Mehr Förderung vor Einschulung:Zu wenig Sprache, zu viel Bildschirm: Minischule soll helfen
von Jenifer Girke
Lehrkräfte können Erstklässlern kaum noch gerecht werden, weil die Kompetenzspanne bei Kindern immer weiter auseinanderdriftet. Eine Art "Minischule" soll helfen.
Immer mehr Kinder starten mit Defiziten in Sprache und Motorik in die Schule. Ein Pilotprojekt an 150 Schulen testet "Klasse 0", um den Einstieg zu erleichtern und bessere Chancen zu schaffen.
02.07.2026 | 5:04 minEs ist 12 Uhr mittags in einer Grundschule in Hagen, NRW. Für die Grundschüler ist der Unterricht schon vorbei - für die 5-jährige Miryam fängt er gerade erst an. Sie und etwa zehn andere Kinder treffen sich zur sogenannten Minischule.
Sie alle werden im September eingeschult. Was sie in der Schule macht, weiß Miryam schon.
Ein bisschen spielen, Pause, dann ist man schon fertig. Ach ja, dann noch lernen!
Miryam Okubey
Doch ihr und den anderen fehlt es an Basiskompetenzen, zum Beispiel einen Stift zu halten, Farben zu kennen oder sich zu konzentrieren. Ohne diese Grundkenntnisse haben es Kinder von Beginn an schwerer in der Schule. Ein Phänomen, das in den letzten Jahren zugenommen hat.
Unter anderem fehlt es vielerorts an qualifiziertem Personal, die soziale Ungleichheit ist weiterhin groß. Eine Schule in Bremen zeigt, wie sich die Chancengerechtigkeit verbessern lässt.
15.06.2026 | 1:30 minMehr Sprachförderung vor der Einschulung
Ein Ansatz: die Sprache fördern. 340 Schüler und Schülerinnen besuchen die Funckeparkschule - und sprechen insgesamt 35 verschiedene Sprachen. Die Herkunftssprache sei wichtig, so Schulleiterin Christine Proll, und werde im Unterricht mit einbezogen. Doch die Bildungssprache sei Deutsch: "Wenn ich sechs Jahre bin und habe noch nicht Deutsch gesprochen in meiner Familie - das sind Auswirkungen, die wir merken."
Ein weiterer Grund: der Medienkonsum. Kinder seien zunehmend passiv und weniger kreativ, so Proll. Eine Beobachtung, die auch Kinderarzt Engelbert Kölker bestätigt. Zu früher und zu viel Medienkonsum haben gravierende Folgen, zum Beispiel ein geringerer Wortschatz und sprachliche Entwicklungsstörungen: Obwohl ein Kind durch die Medien viele Informationen bekomme, wisse es nur wenig darüber, "weil es sich nicht dialogisch damit auseinandersetzen kann", so Kölker. Und fügt hinzu:
Jede Stunde, die ich vor dem Bildschirm verbringe, kann ich nicht mit anderen Dingen wie Basteln, Malen, Laufradfahren und Ähnlichem verbringen.
Engelbert Kölker, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
In Dänemark verzichtet eine Schule auf Computer und will so die Konzentration der Schülerinnen und Schüler stärken. Die Lehrkräfte berichten unter anderem von einer ruhigeren Atmosphäre.
14.04.2026 | 2:00 minPilotprojekt "Klasse 0": 150 Schulen machen mit
Spielerisch lernen - ganz ohne Bildschirm. Dafür kommen Miryam und die anderen seit März zweimal die Woche für je etwa zwei Stunden zur Minischule, wie sie es hier nennen. Möglich macht es das Projekt "Klasse 0" - nach einer Markus-Lanz-Debatte im letzten Oktober entschied sich der Unternehmer Rossmann, eine Million Euro zu investieren, um angehende Erstklässler fit für die Schule zu machen.
Die Initiative #wirfürschule setzt das Projekt um - im Fokus: Ängste abbauen, Spaß aufbauen.
