Buchhandlungspreis: Ausgeschlossene Händler klagen gegen Weimer

Abgesagter Buchhandlungspreis:Weimer unter Druck: Buchhandlungen ziehen vor Gericht

von Leticia Enders, Fabio Leiendecker und Samuel Kirsch

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Kulturstaatsminister Weimer hat die Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises abgesagt. Nun klagen die von der Nominierungsliste gestrichenen Buchhändler. Worum es dabei geht.

Buchhandlungspreis 2026 abgesagt

Nach Streit um die Streichung von drei nominierten Buchläden sagt Kulturstaatsminister Weimer die Preisverleihung ab. Er hält eine angemessene Würdigung der Gewinner nicht für möglich.

10.03.2026 | 1:49 min

"Wo das freie Wort zu Hause ist" - Unter diesem Motto sollte in genau einer Woche der Deutsche Buchhandlungspreis an 118 besonders engagierte Buchläden verliehen werden.

Dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer drei Buchhandlungen wegen "verfassungsrechtlicher Bedenken" von der Nominierungsliste strich, ist juristisch heikel und landet nun vor gleich mehreren Gerichten.

... zeichnet die Bundesrepublik Deutschland seit 2015 unabhängige, inhabergeführte Buchhandlungen in Deutschland aus. Bei der jährlichen Verleihung werden 118 Buchhandlungen in verschiedenen Kategorien ausgezeichnet. Verbunden mit der Auszeichnung ist ein Preisgeld von 7.000 bis 25.000 Euro.


Weimer lässt Buchhandlungen von Verfassungsschutz überprüfen

Zentraler Grund für die Bedenken ist eine umstrittene Abfrage beim Bundesamt für Verfassungsschutz. Der Kulturstaatsminister ließ die drei linksgerichteten Buchhandlungen "The Golden Shop", "Rote Straße" und "Zur schwankenden Weltkugel" vor der Streichung nach dem sogenannten Haber-Verfahren überprüfen.

... handelt es sich um die Abfrage einer Behörde beim Bundesamt für Verfassungsschutz, ob gegen eine Organisation oder eine Person nachrichtendienstliche Erkenntnisse vorliegen. Das Verfahren kommt bei der Überprüfung öffentlich geförderter Projekte zum Einsatz. Die Betroffenen werden über die Abfrage nicht informiert.


Der Buchladen "Golden Shop" in der Fehrfeld-Straße in Bremen.

Der Buchladen "Golden Shop" in Bremen

Quelle: dpa

Dass das Haber-Verfahren bei der Preisverleihung in Betracht kommt, liegt daran, dass staatliche Preisgelder vergeben werden. Die Kritik an der Anwendung des Verfahrens im Fall des Buchhandlungspreises ist gleichwohl groß:

"Das sogenannte Haber-Verfahren soll verhindern, dass staatliches Geld extremistischen Vereinigungen zugutekommt", erklärte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Sebastian Guggolz gegenüber dem Hessischen Rundfunk.

Allein schon bei der Begriffswahl merkt man, wenn man dann von Buchhandlungen spricht, dass da was nicht stimmen kann.

Sebastian Guggolz, Börsenvereins-Vorsteher des Deutschen Buchhandels

Unterwegs mit Wolfram Weimer

Regelmäßig ist Cherno Jobatey mit Politikern im Gespräch, um sie in ihrem privaten Umfeld zu zeigen. Dieses Mal ist der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Wolfram Weimer zu Gast.

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Kontroverse Diskussion um Datenabfrage

Zudem wird kontrovers diskutiert, ob für die Datenabfrage im konkreten Fall eine ausreichende Rechtsgrundlage besteht. Vielfach wird die Datenabfrage im Haber-Verfahren auf Paragraf 19 Absatz 1 des Bundesverfassungsschutzgesetzes gestützt.

Hiernach darf das Bundesamt für Verfassungsschutz personenbezogene Daten an andere Behörden unter anderem dann weitergeben, wenn von einer Person eine konkrete Gefahr für die freiheitlich demokratische Grundordnung ausgeht. Eigentlich dient diese Norm dem Staatsschutz. Es ist umstritten, ob die Vorschrift beim Haber-Verfahren im Rahmen der Vergabe staatlicher Förderungsmittel angewendet werden kann.

