Tag des Ehrenamts:Engagierte Helfer zwischen Idealismus und Erschöpfung
von Michael Kniess
Das Ehrenamt hält die Gesellschaft zusammen. Doch Zeitdruck, Ungleichheit und Überforderung setzen den engagierten Helfenden zu. Warum der "Kitt" trotzdem noch trägt.
In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Ehrenamtlichen um zwei Millionen gesunken. Schnupperangebote sollen neue Freiwillige gewinnen.
23.05.2026 | 1:27 minDas Ehrenamt gilt als Kitt der Gesellschaft. Es organisiert Sportfeste und Blutspenden, begleitet Geflüchtete, hält Feuerwehren am Laufen oder sammelt Spenden für den guten Zweck. Doch dieser Kitt scheint brüchiger geworden zu sein.
Vereine klagen über fehlenden Nachwuchs, Vorstände finden keine Nachfolge mehr, vielerorts stemmen dieselben Menschen seit Jahren die Arbeit. Gleichzeitig engagieren sich laut aktuellem Freiwilligensurvey noch immer rund 27 Millionen Menschen in Deutschland freiwillig. Wie passt das zusammen?
Heute ehrt Deutschland erstmals alle, die sich für die Gemeinschaft engagieren. Der Bundespräsident hat den Ehrentag angeregt und ihn bewusst auf den 77. Geburtstag des Grundgesetzes gelegt.
23.05.2026 | 1:24 minForm des Engagements verändert sich
"Der These, dass sich Menschen nicht mehr engagieren, würde ich nicht folgen", sagt Lilian Schwalb, Geschäftsführerin des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE). Zwar sei das Engagement zuletzt leicht gesunken, insgesamt sei die Situation aber noch stabil. Besonders bemerkenswert: Gerade junge Menschen engagieren sich überdurchschnittlich häufig, betont sie.
Zum Ehrentag besuchen Schülerinnen und Schüler ein Seniorenheim und lernen voneinander. Überraschung inklusive!
23.05.2026 | 2:14 minDie Engagementquote- und -bereitschaft ist in den jüngeren Altersgruppen am höchsten.
Lilian Schwalb, Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE)
Das mache Mut für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Verändert habe sich weniger die Bereitschaft als vielmehr die Form des Engagements. Die klassische jahrzehntelange Vereinskarriere verliert in einigen Bereichen an Attraktivität. Stattdessen wünschen sich viele flexible, projektbezogene Beteiligung.
Die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt beobachtet, dass Menschen sich heute stärker engagieren wollen, wenn sie darin Sinn, Selbstverwirklichung oder persönliche Entwicklung sehen. Ehrenamt soll nicht nur Pflicht sein, sondern auch Freude machen.
Zum 77. Jahrestag des Grundgesetzes hat der Bundespräsident einen bundesweiten "Ehrentag" initiiert. In Mettmann kann man in Ehrenämter "hineinschnuppern" und herausfinden, was zu einem passt.
22.05.2026 | 1:56 minWenig Raum für langfristige Verpflichtungen im Leben
Dass dieser Aspekt entscheidend ist, bestätigt auch Julia Simonson, kommissarische Institutsleiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA):
Ehrenamtliches beziehungsweise freiwilliges Engagement wird anscheinend nur dann dauerhaft ausgeübt, wenn es auch Spaß macht.
Julia Simonson, Deutsches Zentrum für Altersfragen (DZA)
Gleichzeitig seien Zeitmangel und berufliche Belastung die häufigsten Gründe, warum Menschen ein Engagement gar nicht erst aufnehmen oder wieder beenden.
Lilian Schwalb vom Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) erklärt die Bedeutung des Ehrenamts und wie es gestärkt werden kann.
20.05.2026 | 6:28 minDie moderne Arbeitswelt verschärft das Problem. Wer zwischen Vollzeitjob, Familie, Pflege von Angehörigen und permanenter Erreichbarkeit jongliert, findet oft kaum noch Raum für langfristige Verpflichtungen. Mobilität, befristete Arbeitsverhältnisse und häufige Wohnortwechsel erschweren zusätzlich stabile Vereinsbindungen.
