Deutsche Exporte: Polen vor China:Warum Polen für die deutsche Wirtschaft immer wichtiger wird
von Sven-Hendrik Hahn
Polens Wirtschaft wächst kräftig. Das Land kauft deutsche Waren - und ist unser viertgrößter Exportmarkt. Eine Hilfe, weil das Geschäft etwa mit China und den USA schwieriger wird.
Polen wird als Absatzmarkt für Deutschland zunehmend wichtig, vor allem im Bereich Maschinen und Medizintechnik.
06.10.2026 | 0:47 minPolen ist für Deutschland mehr als ein Nachbar. Als Absatzmarkt gewinnt das Land seit Jahren an Gewicht. 2025 exportierte Deutschland Waren im Wert von 100,2 Milliarden Euro nach Polen. Polen war damit der viertgrößte Abnehmer deutscher Waren, noch vor China.
Deutsche Exporte nach Polen steigen
In den ersten sieben Monaten dieses Jahres stiegen die Exporte nach Polen laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) um 13 Prozent. Im ersten Halbjahr waren es bereits 53,8 Milliarden Euro. Das entspricht einem Zuwachs von 9,2 Prozent zum Vorjahreszeitraum, so das Statistische Bundesamt.
Nach China gingen im selben Zeitraum 36,3 Milliarden Euro, 12,2 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2025. Der Handel mit Polen entwickelt sich also deutlich dynamischer als wichtige außereuropäische Absatzmärkte.
Die deutsche Wirtschaft sei "resilienter als gedacht", so ZDF-Wirtschaftsexperte Frank Bethmann. Der Export in europäische Länder könne die Einbuße im US-Markt wettmachen.
07.08.2026 | 2:04 minPolens Wirtschaft wächst
Ein Grund dafür: Die polnische Wirtschaft wächst kräftig. Das reale, also inflationsbereinigte Bruttoinlandsprodukt legte 2025 um 3,6 Prozent zu, so die Statistikbehörde Eurostat. Höhere Einkommen haben die Kaufkraft der rund 38 Millionen Einwohner gesteigert. Zugleich investiert Polen in Infrastruktur, Energie, Digitalisierung und baut seine Wirtschaft aus.
Polen habe sich in den letzten beiden Jahrzehnten wirtschaftlich stärker entwickelt als jedes andere Land in Europa, sagt Lars Gutheil, Geschäftsführer der deutsch-polnischen Industrie- und Handelskammer (AHK): "Wir haben einen Tigerstaat vor der eigenen Haustür" - mit gut ausgebildeten Fachkräften und digitaler Stärke, so Gutheil.
EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen fordert in ihrer Rede zur Lage der EU mehr Unabhängigkeit von China. Das Handelsdefizit Europas müsse verringert werden und ein Hitzeschutzplan soll kommen.
16.09.2026 | 0:27 minFertigung findet in Polen statt
Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht ebenfalls einen Aufschwung im Nachbarland.
Polen hat industriell aufgeholt und in europäischen Wertschöpfungsketten an Gewicht gewonnen.
Dr. Samina Sultan, Expertin für europäische Wirtschaftspolitik und Außenhandel, Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Ein Faktor: Niedrigere Arbeitskosten. "Sie haben Unternehmen zunächst dazu bewegt, arbeitsintensive Fertigungsschritte dorthin zu verlagern", meint Sultan weiter. Das spiegele sich in der Struktur der deutschen Ausfuhren: Gefragt sind vor allem Kraftfahrzeuge, Maschinen und Anlagen, elektrotechnische Erzeugnisse und Medizintechnik. Deutsche Unternehmen liefern damit nicht nur Produkte für polnische Verbraucher, sondern auch Technik für die wachsende Industrie.
Die deutsche Wirtschaft wächst deutlich stärker als zunächst erwartet. Führende Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen für 2026 mit einem Plus von 1,3 Prozent.
24.09.2026 | 2:29 minChance für deutsche Unternehmen
Die Beziehung zu Deutschland verändert sich deshalb. Die alte Rolle als "verlängerte Werkbank" wird kleiner, Kooperationen werden vielfältiger, in Produktion, Forschung und Entwicklung: "Längst begegnen sich Partner aus beiden Ländern auf Augenhöhe", sagt Gutheil.
In Zeiten verkürzter, auf Europa ausgerichteter Lieferketten, so eine Umfrage der AHK, ist Polen nicht nur wegen niedriger Löhne interessant: So nannten deutsche Unternehmen das Wachstumspotenzial, die Qualifikation der Beschäftigten, die Nähe zu Deutschland und die Größe des Marktes als weitere Faktoren.
Gutheil betont zugleich, dass die Attraktivität Polens für ausländische Investitionen auch anderswo bemerkt wurde: US-Technologiekonzerne hätten ebenso umfangreiche Projekte in Polen umgesetzt wie asiatische Investoren.
VW kündigt weitere Sparmaßnahmen an. Die Autoindustrie ist angeschlagen, so wie der gesamte Industriestandort Deutschland. Auch Arbeitsplätze leiden unter der schlechten Lage der Industrie.
10.07.2026 | 2:32 minMehr Fokus auf Europa
Polens Aufstieg fällt in eine Phase, in der sich das Umfeld für deutsche Exporte verändert. Die Bedeutung Chinas als Absatzmarkt sinkt seit Jahren, so Sultan: "China schottet seinen Markt zunehmend ab und drängt selbst bei vielen Produkten auf den Weltmarkt." Zugleich erschwert die US-Zollpolitik das Geschäft.
Doch nach Berechnungen des IW konnten die Exportzuwächse nach Polen und Tschechien in den ersten sieben Monaten dieses Jahres den Rückgang bei China und den USA mehr als ausgleichen.
Der Handel innerhalb des EU-Binnenmarktes wird nach Einschätzung von Sultan weiter zunehmen - gerade mit den mittel- und osteuropäischen Partnern. Als größter unter diesen stark wachsenden "Tigerstaaten" dürfte Polen dabei eine besondere Rolle spielen.
Reden wir unsere Wirtschaft schlechter, als sie ist? Mit welchen Herausforderungen sie kämpft und wo sich die deutsche Industrie unverzichtbar macht: WISO - Wirtschaft erklärt mit Valerie Haller.
26.09.2026 | 9:52 minSven-Hendrik Hahn ist Redakteur beim ZDF-Wirtschaftsmagazin WISO.
Lassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Mehr zur Wirtschaft in Deutschland
- Grafiken
BIP, Inflation, Arbeitslosigkeit:Wie geht's der deutschen Wirtschaft unter Kanzler Merz?
von Robert Meyer, Moritz Zajonzmit Video0:21 Exporte und KI für Deutschland wichtig:Diese fünf Branchen sorgen für Aufschwung in der Wirtschaft
von Dennis Bergermit Video2:29Strategie "Made in Europe" aus Brüssel:Wieso "Europe first" nicht alle nur positiv sehen
von Klaus Webermit Video0:48Wirtschaft erklärt mit Valerie Haller:Wie gefährlich ist der China-Schock für uns?
von Mischa Ehrhardtmit Video8:46