Beauftragter der Bundesregierung:Inklusion: Für viele nur ein "Nice-to-have"
von Sophie Burkhart
Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität kann Reisen mit dem ÖPNV schwierig werden. Zwei Schüler mit Behinderungen haben eine neue Rampe entwickelt, die helfen soll.
Um für Rollstuhlfahrer den Einstieg in die U-Bahn zu erleichtern, entwickelten zwei Jugendliche eine feste, flache Rampe. Sie überbrückt die Lücke zwischen Zug und Bahnsteig. Für sie geht es um bessere Teilhabe im Alltag.
05.05.2026 | 1:38 minViele Rollstuhlfahrer kennen das Problem: Sie bleiben beim Einsteigen in die U-Bahn mit ihren Rädern in der Lücke zwischen Bahnsteig und Zug stecken. So geht es auch dem 18-jährigen Marko. Er sitzt wegen einer angeborenen Muskelschwäche im Rollstuhl. In der Münchner U-Bahn sieht er sich oft Hindernissen ausgesetzt.
Hindernisse, die eigentlich nicht existieren dürften. Denn Barrierefreiheit ist ein Menschenrecht und in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN) festgeschrieben.
Auf St. Pauli in Hamburg verteilt eine Initiative kostenlos Rampen und wirbt für mehr Barrierefreiheit in Städten. Auch Sozialverbände fordern verbindliche Regeln von der Bundesregierung.
07.05.2025 | 2:03 minSchüler entwickeln Modell einer Rampe
Marko sagt, in solchen Situationen fühle er sich hilflos. "Man weiß nicht, was man weiter machen soll." Um gegen dieses Gefühl anzugehen und einen Beitrag zur Barrierefreiheit zu leisten, haben er und sein Schulfreund Joy ein neues Modell einer Rampe entwickelt.
Sie soll Menschen mit Mobilitätseinschränkungen den Ein- und Ausstieg in die U-Bahn erleichtern. Der Prototyp ist um das 2,5-Fache flacher als bisherige Rampen und soll fest am Gleis installiert werden. Der Zugführer muss nicht erst aussteigen und die Rampe hinlegen.
Und: Biegsame Borsten sollen die Lücke zwischen Bahnsteig und Zug schließen. Menschen mit Behinderungen können so selbstbestimmt und ohne Hilfe den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nutzen.
Marko (3.v.l.) und Joy (2.v.l.) präsentieren das Modell der Rampe gemeinsam mit ihren Mentoren.
Quelle: ZDFStart-up: Betroffene haben oft bessere Ideen
Über ein Jahr lang haben die beiden Schüler daran getüftelt, unterstützt vom Start-up Your Capabilities. Das Gründerprogramm fördert Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen und deren Ideen.
Der Gründer des Start-ups, Thomas Heymel, sagt: Junge Menschen mit Behinderung sollen spüren, dass ihre Ideen wichtig sind für gesellschaftlichen Wandel.
Die Menschen, die betroffen sind, wollen gefragt werden und haben oftmals die besseren Ideen.
Thomas Heymel, Gründer von Your Capabilities
Mit seinem Programm besucht der Gründer inklusive Schulklassen und fragt die Schüler, was sie in ihrem Alltag nervt. Aus den Antworten entwickeln sie dann Lösungen und eben auch Prototypen wie die Rampe.
Gesetzliche Regeln für Barrierefreiheit im ÖPNV
Dass es Lösungen braucht, zeigt das Inklusionsbarometer Mobilität der Aktion Mensch von 2022: Demnach gaben 19 Prozent der befragten Menschen mit Beeinträchtigung an, durch nicht barrierefreie Busse und Bahnen in ihrem Alltag eingeschränkt zu sein.
Nico Mackert hat von klein auf eine große Leidenschaft: Züge. Deswegen macht er als erster Rollstuhlfahrer bundesweit eine Ausbildung zum Kaufmann bei der DB Regio.
17.03.2026 | 15:00 minIm Personenbeförderungsgesetz ist zwar festgelegt, dass der ÖPNV "bis zum 1. Januar 2022 eine vollständige Barrierefreiheit zu erreichen" hat. Die Frist ist jedoch längst verstrichen - und das Ziel nicht erreicht.
Für den ÖPNV sind in Deutschland in der Regel die Landkreise und Städte verantwortlich. "Die aktuellen, historischen Rekorddefizite der kommunalen Haushalte führen zu einer noch größeren Aufgaben- und Finanzierungskonkurrenz vor Ort (Krankhäuser, Schulen, Kitas vs. ÖPNV) und erschweren allgemein Investitionen in die kommunale Infrastruktur und damit auch in die Barrierefreiheit", sagt Markus Brohm, Verkehrsreferent des Deutschen Landkreistages.
Für einen barrierefreien Ausbau brauche es mehr Investitionen seitens des Bundes und der Länder. Brohm gibt dabei zu Bedenken, dass die Herstellung von Barrierefreiheit der gesamten Gesellschaft zugutekomme:
Sie hilft nicht nur Menschen mit Einschränkungen, sondern genauso jungen Familien mit Kinderwagen oder Reisenden mit Gepäck.
Markus Brohm, Verkehrsreferent des Deutschen Landkreistages
... bedeutet, dass Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen, Haltestellen, aber auch Apps, Fahrkartenautomaten und Informationen möglichst einfach und selbstbestimmt genutzt werden können.
Vereinte Nationen rügen Deutschland
Jürgen Dusel, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, sieht beim barrierefreien Umbau des ÖPNV "eine mangelnde Priorisierung des Themas bei Ländern und Kommunen". Inklusion sei für viele nur ein "Nice-to-have" und werde erst dann angefasst, wenn alle anderen Aufgaben erledigt seien und dann noch Geld übrig sei. Er kritisiert:
Von einer gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderungen sind wir in Deutschland noch weit entfernt.
Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen
Das sieht auch die Staatenprüfung der Vereinten Nationen so, die Deutschland mehrfach für seine ungenügende Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention rügte.
Laut einer Studie werden tausende Kinder mit besonderem Förderbedarf nicht richtig beschult. Schulen sind überfordert, Lehrpersonal fehlt. Der Lehrerverband klagt: In Berlin ist Inklusion gescheitert.
23.09.2025 | 1:53 minJoy und Marko, die Entwickler der Rampe, wünschen sich, dass Menschen mit Behinderungen mehr einbezogen werden. Die beiden Schüler sind bereits mit der Münchner Verkehrsgesellschaft im Gespräch. Ihre Rampe, so hoffen sie, soll Ende des Jahres zum Einsatz kommen.
Sophie Burkhart ist Redakteurin im ZDF-Landesstudio in Bayern.
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