Ex-Verteidigungsminister bei "Lanz":De Maizière: "Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt"
von Bernd Bachran
Bei "Markus Lanz" fordert Thomas de Maizière (CDU) mehr Reformbereitschaft von Politik und Bürgern. Michael Bröcker hält dagegen: Die Politik müsse zuerst bei sich selbst anfangen.
Sehen Sie hier die Sendung Markus Lanz vom 15. Juni 2026.
15.06.2026 | 88:21 min"Wer muss eigentlich anfangen, sich zu ändern? Die Regierung (…) oder muss die Bevölkerung endlich bereit sein, Opfer zu bringen?" Diese Frage stellte der ehemalige Bundesminister der Verteidigung, Thomas de Maizière (CDU), am Dienstagabend bei "Markus Lanz" - und beantwortete sie gleich selbst: "Meine Antwort: beides ist richtig."
Der Bundesminister a. D. forderte zum einen eine engere Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern, zum anderen appellierte er an die Bevölkerung, notwendige Reformen stärker zu akzeptieren.
Richtig ist, dass Veränderungen Zumutungen [bedeuten]. Das sind zunächst negative Veränderungen. Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt.
Thomas de Maizière, ehemaliger Bundesverteidigungsminister
Bundeskanzler Merz hat seinen Reformkurs im Bundestag verteidigt und alle zur Veränderungsbereitschaft aufgerufen. Von der Opposition erntete er harsche Kritik.
12.06.2026 | 2:11 minDe Maizière: Brauchen "mutige Veränderungen"
Weiter forderte de Maizière: "Wie wäre es, wenn man mal über die Standards redet? Wir haben uns einen Standard angewöhnt, den irgendeiner bezahlen muss."
De Maizière führte als Beispiel die deutschen Baubestimmungen zur Trittschallsicherheit an, die dazu dienen, "damit die Kinder, die oben rumtrampeln, meinen Mittagsschlaf nicht stören." Diese aktuellen Vorschriften für Neubauten seien jedoch enorm kostspielig. Daher müsse man einen Schlussstrich ziehen: "Schluss damit. Wenn ihr wollt, könnt ihr das haben. Dann müsst ihr mehr bezahlen."
Wir brauchen die Bereitschaft der Politik, der politischen Führung, mutige Veränderungen zu beschließen. Und wir brauchen die Bereitschaft, das dann auch zu akzeptieren.
Thomas de Maizière, ehemaliger Bundesverteidigungsminister
Die Bundesregierung will Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände bei den geplanten Reformen einbinden. Kanzler Merz sprach im Bundestag von "entscheidenden Wochen".
11.06.2026 | 1:46 minAnders bewertete das der Chefredakteur von Table.Media, Michael Bröcker. Er sagte, entscheidend sei der politische Mut; die Bereitschaft in der Bevölkerung werde wachsen, wenn die Politik mit Reformen bei sich selbst beginne, denn in der Politik sehe er große Widersprüche.
Sie können nicht einerseits Medikamentenzuzahlung [fordern] und gleichzeitig sagt die Politik, bei den Diäten wollen wir nicht ran.
Michael Bröcker, Chefredakteur von Table.Media
Bröcker: Politik sollte mit gutem Beispiel vorangehen
Statt die Belastungen zuerst den gesetzlich Versicherten aufzubürden, könnte die Politik mit gutem Beispiel vorangehen und erklären: "Wir Beamte gehen jetzt erst mal voran und sagen wir zahlen jetzt auch ein." Ein solches Signal würde die Akzeptanz von Reformen stärken.
Über BAföG, Elterngeld oder andere Reformideen werde immer wieder diskutiert, sagt ZDF-Hauptstadtkorrespondentin Andrea Maurer. Entscheidungen gebe es bislang aber noch nicht.
11.06.2026 | 13:51 minThomas de Maizière wollte die aktuelle Bundesregierung nicht kritisieren, da ehemalige Politiker ihre Nachfolger grundsätzlich nicht öffentlich kritisieren sollten. Sagte dann allerdings: "Wir haben eine Regierung, die so arbeitet wie sie arbeitet (…). Sie weiß selber, dass sie besser werden muss."
Er kritisierte, dass heutzutage "alles, was irgendeiner vorschlägt, sofort in die Tonne gehauen wird. Und das mit dem Vokabular: 'Größte Katastrophe', 'schlimmste Zumutung', usw.". Zudem bemängelte er die unrealistische Erwartungshaltung der Bevölkerung, dass die Politik sämtliche Probleme ohne jeglichen eigenen Beitrag der Bürger lösen könne.
Ein weiteres Problem in der aktuellen Politik der Regierungskoalition sah de Maizière in der generellen Tendenz, dass heute jedes kleine Problem nicht auf der mittleren oder halbhohen Ebene gelöst werde, "sondern bei den Chefs".
Bei den Problemen sei sich die Koalition einig, berichtet ZDF-Hauptstadtkorrespondent Karl Hinterleitner zum Koalitionsausschuss mit den Sozialpartnern. Lösungen seien nicht präsentiert worden.
11.06.2026 | 2:50 minDe Maizière: "Zu viele rudern und zu wenige steuern."
"Ich glaube nicht, dass Konrad Adenauer oder Helmut Kohl in so eine Wahlkampfarena, wo alles im Detail besprochen wird [gegangen wären]. Die hätten dort nicht eine Viertelstunde überlebt. Die hätten gesagt: Ich habe meinen Minister, der löst das Problem."
Minister sollten, so Thomas de Maizière, nicht alle Details selbst verhandeln. Er sprach davon, dass, "wenn die Minister Detailsteuerung machen, zu viele rudern und zu wenige steuern."
Und wenn man alles hochzieht zum Kanzler, zu den Ministern, Regierungschefs, machen die anderen nichts mehr. Die Problemlösung wird nach oben geschoben. Und das ist ein strukturelles Problem der Regierungsarbeit.
Thomas de Maizière, ehemaliger Bundesverteidigungsminister
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