitete es mit einem Behördenboot in den Hafen.
So kam Timmy in den Kahn.
28.04.2026 | 0:42 minOb aus der Freilassung eine echte Rettung wird, ist noch offen. Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation hat dafür klare Kriterien formuliert: Von einer Rettung könne erst gesprochen werden, wenn der Wal wieder im Nordatlantik lebe, eigenständig fresse, an Gewicht zunehme und sich sein natürliches Verhalten wiederherstelle. Walforscher Ritter zweifelt nach der langen Liegezeit daran, ob Timmy überhaupt noch normal schwimmen und tauchen kann. Ohne funktionierende GPS-Daten droht das Schicksal des Wals nun unbekannt zu bleiben - womöglich für immer.
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