Rückfallquoten bei Straftätern:"Offener Vollzug senkt die Rückfallwahrscheinlichkeit"
Woher weiß man, wer nach der Haft wieder Straftaten begeht? Wie kann man das verhindern? Welche Faktoren für den Psychologen Merten Neumann entscheidend sind.
Haft soll Straftäter bestrafen und zugleich auf ein Leben ohne weitere Straftaten vorbereiten. Wie gut das gelingt, hängt auch von den Bedingungen im Vollzug ab.
Quelle: dpaDie ZDFinfo-Dokumentation "Schuld und Sühne - Schüsse aus der Finsternis" erzählt die Geschichte von Rudolf R., der in den 1970er-Jahren einen Mann ermordet hat. Nach der Haft begeht er Raubüberfälle und tötet ein weiteres Mal. Wie geschehen solche Wiederholungstaten? Was sind Anzeichen dafür, dass jemand wie R. wieder Verbrechen begeht? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Psychologe Merten Neumann vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen.
Üblicherweise sind Polizisten diejenigen, die zur Aufklärung der Verbrechen beitragen. In dieser Folge von "Schuld und Sühne" gerät die Polizei selbst in die Schusslinie von Kriminellen.
26.04.2024 | 42:48 minZDFheute: Herr Neumann, einmal Mörder, immer Mörder - ist das die Regel?
Merten Neumann: Nicht unbedingt. Es ist zumindest selten, dass Personen, die Morddelikte begangen haben, nochmal mit einem Tötungsdelikt auffällig werden. In einer Untersuchung über zwölf Jahre nach der Haftentlassung waren das 0,5 Prozent der Fälle.
... ist Psychologe mit dem Schwerpunkt auf Risikoeinschätzung bei Straftätern. Er promovierte an der Universität Hildesheim zu Prognosen bei Vollzugslockerungen, unterrichtet an der Universität Hannover und arbeitet seit 2017 am Kriminalistischen Forschungsinstitut Niedersachsen.
ZDFheute: Gibt es Indikatoren für die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls nach der Haft?
Neumann: Eines der grundlegendsten prognostischen Merkmale ist das Geschlecht: Männer begehen einfach häufiger Straftaten.
Je älter die Leute werden, desto geringer wird die Rückfallwahrscheinlichkeit.
Unterbesetzte Behörden, ungelöste Fälle: Für manche Ermittlungen fehlen der Polizei Zeit und Mittel. Ehrenamtliche springen ein und suchen Vermisste, analysieren Daten und klären Cold Cases.
30.07.2026 | 43:30 minEin weiterer Faktor ist, wenn jemand immer wieder ganz verschiedene Arten von Delikten begeht, zum Beispiel einen Diebstahl und zusätzlich eine Körperverletzung. Das ist häufig ein Zeichen für antisoziale oder psychopathische Persönlichkeitseigenschaften, zum Beispiel Verantwortungslosigkeit, ein Problem mit Empathie und fehlende Reue.
Und dann gibt es manche Einstellungen, die Straftaten wahrscheinlicher machen, zum Beispiel wenn jemand denkt, dass Kriminalität ein legitimes Mittel zum Zweck darstellt.
Die JVA Dortmund bietet verschiedene Beschäftigungen an, durch die Inhaftierte Regeln und Fertigkeiten für den Alltag nach der Haft lernen sollen.
04.01.2026 | 7:46 minZDFheute: Wann sind solche Prognosen erforderlich?
Neumann: Das kommt sehr häufig vor: Bei der Sicherheitsverwahrung, aber zum Beispiel auch bei bestimmten Entlassungsentscheidungen oder bei Vollzugslockerungen. Meist erstellen Sachverständige Gutachten zu der Frage, welche Straftaten mit welcher Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind, und das Gericht entscheidet dann, ob das sicher genug ist oder nicht.
ZDFheute: Basierend auf Statistiken trifft man Entscheidungen für eine Einzelperson. Kann das nicht problematisch sein?
Neumann: Unter Umständen ja. Der deutsche Gesetzgeber hat das gelöst, indem er gesagt hat: Ihr dürft dieses Vorgehen anwenden - alles andere wäre auch ziemlich blödsinnig -, weil es ziemlich gut funktioniert.
Aber neben den standardisierten Verfahren mit den statistischen Merkmalen macht man noch eine Einzelfallbetrachtung.
Es gibt ein langes Gespräch mit dem Probanden, man guckt sich die Akten an und überlegt sich: Was war bei der konkreten Person die Ursache für das kriminelle Verhalten? Und was müsste auftreten, damit das nochmal passiert?
Sehen Sie die Doku-Reihe "Schuld und Sühne mit Paulina Krasa" jederzeit im ZDF-Streaming-Portal.
ZDFheute: Wie hoch ist die Rückfallquote in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern?
