Initiativen zur Zuckerreduktion:Wie die Politik gegen zu viel Zucker kämpft
Gesunde Ernährung soll einfacher werden. Das erhofft sich die Politik von Maßnahmen, die etwa den Zucker in verarbeiteten Lebensmitteln reduzieren sollen. Wie das gelingen kann.
Eine neue Richtlinie der EU soll für mehr Transparenz bei der Kennzeichnung von bestimmten Frühstücks-Lebensmitteln sorgen, unter anderem bei Fruchtsäften. Was bedeutet das für die Konsumenten?
20.06.2024 | 2:22 minEs ist manchmal gar nicht so einfach zu erkennen, wo überall Zucker drinsteckt und in welcher Menge. Auf EU- und Bundesebene werden inzwischen Maßnahmen angeschoben, die die süße Versuchung eindämmen sollen.
Die EU-Frühstückrichtlinien
Im April hat sich die EU auf neue Frühstücksrichtlinien geeinigt. Sie sollen beim Lebensmittelkauf mehr Transparenz für Verbraucher bringen. Neben Herkunftsangaben geht es dabei vor allem um den Zucker in zwei Frühstücksprodukten: Marmelade und Fruchtsaft.
In Deutschland sind rund zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen übergewichtig - und das auch durch viel zu viel Zucker. Ein Leben ohne Zucker ist aber gar nicht so leicht.
17.04.2024 | 3:08 minSäften darf zwar kein Zucker zugesetzt werden, aber der natürliche Zuckergehalt ist ohnehin sehr hoch. Nun soll es für Produzenten attraktiver werden, den Zuckergehalt der Säfte zu reduzieren. Sie dürfen den Saft künftig als "zuckerreduzierten Fruchtsaft", "zuckerreduzierten Fruchtsaft aus Konzentrat" oder "konzentrierten zuckerreduzierten Fruchtsaft" bewerben, wenn der Zuckergehalt um mindestens 30 Prozent geringer als bei herkömmlichem Fruchtsaft ist.
Für Marmelade nutzen Hersteller gerne günstigen Zucker statt teurer Früchte. Die EU schreibt nun einen höheren Fruchtanteil vor. Zukünftig sollen in einem Kilo Marmelade mindestens 450 Gramm Früchte stecken. Marmeladen, die mit "Extra" beworben werden, müssen zur Hälfte aus Früchten bestehen. Spätestens ab Mitte 2026 müssen die neuen Richtlinien EU-weit angewendet werden.
Bittersüße Wahrheit: Warum Zucker in Kindergetränken so gefährlich ist.
18.09.2024 | 4:47 minDie Reduktions- und Innovationsstrategie der Bundesregierung
Auch die Bundesregierung versucht den Deutschen gesündere Ernährung schmackhaft zu machen. Seit Ende 2018 wird mit Verbänden und Institutionen unter anderem aus den Bereichen Gesundheit, Lebensmittelwirtschaft und Verbraucherschutz an der sogenannten "Reduktions- und Innovationsstrategie" gearbeitet. Neben Fett und Salz soll Zucker in verarbeiteten Lebensmitteln reduziert und insgesamt die Energieaufnahme der Verbraucher gesenkt werden.
Dafür wurden Zielvereinbarungen mit Verbänden der Lebensmittelwirtschaft getroffen, die diese an ihre Mitgliedsunternehmen weitergegeben haben. Zucker soll vor allem in Erfrischungsgetränken, fruchthaltigen Getränken mit Zuckerzusatz, Frühstückscerealien und gesüßten Milchprodukten für Kinder reduziert werden. Begleitend werden die Produkte immer wieder auf die entsprechenden Nährstoffe geprüft. Zwischenfazit: Noch reichen die Reduktionen dem federführenden Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft nicht aus. Und auch Kritiker bezweifeln, dass die Bemühungen der Lebensmittelindustrie ausreichend sind.
Welche Ideen gibt es noch?
Schon vor über einem Jahr brachte Ernährungsminister Cem Özdemir einen Gesetzentwurf für das Fernseh- und Hörfunk-Werbeverbot für Süßigkeiten zu bestimmten Uhrzeiten auf den Weg. Dazu sollte es keine Werbetafeln im Umkreis von 100 Metern von Schulen und Kitas für ungesunde Lebensmittel geben. Doch die Debatte wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.
Ebenfalls immer wieder vertagt: Das Verbot sogenannter Quengelware im Kassenbereich von Supermärkten, wo vor allem Eltern ihren Kindern den tausendsten Wunsch nach Süßigkeiten oft nicht mehr abschlagen. Bis jetzt hat es noch keine Regierung geschafft, sich gegen Opposition, Süßwarenindustrie- und Lebensmittelhandel-Lobby durchzusetzen.
Bis zu zehn Prozent der Kinder in Deutschland sind adipös, die Corona-Pandemie hat dieses Problem zusätzlich verstärkt. Um die Kinder vor gesundheitlichen Folgen zu schützen, bieten die Medigreif-Inselkliniken auf Usedom Aufklärungskurse an.
22.05.2024 | 1:50 minKönnte Großbritannien ein Vorbild sein?
In Großbritannien wurde eine Zuckersteuer eingeführt, welche auch in Deutschland immer wieder gefordert wird. Dahinter verbirgt sich eine gestaffelte Abgabe für Zucker in zuckerhaltigen Getränken. Ab fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter beträgt die Steuer 18 Pence (ca. 22 Cent) pro Liter, ab 8 Gramm Zucker erhöht sich die Abgabe auf 24 Pence (ca. 30 Cent) pro Liter.
Die Briten kaufen durch die Steuer zwar nicht unbedingt weniger zuckerhaltige Getränke, aber um die Steuer zu umgehen, senken die Getränkehersteller den Zuckeranteil in ihren Produkten. Das hat sich seit der Einführung der Abgabe eindeutig gezeigt. 2019 waren nur noch in 15 Prozent der im Supermarkt angebotenen Getränke mehr als fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter. 2015 waren es noch 49 Prozent. Eine Studie der Universität Cambridge legt außerdem nahe, dass sich seit der Einführung der Zuckersteuer auch das relative Risiko für Fettleibigkeit bei Jugendlichen verringert hat.
In Großbritannien konnte außerdem durchgesetzt werden, dass Schokoriegel und andere Süßigkeiten aus dem Kassenbereich entfernt werden mussten. Im Herbst 2022 trat das Gesetz gegen die sogenannte Quengelware in Kraft.
Weitere Ideen wie das Verbot von Lockangeboten für Junkfood oder ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel wurden aber auch in Großbritannien erstmal verschoben. Beides soll nun im Herbst 2025 kommen.
Zuckersteuer in Deutschland?
Ebenfalls oft diskutiert und noch nicht umgesetzt: Die Einführung einer Zuckersteuer für Softdrinks. Dass so eine Steuer Wirkung zeigen könnte, besagt zum Beispiel eine Studie der Technischen Universität München. Danach könnte Deutschland durch eine solche Abgabe in den kommenden 20 Jahren bis zu 16 Milliarden Euro sparen. Adipositas und weitere Folgeerkrankungen könnten vermieden werden und hohe Kosten für das Gesundheitssystem sparen. Auch die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt eine Sondersteuer auf zuckerhaltige Getränke. Kürzlich haben sich mehrere Bundesländer erneut für die Abgabe ausgesprochen.
Agnes Heitmann ist Redakteurin der ZDF-Sendung "Volle Kanne - Service täglich".
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