Tagebau Garzweiler in NRW:Vor dem Bagger gerettet: Comeback eines Geisterdorfs
von Cengiz Ünal
Viele hatten ihr Zuhause verkauft, einige bis zuletzt gekämpft: Die geretteten Dörfer am Tagebau Garzweiler stehen vor einem Comeback. Doch das Leben kehrt nur langsam zurück.
Jahrelang war klar: Kuckum sollte verschwinden. Der Kohleausstieg und neue Klimaziele änderten alles. Das Dorf darf jetzt bleiben. Doch wie lebt es sich an einem Ort, der längst aufgegeben war?
10.01.2026 | 9:03 minAnfang der 2000er Jahre beginnen die ersten Menschen das Dorf zu verlassen, als der Tagebau Garzweiler unaufhaltsam näher rückt. Kuckum sollte von der Landkarte verschwinden. Ebenso die Dörfer Keyendorf, Ober- und Unterwestrich und Berverath. Doch Ende 2022 beschließt der Energiekonzern RWE, die fünf Dörfer nicht weiter abzureißen. Grund: der vorgezogene Ausstieg aus der Braunkohleförderung. Jetzt bekommen die Orte eine zweite Chance.
Ein Neuanfang für die Bewohner
Für Johnny Winkler und seine Frau Clarissa ist Kuckum ein Ort der Hoffnung. Das junge Paar kommt aus Stolberg bei Aachen. 2021 zerstört die Jahrhundertflut ihr Zuhause. Sie verlieren fast alles und fangen vor gut vier Jahren in Kuckum neu an:
Wir sind mittlerweile ein guter Teil der Dorfgemeinschaft und wollen hier nicht mehr weg.
Johnny Winkler
Ihr Zuhause gehört dem Energiekonzern RWE. Kaufen dürfen sie das Haus bislang nicht. Bis auf weiteres zahlen sie im Monat 1.000 Euro Miete an RWE.
Bis spätestens 2038 sollen alle Kohlekraftwerke in Deutschland stillgelegt werden. In Morschenich-Alt sollen einige Ortschaften erhalten und wiederbelebt werden.
16.04.2024 | 1:51 minEin Neuanfang - mit Fragezeichen. 1.500 Menschen lebten mal in den betroffenen Dörfern, rund 150 sind geblieben. Familie Dresen entschied sich fürs Bleiben. Bis zum Schluss kämpften sie um ihren Hof, der seit 1862 im Besitz der Familie ist. Ein riesiges Anwesen, das sie so nirgendwo anders bekommen hätten. Deshalb lehnten sie alle Angebote von RWE ab, ihren Hof zu verkaufen.
Jetzt wollen sie die Zukunft im Dorf mitgestalten. "Es fühlt sich schon an, als hätten wir es geschafft, die Dörfer zu retten", sagt David Dresen. "Aber nicht, als hätten wir gewonnen. Für gewonnen wäre es für mich so, dass wir jetzt hier auch viel mitbestimmen könnten."
Ein Großteil des Geldes, das als Strukturhilfe für die Kohlereviere vorgesehen ist, fließt in Projekte, die keinen einzigen neuen Arbeitsplatz schaffen, zeigt "frontal".
30.04.2024 | 9:31 minMillionen-Fördergelder aus NRW
Früher gab es zum Beispiel in jedem Dorf einen Gemeinschaftsraum, in dem Feste stattgefunden haben. Heute gehört immer noch alles RWE. "Das ist richtig schwer auszuhalten, weil das jetzt ja schon drei Jahre her ist, dass die Dörfer stehen bleiben", beklagt der 34-jährige Dresen. Sein Wunsch: Kuckum soll irgendwann ein hippes, cooles Vorzeigedorf werden.
Bis dahin scheint der Weg noch lang. Manche Nachbarn sind weggezogen - für immer. Die Verbliebenen organisieren regelmäßig Feste, Märkte, Begegnungen. Sie wollen zeigen, dass in Kuckum und den anliegenden Orten was los ist.
Die ostdeutsche Region Lausitz lebt seit Generationen vom Braunkohle-Abbau. Wegen des anstehenden Strukturwandels fordert man dort mehr Unterstützung von der Bundesregierung.
25.02.2025 | 1:24 minDie Politik sieht sich als Retter. Fördergelder sollen helfen, den Dörfern wieder Leben einzuhauchen. 14,4 Millionen Euro gibt es vom Land NRW vor wenigen Wochen - und das soll nur der Anfang sein. NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach (CDU) sagt:
Hier wird aus einer Braunkohlen-Region heute eine Boom-Region morgen werden.
Ina Scharrenbach, Bauministerin NRW (CDU)
Ex-Anwohner: "Umsiedlung war komplett sinnlos"
Dann gibt es noch Menschen wie Hans-Josef Dederichs. Der gebürtige Kuckumer ist den Weg gegangen, den viele gegangen sind. Er hat sein Haus verkauft, ist 2019 umgesiedelt nach Neu-Kuckum. "Die ganze Umsiedlung war komplett sinnlos", ärgert sich Dederichs.
Ich hätte auch länger durchhalten können.
Hans-Josef Dederichs
Inzwischen hat sich der 62-Jährige mit seiner neuen Lebenssituation abgefunden. Doch ganz loslassen kann er nicht.
Neu-Kuckum, nur wenige Kilometer weiter, ist eine andere Welt: Ein modernes Dorf mit neuen Häusern, Straßen, alles ordentlich geplant, von RWE gezahlt. Einige hundert Menschen leben hier inzwischen.
Der Neuanfang fiel zwar nicht allen leicht. Und doch überwiegt hier die Zuversicht. "Viele hatten das vielleicht bezweifelt", erzählt Manuel Welters von der St. Antonius Schützenbruderschaft Kuckum. "Aber wir haben schon mehrere Schützenfeste und Oktoberfeste hier im neuen Dorf gefeiert - und es ist fast kein Unterschied zum alten Ort."
Sicher ist: Die geretteten Dörfer werden sich verändern, ein neues Gesicht bekommen. Dabei hätten sich viele den Frust und die jahrelangen Sorgen gerne gespart.
Cengiz Ünal berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Nordrhein-Westfalen.
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