Bombendrohungen und Cybermobbing:Wie Internet-Trolle Hunderte Polizeieinsätze auslösen
von Julia Klaus und Daniel Laufer
Eine Szene junger Männer verschickt falsche Bombendrohungen an Schulen und terrorisiert einzelne Menschen über Jahre. Dabei trickst sie sogar die Polizei aus.
Sie verschicken falsche Bombendrohungen an Schulen, Einkaufszentren und Bahnhöfe – seit Jahren terrorisiert eine Szene aus Internet-Mobbern und Cyberkriminellen ihre Opfer.
17.03.2026 | 10:25 minDie E-Mail, die im Dezember 2024 im Postfach der Schule in Mannheim landet, hat es in sich. Ein angeblicher "Abu Ibrahim" behauptet, um 12 Uhr werde eine Bombe explodieren. Die Schulleitung ist geschockt - und wendet sich umgehend an die Polizei.
Auch heute noch fragt sich Eva-Maria Kuonath:
Warum will man Schulen als Ziel angreifen?
Eva Maria Kuonath, Schulleiterin "Das Kurpfalz"
Sie leitet das Gymnasium und die Realschule "das Kurpfalz". Wer auf Schulen ziele, ziele auf Kinder. Kurz darauf gibt die Polizei Entwarnung - die E-Mail ist Teil einer bundesweiten Serie. Die Drohmails behaupten ein islamistisches Motiv, in Wirklichkeit sind sie das Werk von Gruppierungen von Internet-Trollen, die Ermittlungsbehörden für kriminell halten.
Es wurden Hunderte Bombendrohungen verschickt: An Schulen, Einkaufszentren und Bahnhöfen. Die Polizei hat Objekte von vier Beschuldigten sowie einem Zeugen durchsucht.
25.11.2025 | 0:41 minTatverdächtige prahlen in Chats
Chats, Ton- und Bildschirmaufnahmen, die ZDF frontal, dem "Spiegel", dem "Standard" und dem ZDF Magazin Royale vorliegen, geben Einblick in diese Szene. Einen Tag nach der Drohung gegen "das Kurpfalz" in Mannheim prahlte ein Jugendlicher in einem Sprachchat, er habe "was Schulen angeht" bereits "al-Kaida und den IS überholt". Der junge Mann soll der Chatgruppe "Schweinetreff" angehören und sich zudem im Umfeld einer Gruppe bewegt haben, die sich "NWO" nennt - New World Order.
Im November 2025 durchsuchte das Bundeskriminalamt (BKA) Wohnungen mutmaßlicher Mitglieder des "Schweinetreffs". Die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Mit falschen Bombendrohungen soll die Gruppe in Deutschland und Österreich Hunderte Polizeieinsätze ausgelöst haben. Einkaufszentren wurden evakuiert und der Betrieb von Bahnhöfen wurde unterbrochen.
Wie viele Personen der Szene insgesamt angehören, ist unklar: Es könnten Dutzende sein, vielleicht auch Hunderte. Laut Recherchen von ZDF frontal wurden aus dem Umfeld der "NWO" allein im vergangenen Jahr Tausende Bombendrohungen verschickt. Mit falschen Notrufen löst die Szene zudem immer wieder Polizeieinsätze bei Unbeteiligten aus - sogenanntes "Swatting" - und terrorisiert einzelne Menschen über Jahre hinweg. Einem Gerichtsurteil zufolge sind die Angehörigen dieser Szene vor allem männlich und zwischen 16 und 35 Jahre alt.
"Gamifizierung" der Gewalt
Die Täter behandelten ihre Opfer beinahe wie Spielfiguren und machten deren Reaktionen zu Trophäen, sagt die Medienpsychologin Josephine Schmitt vom Center for Advanced Internet Studies. Sie spricht von einer "Gamifizierung" der Gewalt, die Distanz zwischen den Tätern und den Folgen ihres Handelns schaffe: "Man kann sich selbst davon überzeugen, dass moralische Standards im Digitalen keine Rolle spielen oder dass man nicht empathisch sein muss, weil man ja vermeintlich nichts macht."
Wie skrupellos die Szene vorgeht, zeigt der Fall der österreichischen Influencerin Pia Scholz, im Netz bekannt als "Shurjoka". Gegenüber ZDF frontal sagt sie:
Die 'NWO' hat meine Existenz vollständig zerstört.
Pia Scholz alias Shurjoka
Scholz leide an Angststörungen und Panikattacken. 2024 meldete ein Anrufer bei der Polizei in Graz eine frei erfundene Geiselnahme und löste so einen Polizei-Einsatz an der Adresse eines Familienmitglieds von Scholz aus.
"Es wurden unter falschem Vorwand Polizeieinsätze gegen meine Adresse, gegen die von meinem vermeintlichen Umfeld, gegen meine Familie, gegen meinen Partner, gegen meinen Arbeitgeber, gegen Werbepartner, gegen Freunde ausgelöst", sagt Scholz im Gespräch mit ZDF frontal.
Scholz sagt, Angehörige der Szene gäben sich gar als Polizisten aus, um dann Adressen bei der Polizei abzufragen.
Angriff virtuell, Schaden echt:Razzia bei Cybergruppe "New World Order"
Adressabfragen bei der Polizei
Tatsächlich kursieren Screenshots von mutmaßlichen Auskünften aus Polizeidatenbanken. ZDF frontal liegt zudem die E-Mail eines Polizisten der Direktion Itzehoe vor. Ein vermeintlicher Kollege hatte sich dort telefonisch und anschließend per E-Mail gemeldet und um eine Personalienfeststellung gebeten.
Der Polizist aus Itzehoe schickte ihm daraufhin zwei Privatadressen. Was er nicht wusste: Der Empfänger war gar kein Polizist, sondern gehörte dem Umfeld der "NWO" an. Auf Anfrage von ZDF frontal schreibt das zuständige schleswig-holsteinische Innenministerium, dass hierbei aus Sicht des Landespolizeiamts kein Fehlverhalten vorliege.
Christian Ehringfeld, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, widerspricht:
Am Ende ist es natürlich ein Fehlverhalten.
Christian Ehringfeld, Gewerkschaft der Polizei
Das Problem sei aber ein strukturelles - und ein politisch gemachtes. Die Polizei verwende "im Grunde noch Technik aus dem letzten Jahrhundert", kommuniziere oft auch untereinander unverschlüsselt. Dabei gebe es längst Lösungen für verschlüsselte Kommunikation.
Fragen wirft auch der Umgang der Polizeidirektion Itzehoe mit dem Vorfall auf. Als sie im Dezember durch eine Anfrage von ZDF frontal davon erfahren hatte, hätte sie ihn umgehend der Datenschutzaufsicht melden müssen. Eine solche Meldung erfolgte jedoch erst durch das Landesinnenministerium - und zwar nach einer weiteren Anfrage von ZDF frontal Anfang März - laut der Landesdatenschutzbeauftragten ein klarer Gesetzesverstoß.
Mehr zu diesem Thema und weitere Recherchen des Investigativformats frontal sehen Sie am Dienstag um 21 Uhr im ZDF-Programm im TV und jederzeit abrufbar in der Streamingplattform des ZDF.
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