Juli Zeh bei "Markus Lanz" zur Stimmung im Land: "Alles scheiße"

"Lanz"-Runde zu politischer Stimmung:Autorin Juli Zeh sieht Stimmung in Deutschland am Tiefpunkt

von Felix Rappsilber

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Juli Zeh appelliert an die Regierungsparteien, die schlechte Stimmung im Land nicht länger zu ignorieren. Merz habe das Demokratieversprechen gebrochen, sagt Harald Martenstein.

Schriftstellerin Juli Zeh zu Gast bei "Markus Lanz".

Schriftstellerin Juli Zeh spricht bei "Markus Lanz" über die politische Stimmung in Deutschland. Die Runde diskutiert den Zustand der deutschen Parteiendemokratie, schwierige Mehrheitsbildungen, instabile Koalitionen und die Ursachen der zunehmenden Entfremdung zwischen Bürgern und politischer Führung.

04.06.2026 | 77:27 min

Wie ist die politische Stimmung in Deutschland? "Alles scheiße", antwortete Schriftstellerin Juli Zeh am Donnerstagabend bei "Markus Lanz".

Juli Zeh: Wenig Vertrauen der Bevölkerung in Politik

Sie sagte: "Stimmungsmäßig dachte ich, wir wären an einem Tiefpunkt. Aber dann stellt man fest: Es gibt immer noch ein paar Etagen drunter."

Momentan gebe es fast niemanden mehr im Land, der wirklich sagen würde: "'Oh ja, wir haben eine okaye Regierung. Hier geht was voran. Da habe ich großes Vertrauen, dass das super wird.'" Diesen Eindruck gewinne Zeh durch das, was sie auf den Straßen, in den Zügen und in den Städten höre:

Meine Wahrnehmung ist, dass es auch von den gemäßigt wählenden Bürgerinnen nicht mehr viele gibt, die gerade wirklich das Gefühl haben: Hier wird für eine gut gestaltete Zukunft gesorgt.

Juli Zeh, Schriftstellerin

Christoph Heusgen, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz

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Von Lucke: Politische Lage besser als politische Stimmung

Politologe Albrecht von Lucke widersprach: "Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir eine Stimmung nicht mit zwei Worten zusammenfassen, bei der die Lage historisch betrachtet um vieles besser ist als all das, was wir in der Geschichte je gekannt haben."

Natürlich hätten wir "ungeheure Herausforderungen". So müsse die jetzige Regierung Investitionen in Infrastruktur nachholen. Von Lucke erklärte:

Wir wissen, dass wir uns letztlich 30 Jahre lang (...) in einer Illusion des Fortgangs, auf einem ausgesprochen vermeintlich luxuriösen Niveau, bewegt haben.

Albrecht von Lucke, Politologe

Mit Blick auf die Analyse von Juli Zeh sagte von Lucke: "Die Lage ist letztlich eigentlich viel besser." Wir müssten uns bewusst machen, "auf welchem Niveau wir sind, damit wir uns nicht sofort in eine Tendenz des saloppen 'Alles scheiße!' stürzen".

ZDF-Reporter Andreas Kynast

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Zeh hielt dagegen: "Ein Problem der Lage ist, dass genau [auf diese Stimmung] zu wenig gehört wird. Man schubladisiert das und fragt zu wenig danach: Was sind denn wirklich die sachlichen, substanziellen Gründe für diese Stimmung?"

Dem nachzuforschen, wäre der Weg zu einer besseren Stimmung im Land, so Zeh. Sie betonte deren Relevanz: "Die Stimmung ist in Demokratien ein Faktor."

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Martenstein sieht das Demokratieversprechen nicht eingelöst

Kolumnist Harald Martenstein stimmte Zeh zu. Es gebe das "verbreitete Gefühl, dass man mit Wahlen eigentlich nichts mehr ändern kann": "Das ist aber der Kern des Demokratieversprechens: (...) Du kannst die politische Richtung ändern. Die Mehrheit kann die politische Richtung ändern."

Die Details würden in einer repräsentativen Demokratie in den Parteien und in den Parlamenten geklärt, aber die Generalrichtung könnten die Leute vorgeben. Martenstein kritisierte:

Dieses Versprechen ist nicht eingelöst worden. Die Leute wollten eine konservativere, bürgerlichere Politik, als es sie vorher gegeben hat. Das haben sie nicht bekommen.

Harald Martenstein, Kolumnist

Die Union habe im Bundestagswahlkampf ganz stark mit einer politischen Richtungsänderung geworben. Wenn diese dann nicht eintrete, führe das natürlich zu Vertrauensverlust, so Martenstein.

Schaltgespräch mit Hanna Zimmermann

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Zeh: Bei Merz hört niemand mehr hin

Friedrich Merz (CDU) hatte beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow für Zuversicht geworben: "Es gibt auch keinen Grund für Pessimismus und Schwarzmalerei über die Zukunft unseres Landes." Der Bundeskanzler hatte dazu aufgerufen, die "sehr deutschen Reflexe des Schlechtredens", die parteipolitischen Spielchen und das "Hoffen auf einen großen Befreiungsschlag" hinter sich zu lassen. Zeh sagte:

[Merz] hat inhaltlich wieder gar nichts gesagt. Das sind wieder nur Zustandsbeschreibungen auf der Metaebene und Erwartungsmanagement.

Juli Zeh, Schriftstellerin

Auch Martenstein kritisierte, dass eine "konkrete Handlungsankündigung" gefehlt habe. Man könne nicht ununterbrochen an die Leute appellieren, gute Laune zu haben, ohne einen Grund dafür zu liefern. Während Entlassungen der großen Firmen in breitem Umfang begonnen hätten, die Arbeitslosigkeit allmählich steige und die Stimmung der deutschen Unternehmen seit Jahren im Keller sei.

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Zeh ergänzte: "Die Leute haben das, glaube ich, wirklich satt. Da hört auch keiner mehr hin und nimmt es nicht ernst." Angesichts bildungspolitischer, gesundheitspolitischer und wirtschaftspolitischer Probleme betonte sie:

Man darf die Stimmung nicht wegignorieren. Man darf nicht sagen: Eigentlich geht es uns super, die Leute haben alle nicht recht.

Juli Zeh, Schriftstellerin

Dafür kritisierte Zeh die Regierungsparteien: "Dass man solche Probleme einfach nicht in den Blick nimmt, das ist ein Versagen. Das darf so nicht sein."

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Über dieses Thema berichtete das ZDF in "Markus Lanz" am 04.06.2026 ab 23:15 Uhr.

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