Ökonom kritisiert neue Schulden:Feld zum Haushalt: Vielleicht ist der Druck nicht groß genug
Mehr als 200 Milliarden Euro plant der Bund 2027 an neuen Schulden. Dem Ökonomen Lars Feld ist das zu viel. Die Koalition könnte viel kraftvoller konsolidieren, sagt er ZDFheute.
Laut Steuerschätzung kann der Staat bis 2030 mit zusätzlichen Milliardeneinnahmen rechnen. Doch laut Finanzminister Klingbeil wird es trotzdem keine "neuen Spielräume" geben.
22.10.2026 | 2:48 minZDFheute: Wie blicken Sie auf den kommenden Haushalt für 2027?
Lars Feld: Der Haushalt enthält zu viel Verschuldung. Aufgrund der Herausforderungen in den kommenden Jahren werden die Defizite deutlich größer und stärker wachsen als das Bruttoinlandsprodukt. Damit steigt auch die Staatsschuldenquote massiv. Das ist ein hohes Risiko.
Der Bundeshaushalt müsste also an verschiedenen Stellen viel stärker konsolidieren.
Lars Feld
Lars Feld ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg. Er war Mitglied und zuletzt Vorsitzender des Sachverständigenrats der Wirtschaftsweisen und beriet Ex-Finanzminister Lindner.
Quelle: Patrick Seeger/dpaZDFheute: Staatsschulden sollen das Wachstum weiter ankurbeln, inwiefern stimmt diese Erzählung?
Feld: Jeder Euro, den der Staat zusätzlich ausgibt, ist ein Euro Bruttoinlandsprodukt. Das ist eine statistische Konvention. Was dies darüber hinaus an Wachstum zusätzlich bringt, steht aber in den Sternen. Bisher sehen wir das kaum.
ZDFheute: Das heißt, die Erzählung, wir geben jetzt mehr aus, um damit das Wachstum anzukurbeln, ist falsch?
Feld: Diese Erzählung trägt einfach nicht. Wir sehen bislang keine Multiplikator-Effekte.
ZDFheute: Es gibt die Annahme, dass mehr Wachstum auch mehr Schulden finanzieren könnte, wie plausibel ist das in diesem Fall?
Feld: Es kommt im Hinblick auf die Verschuldung auf die Schuldenquote an. Der Bruttoschuldenstand wird dabei zum Bruttoinlandsprodukt ins Verhältnis gesetzt. Insofern ist eine sinkende Schuldenquote durch ein höheres Bruttoinlandsprodukt gegeben. Was für Wachstum sorgt und die Schulden erträglicher macht, sind aber die Strukturreformen.
Mehr zum Thema Haushalt sehen Sie um 19:10 Uhr in der ZDF-Sendung "Berlin direkt". Zu Gast im Studio: Unions-Fraktionschef Thorsten Frei (CDU). Moderiert wird die Sendung von Diana Zimmermann.
ZDFheute: Wie müsste ein Haushalt aussehen, damit wir zum einen Wachstum haben und zum anderen weniger Schulden?
Feld: Wir brauchen auf der einen Seite für den Haushalt 2027 stärkere Restriktionen, die dafür sorgen, dass Ausgaben in allen Ressorts reduziert werden. Da gibt es viele Möglichkeiten.
Auf der Einnahmeseite ist es möglich, eine ganze Reihe von Steuervergünstigungen zu streichen und zurückzuführen, auf der Ausgabenseite geht es um die Sozialausgaben und die Subventionen. Die Reformpolitik muss hingegen dafür sorgen, dass das Wirtschaftswachstum für die nächsten Jahre ein tragfähiges und nachhaltiges wird.
ZDFheute: Haben Sie das Gefühl, dass diese Regierung die Kraft aufbringt, tatsächlich etwas voranzubringen?
Feld: Im Grunde könnte diese Regierung kraftvoll reformieren und konsolidieren. Jeder Koalitionspartner könnte sagen: Wir geben auf der einen Seite nach, wenn ihr auf der anderen Seite nachgebt. Es wäre dringend notwendig, dass die Koalition das tut. Vielleicht ist der Druck aber noch nicht groß genug.
Ruhrgebiets-Genossen kritisieren den Berliner Kurs und fordern ein klareres Profil der SPD. Klingbeil hört zu, doch sein Rückhalt in der Partei bleibt ungewiss.
07.11.2026 | 2:32 minZDFheute: Viele in der Politik reden derzeit von Entlastungen, haben wir überhaupt die Luft für Entlastungen?
Feld:
Ich sehe derzeit immer noch, dass die Bundesregierung viel zu zögerlich ist, um mit diesen Reformen wirklich nach vorne zu kommen.
Lars Feld
Intensiv diskutiert wird die Rentenreform mit ihren vielen richtigen Elementen. Sie sollte dringend so kommen. In anderen Bereichen sehen wir aber noch viel zu wenig. Das gilt nicht zuletzt für den Haushalt. Dadurch fehlen die Spielräume für Entlastungen.
ZDFheute: Wie könnte ein vernünftiger, zukunftsfähiger Haushalt aussehen?
Feld: Ich würde bei den Subventionen ansetzen. Die Subventionen sind in den letzten Jahren massiv gestiegen. Dies gilt für die Finanzhilfen wie für die Steuervergünstigungen. Ich würde Finanzhilfen und den Handwerkerbonus streichen sowie die Anzahl der siebenprozentigen Mehrwertsteuersätze reduzieren. Es gibt sehr viele Maßnahmen, um den Bundeshaushalt zu konsolidieren und Spielräume für Entlastungen zu schaffen.
Das Interview führte Bernd Benthin, Korrespondent im ZDF Hauptstadtstudio.
Elf Milliarden Euro mehr pro Jahr:Mehr Steuereinnahmen für Bund, Länder und Kommunen
von Dominik Rzepkamit Video1:51Streit um Reiches Entwurf:Finanzministerium will schärferen Spritpreisdeckel
Geplante Rentenreform :Rente mit 63: Verdi macht Druck auf Schweitzer
mit Video3:47Familienticket, Ratenkäufe, Päckchen:Was ändert sich für Verbraucher im November?
mit Video0:21