Telefonische Krankschreibung: Warum sie doch bleiben könnte

Analyse

Nach Kritik an Koalitions-Beschluss:Warum die telefonische Krankschreibung doch bleiben könnte

von Britta Spiekermann

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Die Beschlüsse der Koalition haben für viel Kritik gesorgt - besonders das Ende der telefonischen Krankschreibung. Doch von diesem Punkt rückt die Koalition schon wieder ab.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundesministerin für Arbeit und Soziales Bärbel Bas, Bundesminister der Finanzen Lars Klingbeil

Die Reformpläne der Koalition, auch die telefonische Krankschreibung, sorgten für Kritik.

03.07.2026 | 1:28 min

"Bettkanten-Entscheidungen." Davon spricht Jens Spahn (CDU) und meint damit die Entscheidung, morgens zur Arbeit zu gehen oder doch krank zu Hause zu bleiben - vor allem an Montagen oder Freitagen.

Es stelle sich schon die Frage, so der Unionsfraktionschef und frühere Bundesgesundheitsminister, ob die Deutschen so viel kränker seien als die anderen in Europa.

Die Koalition will an die "Bettkanten-Entscheidungen" ran und die telefonische Krankschreibung abschaffen. Für Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) dürfte das eine Herzensangelegenheit sein.

Auf dem Bild ist Jouristin und Journalistin Charlotte Greipl zu sehen.

In vielen Arbeits- und Tarifverträgen würden andere Regeln zur Krankschreibung gelten, sagt ZDF-Korrespondentin Charlotte Greipl. Hier könne ein Attest weiterhin erst später nötig sein.

03.07.2026 | 9:17 min

208.000 zusätzliche Arbeitstage für Arztpraxen?

Der Sturm der Entrüstung ist groß: "Katastrophal", "Bürokratiemonster", "Generalverdacht". Ärztevertreter haben prompt eine Rechnung parat. Eine Neuregelung ab dem ersten Tag könnte zu 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen führen. Das zeigten konservative Schätzungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

208.000 komplette Arbeitstage müssten dafür aufgewendet werden. KBV-Chef Andreas Gassen sagt:

Es grenzt zudem an Irrsinn, abertausende Menschen zusätzlich in die Praxen zu jagen für das reine Ausfüllen von Zetteln.

Andreas Gassen, Kassenärztliche Bundesvereinigung

Kassenärzte widersprechen Merz bei der telefonischen Krankschreibung schon lange. Nach ihren Zahlen entfallen nur 0,9 Prozent aller Krankschreibungen auf Telefonate.

Das Bild zeigt einen gestikulierenden Bundeskanzler Friedrich Merz.

Kanzler Merz kritisiert: Die Deutschen sind zu oft krankgeschrieben. Hat er Recht? ZDF-Hauptstadtkorrespondentin Britta Buchholz hat sich die Gründe für den (hohen) Krankenstand näher angeschaut.

23.01.2026 | 11:21 min

Ist das Symbolpolitik?

Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, kommt zu dem Schluss: "Für den Missbrauch der telefonischen Krankschreibung sehen wir keine Evidenz. Daher ist ihre Abschaffung aus unserer Sicht keine Maßnahme, die den Krankenstand senken wird, sondern reine Symbolpolitik."

Symbolpolitik? Der Aufruhr erinnert an die Kritik an der Arbeitgeber- oder auch Entlastungsprämie, die eilig beim Spitzentreffen in der Villa Borsig im April beschlossen wurde. Die Arbeitgeber standen Kopf, verwiesen auf die ohnehin schwierige Wirtschaftslage.

Und die Länder beklagten hohe mögliche Steuerausfälle, während sich der Bund einen schlanken Fuß mache.

Mehrere Formulare zur Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung liegen neben einem Blister mit Tabletten auf einem Tisch.

Der Plan der Bundesregierung, Krankschreibungen ab dem ersten Krankheitstag zu verlangen, könnte nach hinten losgehen. Davor warnen Ökonomen und Gewerkschaften.

04.07.2026 | 1:28 min

Abrücken von der beschlossenen Maßnahme

Am Ende fegten die Bundesländer im Bundesrat die Angelegenheit vom Tisch. Ohne Wiedervorlage. Auch bei der telefonischen Krankschreibung schwindet der Rückhalt.

Das Prinzip, "gebe ich dir, gibst du mir" zeigt seine Tücke. Die Union wollte das Aus für die telefonische Krankschreibung, will es schon lange. Die SPD hatte sich am Ende bereit erklärt, den Beschluss mitzutragen.

Schließlich habe man die Einführung von Karenztagen ohne Lohnfortzahlung verhindert, so SPD-Chef Lars Klingbeil, der im ZDF heute journal betonte, es handele sich bisher um eine "Grundsatzeinigung im Koalitionsausschuss". Nun gehe es darum, "gute pragmatische Lösungen" zu finden.

Friedrich Merz bei Maybrit Illner

Die Regierung kehre zu einer Regelung zurück, die bis zur Pandemie in Deutschland gegolten habe, sagt Merz bei Maybrit Illner.

02.07.2026 | 0:54 min

Auch Merz relativiert

Das sind sogenannte Absetzbewegungen. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas kündigt eine "genaue Prüfung" an, ob das "überhaupt eine Wirkung erzeugt" oder doch "eher zu Schwierigkeiten führt". Und betont: "Das war jetzt nicht mein Vorschlag."

Die Kassenärzte sprechen von einer Phantom-Debatte, während Kanzler Merz gerade in der telefonischen Krankschreibung eine Ursache für den hohen Krankenstand sieht. Doch auch er relativiert. In der ZDF-Sendung "maybrit illner" erklärt er:

Sie müssen nicht am ersten Tag in die Arztpraxis. Sie müssen vom ersten Tag eine Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung haben.

Friedrich Merz bei "maybrit illner"

Wie das alles geregelt werden soll? Ins Detail geht Merz nicht. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) warnt davor, dass künftig Praxen wegen jeder Erkältung ab Tag eins überrannt werden. Er verstehe die Kritik und meldet Klärungsbedarf an. Auch das eine weitere Absetzbewegung.

Britta Spiekermann ist Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio.

Das ZDF berichtet seit dem 02.07.2026 täglich mehrfach in verschiedenen Sendungen über das von der Regierung geplante Reformpaket, etwa in den heute-Nachrichten am 03.07.2026 ab 19:00 Uhr.

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