Markus Lanz vom 19. Juni 2025: Markus Lanz, Wolfram Weimer, Felix Banaszak, Julia Löhr

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Anwalt kritisiert Einflussnahme auf Kulturpolitik

Sven Adam, Rechtsanwalt einer der betroffenen Buchhandlungen, umreißt seine Bedenken gegenüber ZDFheute wie folgt: "Der Verfassungsschutz darf nur dann Daten weitergeben, wenn es wirklich um höherrangige sicherheitsrelevante Belange geht."

Es ist nicht seine Aufgabe, Einfluss auf die Kulturpolitik zu nehmen.

Sven Adam, Rechtsanwalt

Adam kritisiert außerdem die mangelnde Transparenz des Verfahrens: "Intransparenter kann ein Verfahren nicht sein. Wären die Anwendung des Haber-Verfahrens und die Streichung der Buchhandlungen von der Liste der Preisträger nicht an die Presse durchgestochen worden, hätten die Buchhandlungen von diesem Vorgang nie erfahren."

Sie wurden sogar offensiv belogen, um sie im Glauben zu lassen, sie seien von der Jury nicht ausgewählt worden.

Sven Adam, Rechtsanwalt

Hierzu verweist Adam auf eine Absagemail an die drei Buchhandlungen, in der von einer Nichtauswahl durch die unabhängige Jury die Rede war. Die Jury selbst hingegen sprach in einer Stellungnahme Anfang der Woche davon, dass die nachträgliche Entscheidung, die drei Buchhandlungen von der Liste der Preisträger zu streichen, vom Bundesbeauftragten getroffen worden sei.

Zu erkennen ist Weimer wie er in die Kamera schaut

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"Standardisierte Absage": Sprecherin von Weimer verteidigt Vorgehen

Eine Sprecherin Weimers begründete das Vorgehen bei der Absage damit, dass eine "standardisierte Absage" wie an andere abgelehnte Bewerber verschickt worden sei. "Aus Gründen des Geheimschutzes gab es in den betreffenden drei Sonderfällen keine andere Handhabe", so die Sprecherin.

Wegen der Absagemail möchte Rechtsanwalt Adam nach eigener Aussage nun eine Dienstaufsichtsbeschwerde an das Kanzleramt prüfen, dessen Geschäftsbereich der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien zugeordnet ist.

Jannik Jaschinski von der Gesellschaft für Freiheitsrechte sieht ein grundsätzliches Problem in intransparentem Vorgehen von Behörden: Bei der Entscheidung über die Vergabe staatlicher Fördermittel könnten Kriterien wie die Verfassungstreue zwar unter Umständen eine Rolle spielen. Doch ein intransparenter Informationsaustausch zwischen Behörden erschwere einen effektiven Rechtsschutz.

Das erschwert eine gerichtliche Kontrolle und legt die Sorge nahe, dass irrelevante oder vorgeschobene Erkenntnisse anstelle einer gut begründeten Auswahlentscheidung treten.

Jannik Jaschinski, Verfahrenskoordinator bei der Gesellschaft für Freiheitsrechte

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Buchhandlungen gehen den Rechtsweg

Die drei von der Preisliste genommenen Buchhandlungen jedenfalls beschreiten nun den Rechtsweg. Eingereicht wurde eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Berlin gegen den Bundesbeauftragten für Kultur und Medien auf Vergabe des Preises. Hierbei soll auch die Rechtmäßigkeit des Haber-Verfahrens geprüft werden.

Eine weitere Klage richtet sich vor dem Verwaltungsgericht Köln gegen das Bundesamt für Verfassungsschutz. Darin wird die Weitergabe der Informationen durch den Verfassungsschutz gerügt.

Buchhandlungen fordern Transparenz

Außerdem wollen die Buchhandlungen Auskunftsansprüche gegen Weimers Behörde und das Bundesamt für Verfassungsschutz geltend machen, um genauer zu erfahren, welche Erkenntnisse über sie mitgeteilt wurden.

Der Fall des Deutschen Buchhandlungspreises könnte also Anlass geben für eine gerichtliche Klärung ganz grundsätzlicher Fragen zu den Befugnissen des Verfassungsschutzes und anderer Behörden in Bezug auf das Haber-Verfahren.

Leticia Enders, Fabio Leiendecker und Samuel Kirsch arbeiten in der ZDF-Redaktion Recht und Justiz.

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Quelle: dpa

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Über dieses Thema berichteten die heute-Nachrichten am 10.03.2026 ab 19 Uhr.

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