Was Altersdiskriminierung bedeutet:"Wir haben Altersstereotype im Kopf" und grenzen aus
von Simone Grabs
Ältere Menschen gelten als erfahren. Doch im Alltag werden ihnen oft Türen verschlossen. Wie Altersgrenzen bei Krediten, Versicherungen und im Beruf manches Leben prägen.
60-Jährige fühlen sich oft jünger als von außen wahrgenommen, sind fit und leistungsbereit. Doch sie bekommen kaum mehr Jobs, werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
24.03.2026 | 28:40 minOb beim Kreditantrag, in Bewerbungsgesprächen oder bei Versicherungen: Menschen jenseits der 50 erleben immer häufiger, dass ihr Alter zum Hindernis wird. Dabei ist Diskriminierung aufgrund des Alters gesetzlich verboten. Trotzdem berichten Betroffene, dass Vorurteile und pauschale Entscheidungen ihren Alltag beeinflussen.
Kampf darum, jenseits der 50 als leistungsfähig wahrgenommen zu werden
60- bis 80-Jährige fühlen sich häufig deutlich jünger, als sie von außen eingeschätzt werden. Studien zeigen, dass ihre aktive Lebenswirklichkeit wenig mit den Bildern zu tun hat, die gesellschaftlich verbreitet sind. Oft werden sie - ungeachtet ihrer Fitness, Erfahrung oder Erwerbsbiografie - in die "Schublade Alt" einsortiert.
Das erleben auch die 68-jährige Katrin Schwahlen und der 58-jährige Klemens Schüttgen. In der 37-Grad-Reportage "Zu jung fürs Abstellgleis" zeigen sie, wie jeder auf seine eigene Weise darum kämpft, weiterhin als leistungsfähig wahrgenommen zu werden.
Laut einer Befragung werden rund neun Millionen Menschen im Alltag, im Job oder bei Behörden benachteiligt. Musliminnen mit Kopftuch sind besonders betroffen.
10.03.2026 | 1:37 minÄltere werden "unsichtbarer" im Job und im Alltag
Für Klemens Schüttgen als Werbefachmann sei es schwer geworden, Aufträge zu bekommen: Nicht wegen mangelnder Kompetenz, sondern weil Kunden lieber Jüngere engagieren. "Insofern überrascht das einen, wenn man plötzlich davorsteht und merkt, es geht gar nicht mehr bergauf", erzählt Schüttgen.
Man kriegt keine Aufträge mehr, man wird unsichtbarer.
Klemens Schüttgen, 58-jähriger Werbefachmann
Die freiberufliche Online-Redakteurin Katrin Schwahlen steht noch voll im Erwerbsleben und erlebt Diskriminierung im Alltag: "Ältere Menschen werden häufig nicht mehr wahrgenommen, außer wenn sie stören. Das ist nicht schön, man fühlt sich wertlos."
Katrin Schwahlen ist Online-Redakteurin und fühlt sich unsichtbar, seitdem sie über 60 ist. Dabei steht sie noch voll im Berufsleben.
Quelle: ZDFLaut Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz müssen Unternehmen zwar diskriminierungsfrei handeln - von der Stellenausschreibung über Beförderungen bis zum alltäglichen Umgang. Doch viele Beschäftigte berichten, dass subtilere Formen der Benachteiligung häufig übersehen werden: weniger Verantwortung, seltener Weiterbildungen, kaum Entwicklungsperspektiven.
Mit 70 Jahren auf Weltreise: Andrea Kemmler lebt als "Granny Au-Pair" bei Gastfamilien rund um die Welt und erlebt Abenteuer, während sie Kinder betreut und Kulturen hautnah kennenlernt.
02.03.2026 | 3:36 minViele Banken haben Altersgrenze für Kredite
Die Benachteiligung zeigt sich auch bei Bankgeschäften. Eine Untersuchung des Instituts für Finanzdienstleistungen besagt, dass viele Kreditinstitute Altersgrenzen festlegen, durchschnittlich liegen sie bei 67 Jahren. Ältere Antragsteller bekommen oft keine Kredite - selbst dann nicht, wenn ihre finanzielle Lage solide ist. Die Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, warnte bereits, dass solche pauschalen Ablehnungen "zu ernsthaften Problemen führen können, etwa wenn ältere Hausbesitzende ihre Heizung erneuern müssen".
Es gibt immer mehr ältere Menschen. Doch diese sind Stereotypen und Vorurteilen ausgesetzt. Buchautor Bertram Kasper erklärt, wo Altersdiskriminierung vorkommt und warum sie problematisch ist.
24.03.2026 | 5:26 minAltersstereotype im Kopf
Wie tief die Vorstellungen über Leute ab 50 Jahren sitzen, erläutert Gerontopsychologin Eva-Marie Kessler: "Wir haben Altersstereotype im Kopf: dass man senil wird, unflexibel und konservativ. Dadurch grenzen wir Menschen aus", sagt Kessler, die seit Jahren zu Altersbildern forscht.
Und wenn wir selbst alt werden, übertragen wir diese Vorstellungen auf uns. Diese Glaubenssätze machen uns nachweislich psychisch und körperlich kränker.
Eva-Marie Kessler, Gerontopsychologin
Die demographische Entwicklung stellt das Rentensystem vor immer größere Probleme: Waren es 2020 noch 16,7 Millionen Menschen ab 67 Jahren, sollen es 2040 knapp 21 Millionen sein.
16.02.2026 | 1:47 minRealistisches Bild des Älterwerdens gefordert
In seinem Podcast diskutiert der 63-jährige Bertram Kasper regelmäßig über das Altern in unserer Gesellschaft. "Wir brauchen eine Kultur des Pro Agings", sagt er. Für ihn geht es nicht ums "Schönreden", sondern um ein realistisches, aber selbstbestimmtes Bild des Älterwerdens. "Wenn wir die Herausforderungen, die vor uns liegen, meistern wollen, dann geht das nur, wenn Jung und Alt zusammenarbeiten."
Altersdiskriminierung betrifft nicht nur Einzelne. Sie ist ein gesellschaftliches Problem mit ökonomischen Folgen. Wenn Menschen ausgebremst werden, obwohl sie leistungsfähig, motiviert und erfahren sind, verliert die Gesellschaft wertvolle Kompetenzen. Die Betroffenen wünschen sich vor allem eines: gesehen zu werden - nicht als "ungelenke Senioren", sondern als Menschen mit Fähigkeiten, Plänen und Energie.
Simone Grabs ist Redakteurin in der ZDF-Redaktion Religion und Leben.
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