Anschlag auf Flüchtlingsheim: Prozessauftakt in Erfurt

Anklage wegen versuchten Mordes:Anschlag auf Flüchtlingsheim: Prozessauftakt in Erfurt

von Beatrice Steineke und Mona Trebing

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Versuchter Mord lautet die Anklage gegen drei Männer am Landgericht Erfurt. Mit drei weiteren Beschuldigten sollen sie einen Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft verübt haben.

Flüchtlingsheim

In Erfurt hat ein Prozess gegen sechs junge Männer begonnen. Sie sollen einen Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Thüringen verübt haben. Ihnen wird versuchter Mord und Beihilfe vorgeworfen.

22.04.2026 | 1:45 min

Ende September 2025: Mitten in der Nacht wird eine Fensterscheibe an einer Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete eingeschlagen. Durch das Loch wird eine Feuerwerksbatterie geworfen. Sie explodiert im Zimmer und reißt eine dreiköpfige Familie aus dem Schlaf. Leicht verletzt kann sich die Familie aus Nordmazedonien retten.

Für die knapp 3.000 Einwohner in der Gemeinde Gehren im Süden Thüringens war es ein Schock, so Ortsteilbürgermeister Michael Gohritz.

Ich hätte mir nicht ausmalen können, dass sowas in Gehren möglich ist.

Michael Gohritz, Ortsteilbürgermeister Gehren

Unterkunft für Geflüchtete

Etwa 1000 Geflüchtete leben im ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof in prekären Bedingungen. Lärm, Enge und fehlende Privatsphäre belasten die Bewohner, seit August 2025 gab es fünf Todesfälle.

13.04.2026 | 2:33 min

Staatsanwaltschaft: "Ausländerfeindliche Motive"

Ein halbes Jahr später startete nun der Prozess gegen sechs Tatverdächtige vor dem Landgericht Erfurt. Drei von ihnen sind wegen versuchten Mordes und wegen versuchter Brandstiftung mit Todesfolge angeklagt, drei weitere wegen Beihilfe zum versuchten Mord.

Im Ergebnis der durchgeführten Ermittlungen gibt es viele Anhaltspunkte dafür, dass die Angeklagten aus ausländerfeindlichen Motiven heraus gehandelt haben.

Hannes Grünseisen, Oberstaatsanwalt, Staatsanwaltschaft Erfurt

Alle sechs Beschuldigten erschienen vor dem Gericht und schwiegen. Keiner der jungen Männer mit deutscher Staatsangehörigkeit wollte sich äußern.

Volle Fußgängerzone in der Nähe der Kö in Düsseldorf

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Videos aus der Tatnacht

Laut dem Vorsitzenden Richter der zuständigen Kammer, Holger Pröbstel, gibt es umfangreiches Videomaterial von der Tat, welches die Angeklagten schwer belaste. Er forderte sie auf, sich zur Tat zu äußern.

Kurz vor Mitternacht sollen die Tatverdächtigen zur Gemeinschaftsunterkunft gemeinsam gefahren sein, so Oberstaatsanwalt Hannes Grünseisen gegenüber ZDFheute. Einer der Angeklagten habe ein Bruchstück einer Gehwegplatte durch ein geschlossenes Fenster geworfen.

Danach soll ein weiterer Angeklagter eine bereits entzündete Feuerwerksbatterie in den Raum geworfen haben. Sie hat plangemäß gezündet und binnen 30 Sekunden 19 Schuss verfeuert.

Hannes Grünseisen, Oberstaatsanwalt, Staatsanwaltschaft Erfurt

Dazu wurden private Videoaufnahmen der Angeklagten sichergestellt, die zum Prozessauftakt gezeigt wurden. Der Strafverteidiger eines der Angeklagten sagte dazu, dass dies keine ausreichenden Beweise darstelle.

Wir haben von unserer Seite aus erstmal geschwiegen. Ganz einfach, weil wir auch abwarten wollen, welche Beweismittel werden vom Gericht gebracht.

Karl Ronald Neumann, Rechtsanwalt, Strafverteidiger eines Angeklagten

Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte

ZDFheute Infografik

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Beratungsstelle: Aufklärungsquote bei Brandanschlägen sehr gering

Die geschädigte Familie erschien heute noch nicht selbst vor Gericht. Sie habe zwar eine neue Unterkunft gefunden, so die Thüringer Opferberatung ezra, leide aber noch immer an den Folgen des Anschlags. Der Prozess könne helfen, das Erlebte zu verarbeiten.

Gerade bei Brandanschlägen wissen wir aus der Vergangenheit, dass die Aufklärungsquote eigentlich sehr gering ist.

Franziska Schestak-Haase, ezra, Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen

Leonard Kaminski, Sprecher des Bundesinnenministeriums, bei der Bundespressekonferenz

Die Streichung von Integrationskursen für Flüchtlinge ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus soll rund 350 Millionen Euro einsparen, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums in Berlin.

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Um das Erlebte zu verarbeiten, helfe es der Familie zu wissen, warum sie Opfer einer solchen Tat wurden, sagt Schestak-Haase. Zudem könne der Prozess eine abschreckende Wirkung auf Menschen haben, die ein rassistisches Weltbild mit Gewalt gegen andere durchsetzen wollten.

Gleichzeitig haben wir auch eine engagierte Zivilgesellschaft, die auf diese Taten aufmerksam macht und die Stimme der Betroffenen berücksichtigt. Überhaupt eine Anerkennung für diese Art der Gewalttaten zu finden, das ist wichtig.

Franziska Schestak-Haase, ezra, Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen

Urteil für Ende Mai erwartet

Insgesamt sind zehn Verhandlungstermine bis Ende Mai in Erfurt angesetzt. Im weiteren Verlauf des Verfahrens sollen Zeugen und die geschädigte Familie angehört werden.

Laut Staatsanwaltschaft und Vorsitzendem Richter ist noch zu prüfen, ob für vier der sechs Angeklagten das Jugendstrafrecht gelte. Sie waren zum Tatzeitpunkt unter 21 Jahre alt. Eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht hätte erhebliche Auswirkungen auf das Strafmaß.

Beatrice Steineke und Mona Trebing berichten aus dem ZDF-Landesstudio in Erfurt.

Über dieses Thema berichtete ZDF heute in Deutschland am 22.04.2026 ab 14 Uhr.

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