Schulbegleitung in Hamburg:Sparen bei Inklusion? "Es ist eine Riesen-Wut da"
von Britta Hilpert
Hamburg streitet über Inklusion: Eltern fürchten weniger Hilfe, die Senatorin verteidigt neue Regeln, die Bewilligungspraxis sei nicht zielgenau genug.
Hamburg hat mit verschärften Regeln für Schulbegleitungen eine Debatte über Inklusion und Sparpolitik ausgelöst. Künftig soll es statt individueller Ansprüche Kombinationsmodelle geben.
02.07.2026 | 2:00 minLaura ist 10 und hat das Williams-Beuren-Syndrom, oder, wie ihre Eltern sagen, das Happiness-Syndrom. Man erkennt schnell, warum es so heißt. "Hallo", winkt sie uns freundlich zu, als sie mit Schulbegleiterin Lilly aus der Schule kommt und ihre Mutter Sandra Brunner fest umarmt.
Das Syndrom führe dazu, dass sie leider nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne habe, erklärt ihre Mutter, zu wenig isst und nicht gut sieht. Lilly, die in ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) Schulbegleitung macht, sorgt dafür, dass sie im Unterricht bei der Sache bleibt, genügend isst und auf der Treppe nicht stürzt. "Lilly macht das richtig gut", lächelt Laura und reckt den Daumen hoch.
Schulbegleitung: Eltern fürchten weniger Unterstützung
Umso größer war der Schock in der Familie, als ein Schreiben der Behörde Veränderungen bei der Organisation der Schulbegleitung ankündigte. Nach Darstellung der Eltern sollen in Lauras Klasse künftig deutlich weniger Begleitpersonen eingesetzt werden. "Wir haben dann nur noch eine FSJ-Kraft, die drei Kinder betreut," sagt Sandra Brunner.
Es bleibt nur noch ein Drittel der bisherigen Unterstützung.
Sandra Brunner
Mit Beginn der Sommerferien startet auch die Vorbereitung auf die Einschulung. In der sogenannten "Klasse Null" werden Kinder mit Förderbedarf spielerisch auf den Schulalltag vorbereitet.
01.07.2026 | 1:41 minSchulbegleitung soll Teilhabe von Menschen wie Laura auch langfristig ermöglichen - es ist ihr Recht, nach UN-Konvention und deutscher Gesetzgebung. Nicht nur Lauras Eltern fürchten, dass das nun in Frage steht.
Inklusion: Hamburg verweist auf stark steigende Kosten
Denn der Hamburger Senat begründet die geplante Weiterentwicklung der Schulbegleitung auch mit stark gestiegenen Fallzahlen und Ausgaben:
- Nach Angaben der Schulbehörde wurden im Schuljahr 2014/2015 1.574 Schulbegleitungen bewilligt.
- Im Schuljahr 2025/2026 sind es 4.011 Fälle.
Unter anderem fehlt es vielerorts an qualifiziertem Personal, die soziale Ungleichheit ist weiterhin groß. Eine Schule in Bremen zeigt, wie sich die Chancengerechtigkeit verbessern lässt.
15.06.2026 | 1:30 min- Die Kosten lagen demnach im Jahr 2014 bei 6,75 Millionen Euro.
- Im Jahr 2025 lagen sie bei rund 42,15 Millionen Euro.
- Und im Jahr 2027 erwartet die Behörde geplante Kosten von 44 Millionen Euro.
Es gebe damit keine Kürzungen im Volumen, betont die Bildungssenatorin Ksenija Bekeris. Aber: "Die Spielräume bei der Bewilligung wurden dabei teilweise sehr weit gefasst. Und Schulbegleitung wurde auch bewilligt, wenn keine drohende oder bestehende Behinderung vorlag."
Tschentscher verteidigt Reformpläne
Keine "Gießkanne" mehr, sagt die Senatorin und sagt auch ihr Chef, Bürgermeister Peter Tschentscher mit Blick auf alle Arten von individuellen Eingliederungshilfen mit Rechtsanspruch. Denn die brächten den Sozial- und Schulhaushalt aus dem Gleichgewicht.
Trotz klammer Kassen soll der Staat nicht an Hilfen für Menschen mit Behinderungen sparen - das fordern mehrere Sozialverbände.
05.05.2026 | 1:23 min"Wir brauchen Leistungen für alle und die können manchmal im Pool oder in der Gruppe, nicht individuell, sogar besser geleistet werden, als wenn man es alles über Einzelfallhilfen macht. Das ist der Grundgedanke der Reform, die Bund und Länder beschlossen haben", sagt Tschentscher.
Nicht nur Hamburg steht also erst am Anfang einer Debatte, in der es ums Menschenrecht Inklusion geht und ums Geld.
Laut einer Studie werden tausende Kinder mit besonderem Förderbedarf nicht richtig beschult. Schulen sind überfordert, Lehrpersonal fehlt. Der Lehrerverband klagt: In Berlin ist Inklusion gescheitert.
23.09.2025 | 1:53 minKritik: Zu wenig Einbindung der Betroffenen
Auf einer Demo am Jungfernstieg protestierten rund tausend Betroffene und Interessierte gegen die Neuerungen, so die Veranstalter.
Es müssten eigentlich mehr sein, meint Lauras Vater, Christian Brunner, der allein gekommen ist, denn für seine Tochter Laura ist das zu viel.
Ich kenne ganz viele Eltern, die heute nicht kommen können, weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssen. Es ist eine Riesen-Wut da.
Christian Brunner
Auch, weil das Rathaus so schlecht kommuniziert habe, wie er und seine Frau meinen. Sandra Brunner hatte mit Blick auf steigende Kosten auch betont:
Wir Eltern sind nicht blöd. Wir sind gesprächsbereit, wir sind offen.
Sandra Brunner
Sie verweist darauf, dass noch nicht mal der Elternrat zuvor konsultiert wurde. "Wir Eltern sind lösungsorientiert und wir möchten auch gerne gute Ansätze finden, aber dann bitte mit allen."
Britta Hilpert leitet das ZDF-Landesstudio in Hamburg.
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