Wie Pflanzenzucht die Ernährung sichert | Terra-X-Kolumne

Kolumne

Wissens-Kolumne von NANO und Terra X:Die Zukunft der Landwirtschaft liegt in ihrer Vergangenheit

von Lars Dittrich

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Die Zukunft der Landwirtschaft liegt in alten Pflanzensorten. Aber was, wenn Archive versagen? Das ist schon passiert - und wir hatten Glück.

Terra X - Die Wissens-Kolumne: Lars Dittrich


Ohne Pflanzenzucht gäbe es keine Städte, keine Zivilisation - und vielleicht nicht einmal uns. Mit modernem wissenschaftlichen Verständnis erreichte sie neue Dimensionen. Heute ermöglicht sie die Ernährung einer Zahl von Menschen, die lange nicht für möglich gehalten wurde.

In der Wissens-Kolumne von NANO und Terra X auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpertinnen und Gastexperten jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.


Aber die Pflanzenzucht steht vor enormen Herausforderungen. Klima und Umwelt verändern sich: Schädlinge und Krankheitserreger passen sich schnell an und erfordern ständig Zuchtanpassung, sonst sinkt der Ertrag. Doch das reicht nicht, der Ertrag muss steigen. Denn die Weltbevölkerung wird voraussichtlich erst bei etwa zehn Milliarden Menschen aufhören zu wachsen.

Warum neue Pflanzen die Ernährung sichern

Damit wir nicht die letzten Wildflächen opfern, müssen wir auf derselben Ackerfläche mehr Nahrung erzeugen - mit weniger Dünger und Pestiziden, weil sie die Umwelt belasten. Gleichzeitig verlangt eine krisensichere Ernährung Vielfalt, denn einzelne Sorten können jederzeit einem Krankheitserreger zum Opfer fallen.

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Zuchtlücken und ungenutzte Chancen

Um all das zu erreichen, müssen wir ungenutzte Potenziale erschließen. Eines davon: Regionen stärken, die bisher züchterisch unterversorgt sind. In finanzstarken Regionen wie Europa oder Nordamerika sorgt ein funktionierender Pflanzenzuchtmarkt seit Jahrzehnten für steigende Erträge.

Anderswo - etwa in Teilen Afrikas oder Lateinamerikas - stagnieren die Erträge. Dort bemühen sich nationale und internationale öffentliche Institute um verbesserte, auf regionale Anforderungen zugeschnittene Sorten. Aber die Erfolge sind nicht mit denen der Industrieländer vergleichbar.

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Menschheit lebt größtenteils von drei Pflanzenarten

Ein weiteres ungenutztes Potenzial sind sogenannte Orphan Crops, übersetzt "Waisen-Nutzpflanzen". Momentan wird etwa die Hälfte des Kalorienbedarfs der Menschheit aus nur drei Arten von Pflanzen gespeist - Weizen, Mais und Reis.

Orphan Crops sind selten angebaute Nutzpflanzen wie Quinoa oder Buchweizen. Würden diese Arten stärker durch Zucht optimiert, ließen sich ertragreiche Sorten für verschiedenste Anbaubedingungen entwickeln. Das macht Speisepläne vielseitiger, gesünder und die Landwirtschaft widerstandsfähiger.

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Warum alte Sorten und wilde Vorfahren unverzichtbar sind

Damit die Pflanzenzucht diese Herausforderungen meistern kann, muss eine Grundvoraussetzung erfüllt sein: Der Pflanzenzucht muss das Ausgangsmaterial zur Verfügung stehen. Für die ertragreiche Weizensorte von morgen braucht man mehr als die ertragreiche Weizensorte von heute.

Neue Eigenschaften, wie eine verbesserte Resistenz gegen Krankheiten, müssen von außen eingekreuzt werden - aus alten Sorten und wilden Vorfahren, bei denen diese Resistenz vorhanden ist. Dafür muss man in der Zuchtgeschichte oft weit zurückblättern, um benötigte genetische Merkmale für die Zucht zu finden. Zu alten Sorten, die für den Anbau schon längst nicht mehr geeignet sind. Das kann man nur, wenn es die noch gibt.

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Zerstörung der genetischen Schatzkammer - doch wir hatten Glück

Um den Zugang zu dieser züchterischen Ressource langfristig sicherzustellen, gibt es Saatgutarchive. Verschiedene Institute weltweit archivieren Exemplare alter Sorten, wilder Vorfahren und wilder Verwandter unserer Nutzpflanzen. Das bekannteste ist das Svalbard Global Seed Vault im norwegischen Permafrost auf Spitzbergen.

Aber auch die besten Archive können nur ein begrenztes Maß an Sicherheit bieten. 2006 wurde ein wichtiges Saatgutarchiv auf den Philippinen von einem Taifun getroffen, der 70 Prozent der Sammlung zerstörte.

Ein Saatgutarchiv in Syrien, das unter anderem wilde Vorfahren einiger unserer wichtigsten Nahrungspflanzen archiviert hatte, musste 2012 wegen des Bürgerkriegs aufgegeben werden. Glücklicherweise ist die Sammlung nicht verloren gegangen. Das Archiv konnte rechtzeitig eine Kopie des Inventars anfertigen und in Spitzbergen hinterlegen.

Das beste Backup in der Natur

Die genetische Vielfalt unserer Nahrungspflanzen ist wahrscheinlich der wertvollste Schatz, den die Menschheit besitzt. Wir sind gut beraten, mehrere Backups davon anzulegen.

Das effektivste Backup für essbare Wildpflanzen ist Naturschutz. Je weiter verbreitet diese Pflanzen in der Natur vorkommen, desto geringer das Risiko, dass eine einzelne Katastrophe diese Ressource für immer auslöscht. Außerdem ist dieses natürliche Backup schöner anzusehen als gefrorene Samen in unterirdischen Tresoren.

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... hat in Neurowissenschaften promoviert und zur Frage geforscht, warum wir schlafen. Heute arbeitet er als Wissenschaftsjournalist für MAITHINK X. Er fragt sich oft, woher wir eigentlich wissen, was wir wissen und wie sicher wir uns da sein können.


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