Es geht wirklich darum, dass Kinder in der Lage sind, eigenständig zu lernen und auch Freude am Lernen zu entwickeln.
Tracy Kistner, Bildungsinitiative #wirfuerschule
150 Schulen deutschlandweit nehmen am Pilotprojekt teil - sie bekommen je 8.000 Euro und können davon Materialien, Fachkräfte oder Ausflüge bezahlen.
Eine eigene Handschrift soll sich bei Schulkindern aus Druckschrift und Schreibschrift entwickeln. Ein Modellversuch in Bayern testet nun, wie das noch besser gelingen könnte.
25.05.2026 | 1:40 minDie politische Antwort auf das Problem: ABC-Klassen
Als Pilotprojekt erfolgreich, doch um langfristige Lösungen zu schaffen, braucht es auch politischen Willen. NRW-Bildungsministerin Dorothee Feller (CDU) sagt im ZDFheute-Interview, dass sie sich der Dringlichkeit bewusst sei: "Wir wissen aus den Schuleingangsuntersuchungen aus dem Jahre 2024, dass das in NRW gut 30 Prozent sind, die nicht die Kompetenzen haben, um die erste Klasse gut zu besuchen. Das zeigt, welche Handlungsnotwendigkeit wir hier haben."
Ihre Antwort: ABC-Klassen, eine Art Vorkurs, die ähnlich aufgebaut sind wie Klasse 0, mit einem deutlichen Fokus auf Sprachförderung und: Sie sind verpflichtend. Bedeutet: Kinder, bei denen im Zuge der Schulanmeldung unzureichende Deutschkenntnisse festgestellt werden, müssen die ABC-Klasse besuchen. Die Hoffnung: Alle Kinder zu erreichen, die Förderung brauchen.
Vor dem Start in die erste Klasse werden Kinder in der sogenannten "Klasse Null" gezielt gefördert. Das Vorschulprogramm soll für mehr Chancengerechtigkeit sorgen.
01.07.2026 | 1:41 minAppell an Unternehmen, sich für Schulkinder einzusetzen
Es gibt auch Kritik an dem Vorschlag, unter anderem an dem logistischen Aufwand, also dem Transport der Kinder zur ABC-Klasse. Kita-Verbände fühlen sich übergangen und fordern stattdessen mehr Förderung in den Kindergärten.
Bis die ABC-Klassen starten, dauert es noch: Startschuss ist das Schuljahr 2028/29. Zeit, die die Schulen eigentlich nicht haben. Deswegen appelliert die Bildungsinitiative #wirfürschule auch an Unternehmen. Die Wirtschaft solle ein Interesse daran haben, Kinder zu unterstützen, so Kistner, denn wer heute in der Grundschule sitzt, sitzt in einigen Jahren vielleicht in einem dieser Unternehmen:
Diese Kinder sind die Arbeitnehmer von morgen.
Tracy Kistner, Geschäftsführerin der Bildungsinitiative #wirfürschule
Neun von zehn Erwachsenen wünschen sich mehr Personal für Schulen und Kitas, sowie mehr Chancengleichheit und einheitliche Lernstandards. Das zeigt ein Ergebnis des "Kinderreports 2026".
26.05.2026 | 1:33 minKlasse 0 zeigt erste Erfolge
An der Funckeparkschule sind sie von ihrer Minischule überzeugt - sie ermögliche sowohl Kindern als auch Lehrkräften einen besseren und entspannteren Schulstart.
Schneiden, kleben, Blatt abheften, im Sitzkreis sitzen können: Das sind kleine Dinge, die sehr große Entlastung bringen.
Christine Proll, Schulleiterin Funckeparkschule Hagen
Ohne diese Unterstützung starten Kinder mit Förderbedarf oft ängstlich in die Schule, werden schnell frustriert. Ein Nachteil, der sich durch die ganze Schulzeit ziehen kann. Miryam und die anderen zeigen: Es geht auch anders.
Jenifer Girke ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen.
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