Sicherheitskonzept überarbeitet:Hamburg vor CSD: "Angst ist ein schlechter Ratgeber"
von Sven Rieken
Nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin hat Hamburg das Sicherheitskonzept für die Parade überarbeitet. Rund 250.000 Menschen werden beim CSD in Hamburg erwartet.
Nach dem CSD-Attentat in Berlin soll schon kommenden Samstag in Hamburg der nächste CSD stattfinden. Das Motto "Solidarisch Queer – für eine Zukunft ohne Angst" scheint erschreckend aktuell.
28.07.2026 | 2:31 minDer rote SightSeeing Bus biegt in die Lange Reihe ein. "Hier beginnt Hamburgs Schwulen- und Lesbenviertel", ertönt die Stimme des Touristen-Guides aus dem offenen Dach des Cabrio-Busses. Tatsächlich ist mitten im Stadtteil St. Georg über Jahrzehnte eine große Regenbogen-Community gewachsen.
Das zeigt sich nicht zuletzt an der Markise vom Café Uhrlaub. Die leuchtet immer in den Farben des Regenbogens, nicht nur zur Hamburger Pride-Week. Die Fenster darüber und einige Tische sind auch in Regenbogenfarben bemalt.
In Berlin wird die Zahl der Verletzten nach oben korrigiert. Viele Fragen zur Tat sind noch offen. Politik und Behörden bemühen sich um Antworten.
28.07.2026 | 3:07 minDrohanrufe und offene Anfeindungen
Jens Weber hat sich für dieses dauerhafte Bekenntnis zur queeren Community schon viel anhören müssen. "Gerade in den vergangenen Jahren", erzählt der 47-Jährige, sinke die Akzeptanz der queeren Gemeinde immer mehr. Drohanrufe gebe es ständig, auch offene Anfeindungen im Café. Der Angriff auf die Pride-Parade in Berlin zeige ihm, dass sich "da eine Entwicklung zuspitzt".
Angst dürfe aber nicht ihr Leben bestimmen, fügt Weber noch hinzu. Daher sei die CSD-Parade in Hamburg so wichtig. "Liebe ist größer als der Hass", sagt er.
"Queerfeindlichkeit ist kein Randphänomen im Islamismus, das Problem reicht bis tief in diese Gesellschaft hinein." - so Andre Lehmann, Bundesvorstand LSVD⁺.
27.07.2026 | 4:48 minHamburg zieht Lehre aus Berlin
Hamburgs Innenbehörde und die Polizei kennen die Schwierigkeiten der Szene. Nach dem Anschlag in Berlin hat Hamburg das Sicherheitskonzept angepasst. Allerdings wird Christian Schäfer, Sprecher der Innenbehörde, nicht konkret.
Das ist ja auch eine Lehre aus Berlin, dass wir dieses Umfeld verstärkt im Blick haben, mit uniformierten, aber auch mit zivilen Kräften und anderen Komponenten, beispielsweise aus der Luft.
Christian Schäfer, Sprecher der Innenbehörde
Die Anzahl der Beamten wolle man "verdoppeln", so Innenbehörde und Polizei unisono. Allerdings benennen beide Behörden keine Zahl. "Einsatztaktik", wie es heißt.
Der Tatverdächtige Abdul B. war bereits früher straffällig geworden. Obwohl er als islamistischer Gefährder eingestuft war, kam er wieder frei. Eine Reform des Jugendstrafrechts wird diskutiert.
27.07.2026 | 2:35 minHamburg: Mehrere Gefährder im Fokus
Konkreter wird es bei der Zahl der in Hamburg als "Gefährder" geführten Personen. Fünf beobachte man, sagt Christian Schäfer. Sie kämen aus dem Umfeld islamistischer Ideologie.
Für Terrorismusexperte Martin Kahl ist das aber nicht gleichbedeutend mit einer Gefahr für die Hamburger CSD-Parade. "In einer Studie haben wir 90 Fälle von Anschlägen und Anschlagsversuchen in Deutschland seit 2001 gezählt", erzählt Kahl. Weniger als zehn Prozent der Täter seien seiner Studie nach als Gefährder eingestuft gewesen.
Da sieht man also, wenn man nur auf die Gefährder guckt und nur den Fokus darauf richtet, dann entgeht einem ein ganz großer Bereich des Personenpotenzials, was infrage kommt.
Martin Kahl, Terrorismusexperte
Nach dem Anschlag in Berlin rüstet sich Hamburg für den anstehenden CSD am kommenden Samstag. Vorsichtshalber verstärkt die Polizei ihre Schutzmaßnahmen.
28.07.2026 | 2:05 minIslamische Gemeinde besucht Trauerveranstaltung in Hamburg
Der Blick richtet sich dabei schnell auf die islamische Gemeinde in Hamburg. Die zeigte Flagge und nahm am Sonntag an der Hamburger Gedenkveranstaltung für den Anschlag von Berlin teil.
Es seien Menschen gewesen, die dort waren, weil sie feiern und am CSD teilnehmen wollten und dann so eine Gewalterfahrung gemacht hätten, erklärt Fatih Yildiz vom Rat der Islamischen Gemeinschaften Hamburg. Das sei schrecklich, man habe signalisieren wollen, "dass wir das verstehen und auch mitfühlen".
Islamismusexperte Ahmad Mansour versucht eine Erklärung, warum radikalisierte Islamisten so reagieren. "Islamisten wollen die Sexualität kontrollieren und sie so ausleben, wie sie das für richtig und moralisch halten." So sei zu erklären, dass Terroristen dort zuschlagen wollten, wo aus ihrer Sicht viele "Feinde" zusammenkämen.
Abdul B., der mutmaßliche Täter des Anschlags auf den CSD in Berlin, bewegte sich wohl in islamistischen Kreisen. Islamwissenschaftler Steinberg erklärt, wie der IS junge Menschen radikalisiert.
27.07.2026 | 27:23 minTruck aus Berlin ist in Hamburg dabei
Terrorismusexperte Kahl blickt trotz seiner Analyse verhalten gelassen auf Samstag. Nachahmungstaten kurz nach einem Anschlag habe es bei Islamisten bislang nicht gegeben, eher würden Tatmittel kopiert als der Zeitpunkt. "Deshalb sehe ich das relativ entspannt", so Kahl.
Auch Jens Weber aus dem Regenbogen-Café Uhrlaub wird sich nicht einschüchtern lassen. "Angst ist natürlich ein ganz, ganz schlechter Ratgeber", sagt e.
Und wir dürfen uns von der Angst nicht überwältigen lassen.
Jens Weber, Café Uhrlaub
Auch die queere Gemeinde aus Berlin wird bei der CSD-Parade in Hamburg mit einem Truck dabei sein. So setzen beide Städte ein deutliches Zeichen, unter schwierigen Vorzeichen.
Sven Rieken ist Korrespondent im ZDF-Studio in Hamburg.
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