Zehfuß: "Bei Flashover keine Chance, wenn man noch im Raum ist"

Interview

Brandschutz-Experte Zehfuß :"Bei Flashover keine Chance, wenn man noch im Raum ist"

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Brandschutz-Experte Zehfuß, TU Braunschweig, erklärt den "Flashover" - wie der offenbar durch Sprühfontänen ausgelöste Deckenbrand sekundenschnell zum Flammeninferno werden konnte.

Jochen Zehfuß im Gespräch mit Marietta Slomka

Sehen Sie hier das Interview mit Brandschutz-Experte Zehfuß in voller Länge.

02.01.2026 | 5:03 min

Nach der verheerenden Brandkatastrophe von Crans-Montana in der Schweiz bleiben viele Fragen offen. Wie konnte sich das Feuer in so kurzer Zeit derart unkontrollierbar ausbreiten? Um diese Vorgänge besser zu verstehen, hat das ZDF heute journal mit dem Brandschutz-Experten Jochen Zehfuß von der Technischen Universität Braunschweig gesprochen.

Sehen Sie das Interview oben in voller Länge im Video oder lesen Sie es unten in Auszügen.

Im Gespräch mit dem ZDF heute journal betont Zehfuß, dass ...

... man vor einem Flashover schnell den Raum verlassen muss

Die Kantonsregierung des Wallis schrieb in einer Mitteilung von einem sogenannten "Flashover" in der Bar. Dabei handele es sich um ein Brandphänomen, bei dem ein zunächst kleiner Brand innerhalb kürzester Zeit in einen Vollbrand übergeht, bei dem dann alle brennbaren Stoffe, alle brennbaren Utensilien im Raum brennen, erklärt Professor Zehfuß.

Nach Einschätzung des Experten sei dieses Szenario durchaus plausibel. Ausgelöst worden sein könne der Flashover durch pyrotechnische Effekte wie Sprühfontänen. Diese hätten offenbar eine brennbare Akustikdämmung im Deckenbereich entzündet.

Eine 3D-Visualisierung des Brandstarts nach oben in der Bar "Le Constellatiobn" in Crans-Montana, Schweiz.

Nach dem verheerenden Feuer in einer Bar in Crans-Montana stellen sich viele Fragen: Wie war die Bar aufgebaut und wie viele Fluchtwege gab es?

Quelle: ZDF

Der Brand habe sich zunächst langsam entwickelt, doch die entstehenden heißen Gase hätten sich sehr schnell unter der Decke ausgebreitet. "Wenn diese heißen Gase, die sich im Deckenbereich im ganzen Raum sehr schnell ausgebreitet haben, dann entsprechend hohe Temperaturen erreichen, ungefähr 500, 600 Grad, dann ist dort eine große Menge an Energie gespeichert, die dann auch rückstrahlt auf die am Boden befindlichen brennbaren Gegenstände wie Sessel, Tische."

Dann brennt der ganze Raum, dann hat man da so eine Feuerwalze und dann spricht man vom Flashover. Da hat man dann eigentlich keine Chance mehr, wenn man dann noch im Raum ist.

Jochen Zehfuß, Brandschutz-Experte

Man sei dann absolut handlungsunfähig. Entscheidend sei deshalb, den Raum rechtzeitig zu verlassen.

Schweiz, Bar, Crans-Montana

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... mehrere Faktoren zu der Katastrophe führten

Für viele Menschen besonders erschütternd: Scheinbar harmlose Tischfeuerwerke oder Wunderkerzen können eine solche Wirkung entfalten. Zehfuß macht jedoch deutlich, dass nicht ein einzelner Faktor allein verantwortlich sei. Entscheidend sei das Zusammenspiel mehrerer Umstände, insbesondere die Nähe zu leicht entflammbaren Materialien.

Die verwendete Akustikdämmung habe sich unter den hohen Temperaturen entzündet, wodurch sich das Feuer im Deckenbereich rasch ausbreiten konnte. Nach deutschen Vorschriften seien solche brennbare Dämmstoffe in Versammlungsräumen nicht zulässig.

Solche Katastrophen entstünden fast immer durch das Zusammenwirken mehrerer Fehlerquellen. "Es sind sicherlich nicht nur die Fontänen, wenn auch die sicherlich Auslöser sind", so Zehfuß.

Eine 3D-Visualisierung des Brandstarts nach oben in der Bar "Le Constellatiobn" in Crans-Montana, Schweiz.

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... ein Feuerlöscher hätte helfen können

Auf Videoaufnahmen war zu sehen, wie Anwesende versuchten, die Flammen mit Kleidungsstücken oder Tischdecken zu ersticken. "Ein Feuerlöscher hätte helfen können, wenn der natürlich dort vorhanden gewesen wäre, also in kurzer Entfernung, dann hätte man da natürlich viel effektiver die Flammen löschen können."

Sobald der Brand jedoch eine gewisse Größe erreicht habe, sei es nicht mehr möglich den Brand selbstständig zu löschen. "Dann kann das eigentlich auch nur die Feuerwehr machen. Und da heißt es dann also, den Raum schnellstmöglich zu verlassen."

ZDF-Reporterin Anna-Maria Schuck

Anna-Maria Schuck spricht mit uns über die Suche nach der Brandursache und die Herausforderungen bei der Identifizierung der Opfer – während Angehörige auf Antworten warten.

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... die Identifizierung der Opfer schwierig ist

Die Identifizierung der Opfer sei aufgrund der extremen Hitzeentwicklung außerordentlich schwierig, erklärt Zehfuß. "Das ist sehr schwierig, weil die Opfer sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt." Auch persönliche Gegenstände seien zerstört, weshalb eine Identifizierung vor Ort kaum möglich sei.

Sie erfolge dann über Zahnvergleiche und DNA-Tests. Die Situation sei nicht nur technisch anspruchsvoll, sondern auch psychisch äußerst belastend für die Einsatzkräfte.

Das Interview führte Marietta Slomka, zusammengefasst hat es Katharina Schuster.

Über dieses Thema berichteten mehrere Sendungen, darunter das ZDF heute journal am 02.01.2025 ab 22:40 Uhr.
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