Neumann: Wenn man sich einen Zeitraum von zwölf Jahren anschaut, liegt die Quote von Menschen, die wieder verurteilt werden, bei etwa 50 Prozent. Bei Personen, die eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung bekommen haben, liegt die Rückfallquote innerhalb von zwölf Jahren nach der Haft bei 65 Prozent. Meistens sind es Eigentumsdelikte, zum Beispiel Diebstahl oder Betrug. Auch recht häufig sind Körperverletzungsdelikte. Deutlich seltener sind aber schwere Gewalt- oder Sexualstraftaten oder sogar Straftaten gegen das Leben.
Ein Rentner verschwindet spurlos. Blutspuren, ein rätselhaftes Testament und seine Hündin führen Ermittler auf die Spur eines mutmaßlichen Tötungsdelikts - ohne Leiche, voller Rätsel.
08.08.2026 | 44:36 minMit anderen Ländern ist es schwer zu vergleichen: Selbst, wenn man sich nur die Rückfallquoten von Menschen anschaut, die in Haft waren, sind die Systeme zu unterschiedlich, um sinnvolle Aussagen zu treffen. Manche Länder verhängen beispielsweise viel früher Gefängnisstrafen als wir, andere später.
Prinzipiell scheint aber das Gefängnissystem zum Beispiel in nordischen Ländern besser zu funktionieren, etwa in Norwegen. Sie arbeiten dort viel mehr mit offenem Vollzug: Da sind Menschen eigenverantwortlicher organisiert, zum Beispiel kochen sie selbst und können tagsüber die Einrichtung verlassen, um zu arbeiten.
Offener Vollzug senkt die Rückfallwahrscheinlichkeit.
Europaweit sind die Gefängnisse überfüllt und personell unterbesetzt. Hohe Rückfallquoten lassen Zweifel am bestehenden System aufkommen. Welche Alternativen bieten offene Gefängnisse?
23.05.2026 | 29:33 minZDFheute: Warum senkt offener Vollzug die Rückfallwahrscheinlichkeit?
Neumann: Man kann es immer herunterbrechen auf die Frage: Was ist die näher liegende Handlung, Gesetze zu übertreten oder nicht? Haft schränkt oft den normkonformen Spielraum ein, ich habe zum Beispiel weniger Möglichkeiten, regulärer Arbeit nachzugehen, weil viele Arbeitgeber mich nicht anstellen wollen. Auf der anderen Seite habe ich auf einmal viel mehr Kontakte mit Leuten, die mir zeigen, wie ich auf kriminellem Weg meine Ziele erreichen kann.
Die Vermutung ist, dass ein offener Vollzug Schäden abmildern kann, die durch die Haft entstehen, zum Beispiel den Verlust von sozialen Kontakten oder von einem Arbeitsplatz. Wenn Menschen autonomer sind, ist ihr Wohlbefinden größer, was auch wieder hilft, im normalen Alltag klarzukommen.
Nach einem Streit mit ihrem Ehemann verschwindet Dorota G. spurlos. Die Polizei sucht mit Hundertschaften und Spürhunden nach ihr. Doch die Mutter scheint wie vom Erdboden verschluckt.
26.05.2026 | 43:34 minZDFheute: In Ihrer Studie über den offenen Vollzug schreiben Sie, in den 1990er-Jahren habe es in Deutschland noch etwa 20 Prozent offenen Vollzug gegeben, heute seien es nur noch 14 Prozent. Wenn der offene Vollzug bei der Resozialisierung hilft, warum wird er immer seltener?
Neumann: Da müssen Sie Leute aus der Politik fragen. Es gibt immer mal wieder Phasen, in denen die Rechte von Personen in Haft wichtiger erscheinen. Aktuell sind wir eher auf einem restriktiven Weg - und das, obwohl wir aus der Forschung ziemlich gut wissen, wie das System verbessert werden könnte.
Das Interview führte Rebecca Ricker.
Lassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Mehr zum Thema Kriminalität
Aktenzeichen XY vom 19.08.2026:Seit 2000 vermisst: Zwölfjährige Sandra Wißmann aus Berlin
mit Video1:28- FAQ
1994 in Koblenz getötete US-Touristin:Angeklagter gesteht Mord an Amy Lopez
mit Video1:01 Oberlandesgericht Stuttgart:Urteil und Freisprüche für "Wegwerfagenten"
von Charlotte Greipl und Viviane Rinderknechtmit Video1:34Trabi-Mord in Brandenburg:Wie ein Dreifachmörder fast der Justiz entkam
von Bettina Blaßmit Video44:59
Weitere ZDFinfo-Dokus
- Vorab
Doku | ZDFinfo Doku:Killerroboter - Wie Maschinen töten lernen
Video44:48 - Vorab
Doku | ZDFinfo Doku:Russlands Schattenarmee in Europa
Video43:28 Doku | ZDFinfo Doku:Japan: Disziplin, Drill und Sprechverbote
Video43:50Doku | ZDFinfo Doku:Brasilien: Mütter und Mörderinnen
Video44:00