Benefit der Helfenden: Mehr Zufriedenheit und Teilhabe
Dabei profitieren nicht nur Organisationen vom Ehrenamt, sondern auch die Engagierten selbst. Studien zeigen, dass Menschen, die sich freiwillig engagieren, sich weniger sozial ausgeschlossen fühlen. Gerade im Alter kann Engagement neue Teilhabe schaffen, wenn berufliche Kontakte wegfallen.
Nele und Christopher möchten sich engagieren. Sie probieren Ehrenämter aus, auf der Suche nach der passenden Stelle. Was motiviert sie?
07.12.2025 | 27:30 minDoch nicht alle Menschen haben dieselben Chancen, sich einzubringen. Engagement spiegelt gesellschaftliche Ungleichheiten wider. Zwar engagieren sich Frauen und Männer zahlenmäßig ähnlich stark, doch Führungspositionen werden weiterhin häufiger von Männern besetzt.
Menschen mit Migrationsgeschichte stoßen ebenso auf Hürden wie Menschen mit Behinderung oder geringerem Bildungsabschluss. Oft fehlen niedrigschwellige Zugänge oder schlicht das Gefühl, willkommen zu sein.
Die DLRG im saarländischen Merzig hat 50 ehrenamtliche Trainer. Viele engagieren sich seit Jahrzehnten. Jetzt übergeben sie den Staffelstab an die Jungen.
13.03.2026 | 2:16 minAlltägliches Ehrenamt oft ungesehen
Hinzu kommt ein blinder Fleck der Anerkennungskultur: informelles Engagement. Wer Nachbarn unterstützt, Angehörige pflegt oder spontan Hilfe organisiert, taucht in keiner Vereinsstatistik auf. Gerade diese alltägliche Form des Einsatzes bleibt häufig unsichtbar, obwohl sie das gesellschaftliche Miteinander entscheidend trägt.
Für bestimmte freiwillige Tätigkeiten gibt es steuerfreie Aufwandsentschädigungen. Manche Anerkennungen sind nicht finanzieller Art. Welche gibt es?
... beträgt 3.300 Euro pro Jahr für pädagogische Tätigkeiten, zum Beispiel als Ausbilder, Erzieher, Betreuer, Trainer im Sportverein. Weitere Bereiche sind künstlerische Tätigkeiten oder Pflege von alten und kranken Menschen und Menschen mit Behinderungen.
... beträgt 960 Euro pro Jahr. Darunter fallen alle ehrenamtlichen Tätigkeiten, die nicht unter den Bereich Übungsleiter fallen; dazu zählen unter anderem Vorstandsarbeit, Platzwart, Kassenwart oder Reinigungskraft.
... sind Vergünstigungen, etwa für Kultur, Freizeit oder öffentliche Einrichtungen.
... wie der neue Tag des Ehrensamts können Anerkennung und Sichtbarkeit für freiwilligen Einsatz würdigen.
Politisch wird immer wieder über zusätzliche Anerkennung im Rentensystem diskutiert.
Ehrenamt vermittelt praktische Fähigkeiten wie Organisation, Teamarbeit oder Führung.
Engagement schafft Gemeinschaft und stärkt Teilhabe.
Viele Engagierte erleben ihr Ehrenamt als Möglichkeit, Gesellschaft aktiv mitzugestalten.
Um mehr Menschen für das Gemeinwohl zu gewinnen, braucht es deshalb mehr als warme Worte. Flexiblere Strukturen, digitale Beteiligungsmöglichkeiten und weniger Bürokratie gelten als wichtige Hebel. Auch finanzielle Anerkennung spielt eine Rolle.
Ehrenamts- und Übungsleiterpauschalen sollen erhöht werden, Diskussionen über Rentenpunkte laufen. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass der Staat sich zu sehr auf diesen Einsatz verlässt. Ehrenamt darf unterstützen, aber nicht dauerhaft strukturelle Defizite ersetzen, mahnt Schwalb.
Der neue Ehrentag am 23. Mai will deshalb nicht nur Danke sagen. Er wirft auch die Frage auf, wie eine Gesellschaft aussieht, die auf freiwilligen Zusammenhalt angewiesen ist.
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