Kauknochen als Auslöser?:"Werwolf-Syndrom" beim Hund: So zeigt es sich
Plötzliche schwere neurologische Ausfälle bei Hunden: Fälle des "Werwolf-Syndroms" häufen sich, als Auslöser stehen Kauknochen in Verdacht. Wie Symptome und Behandlung aussehen.
Seit August 2024 treten in Europa vermehrt Fälle von Hunden auf, die scheinbar aus dem Nichts Bellen, Zittern und extreme Angstzustände haben. Worauf Halter achten können.
03.02.2025 | 5:39 minDie Anfälle kommen aus heiterem Himmel: Jaulen, Bellen, extreme Angstzustände, Zittern, Hecheln, unkoordiniertes Gangbild. Das "Werwolf-Syndrom", wie es mittlerweile umgangssprachlich genannt wird, bezeichnet schwere neurologische Störungen bei Hunden. Manche Tiere versuchen gar in ihrem Stress durch geschlossene Fenster zu springen.
Tierärzte und Tierkliniken verzeichnen seit August 2024 gehäuft Fälle, in denen Tierhalter*innen ihre Hunde mit diesen extremen Symptomen vorstellen. Viele der betroffenen Hunde waren vorher unproblematische Familienhunde. Organische Ursachen konnten nicht gefunden werden.
Hunde reagieren "wie auf Droge"
Die Symptome beim "Werwolf-Syndrom" ähneln denen einer Vergiftung. In der Klinik für Kleintiere der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover landen die meisten Fälle bei Tierneurologin Nina Meyerhoff: "Das war im September 2024, dass uns auffiel, dass wir eben diese merkwürdige Symptomkombination gehäuft sehen. Und dann haben wir angefangen, uns mit anderen Tierneurolog*innen in Deutschland und der Schweiz auszutauschen und haben herausgefunden, dass auch in anderen Bundesländern solche Fälle auftreten."
Nach vielen Ausschlussdiagnosen und Befragungen von Tierhalter*innen kristallisierte sich ein Verdacht heraus: Kurz vor den Anfällen hatten viele Hunde Kauknochen bekommen. Diese Kauprodukte werden aus getrockneter Rinderhaut hergestellt. Sie wird geknotet, gedreht und manchmal auch mit Enten- oder Hühnerfleisch umwickelt angeboten. Woher die Rohstoffe kommen, muss auf der Packung nicht gekennzeichnet sein. Kontaminierte Chargen könnten die Anfälle ausgelöst haben.
Nadel im Heuhaufen
Die in Verdacht stehenden Produkte wurden auf Neurotoxine getestet - aufgrund der vielen möglichen Stoffe eine zeitaufwendige Arbeit. Ende 2024 gaben Finnland, Dänemark und die Niederlande auf Verdacht behördliche Warnhinweise heraus. Auch in diesen Ländern wurde durch Tests bisher kein Auslöser gefunden. Die Produkte, die im niederländischen Warnhinweis genannt werden, waren auch in Deutschland erhältlich. Mittlerweile sind sie vom Markt genommen, die Kund*innen wurden informiert, die in Verdacht stehenden Chargen nicht mehr zu füttern, die Kaufkosten werden erstattet.
Wer wissen möchte, welche Chargen in Verdacht stehen, kann diese auf der Seite der Netherlands Food and Consumer Product Safety Authority (NVWA) einsehen (auf Niederländisch).
Einen Tierarzt im Notdienst zu finden ist schwer, viele Kliniken schließen und es gibt immer weniger Tierärzte. Die Zahl der Haustiere steigt jedoch.
28.08.2023 | 5:35 minWas tun, wenn der Hund Symptome hat?
Zeigt ein Hund die genannten Symptome, sollte man umgehend einen Tierarzt aufsuchen, am besten einen Tierneurologen, oder in einer Tierklinik vorstellig werden. Da die Tiere unberechenbar reagieren, sollten sie besonders gesichert werden. Das heißt: zusätzlich zum Halsband mit einem Geschirr und eventuell doppelter Leine. Die Umgebung der Tiere sollte möglichst reizarm sein, da laute Umweltreize Anfälle triggern können.
Selbst gemachte Futter-Alternativen
Noch handelt es sich lediglich um einen Verdacht. Beweise zum auslösenden Stoff gibt es nicht. Trotzdem hat Nina Meyerhoff für besorgte Tierhalter*innen Alternativen zu Kauknochen: "Man kann zum Beispiel Futterbälle oder Spielzeuge, die man mit etwas befüllen kann, anbieten." Man könne sie auch mit normalem Trockenfutter befüllen oder mit anderen Sachen, die der Hund verträgt, etwa Obst, Gemüse oder Frischkäse zum Ausschlecken. Möglichkeiten gebe es viele, resümiert Meyerhoff.
Die gute Nachricht: In fast allen Fällen gehen die Symptome vollständig zurück. Manchmal von selbst, manchmal mit Arzneimitteln. Die Behandlung umfasst angstlösende und beruhigende Medikamente, je nach Schwere der Anfälle müssen die Medikamente einige Tage bis hin zu Wochen gegeben und dann ausgeschlichen werden.
Um den Auslöser zu finden und eine Risikobewertung vorzunehmen, sind die Tierärzt*innen auf die Mithilfe von Hundehalter*innen angewiesen. Zusammen mit Forschenden der Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München und spezialisierten Tierneurolog*innen hat die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover einen Fragebogen herausgegeben. Auch Tierhalter*innen, deren Hunde nicht betroffen sind, können ihn ausfüllen.
Dagmar Noll ist Redakteurin der ZDF-Sendung "Volle Kanne - Service täglich".
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