Assistenzhunde: Politik und Bürokratie blockieren sie

Bürokratische Hürden:Wie die Politik Assistenzhunde ausbremst

von Anja Klingen

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Assistenzhunde unterstützen im Alltag und ermöglichen ein selbstbestimmtes Leben. Trotz dessen stehen sie in Deutschland aktuell vor erheblichen bürokratischen Herausforderungen.

Assistenzhund

Entspannter in den Supermarkt oder zur Arbeit und frühe Symptome einer Krankheit melden - Assistenzhunde erleichtern ihren Besitzern den Alltag. Doch es gibt Probleme bei der Zulassung der Tiere.

16.03.2026 | 2:00 min

Nicole Weiden-Luffy leidet an chronischer Depression und einer seltenen Migräneart, verbunden mit spontanem Erbrechen. Dreimal war sie in der Klinik. Ihren Job als Seelsorgerin kann sie jahrelang nicht ausführen. Doch seit drei Jahren ist Königspudel Blacky an ihrer Seite: "Der Hund riecht, wenn ich eine Migräneattacke bekomme. Und er zeigt mir an, wenn ich in innere Anspannung gehe, wenn Dinge passieren, die mir nicht gut tun. Und dann kann er auch massiv werden. Dann kann er mir sehr klar anzeigen: Wir gehen jetzt."

Ich kann wieder arbeiten, bin wieder belastbar, merke viel besser rechtzeitig, wenn ich in Situationen bin, die mir nicht guttun, sodass ich sagen kann, dass ich fast gesund bin.

Nicole Weiden-Luffy

Blacky trägt eine Warnweste und ein Abzeichen, das ihn als Assistenzhund auszeichnet. Die Ausbildung kostet in der Regel zwischen 15.000 und 35.000 Euro. Diese Summe müssen Betroffene meist selbst tragen. Eine Farce, wenn man bedenkt, dass seit Juli 2024 ein ausgebildeter Hund keine Prüfung mehr ablegen kann.

... hochkonzentrierte Arbeitstiere, die im Einsatz nicht abgelenkt werden dürfen. Wenn sie ihre Warnweste tragen dürfen sie nicht ungefragt angesprochen oder gestreichelt werden. Solche Störungen können die wichtige Funktion des Hundes - etwa bei medizinischen Warnungen - beeinträchtigen und im schlimmsten Fall gefährliche Situationen verursachen.


Blick über Mannheim

Der Luisenpark Mannheim testet erstmals Hunde an der Leine - gegen Gebühr. Was als Entgegenkommen gedacht ist, löst heftige Debatten aus.

24.02.2026 | 5:41 min

Assistenzhunde: Ausbildung ja - aber keine Prüfung möglich

Die seit 2023 geltende Assistenzhundeverordnung (AHundV) soll für mehr Qualität und Einheitlichkeit in der Ausbildung sorgen, indem sie eine verpflichtende Zertifizierung von Ausbildern vorsieht. In der Praxis führt das jedoch zum Stillstand, denn es gibt niemanden mehr, die diese Zertifizierungen durchführen kann. Der Grund: Die '"Deutsche Gesellschaft zur Präqualifizierung im Gesundheitswesen" (DGP), die dafür zuständig war, ist seit dem 15. April 2024 eingestellt. Alle bereits erteilten Zertifikate der Ausbildungsstätten sind somit erloschen. Fazit: Keine zertifizierten Ausbilder - keine Prüfung für Hunde - kein Zertifikat. Und keine offizielle Anerkennung als medizinischer Warnhund.

Hundetrainerin Sandra Klein hat Blacky ausgebildet. Damals noch zertifiziert konnte sie ihn in die Prüfung schicken. Als einen der letzten. Für sie ein einziger Behördenirrsinn: "Die Assistenzhundeverordnung ist seit fast drei Jahren gültig und man kann die gesetzlichen Vorgaben einfach nicht umsetzen. Das ist extrem frustrierend."

Dieter Hallervorden beim Hundeschlittenrennen

Zum zehnten Mal fand das "Baltic Lights" auf der Insel Usedom statt. Unter den zahlreichen Prominenten war auch Dieter Hallervorden, der sogar beim Hundeschlittenrennen mitmachte.

09.03.2026 | 0:47 min

Die Krux: Ohne Zertifikat hat der Hund keinen Zugang zu Arztpraxen, Supermärkten, Hotels, Flugzeugen etc. Sandra Klein: "Ein Hund, der zu Hause warten muss, kann mich im Supermarkt nicht unterstützen. Und die meisten Hunde arbeiten eben vor allem in der Öffentlichkeit."

Auch Eva* ist auf Hilfe angewiesen. Die Studentin ist 24 und leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung: "Ich habe Probleme, unter Menschen zu gehen. Für mich sind so alltägliche Sachen wie Einkaufen alleine gar nicht möglich. Oder auch Uni und Arztbesuche sind für mich sehr schwierig." Ihr Pudel Akari steckt noch in der Ausbildung. Er soll im Notfall für sie da sein, Abstand schaffen, sie aus Situationen herausziehen, Sitzgelegenheiten anzeigen. Doch ob Akari im kommenden Herbst zur Prüfung zugelassen werden kann, ist fraglich.

Eine Frau steht in ihrer Wohnung an einem Fenster, aufgenommen am 13.07.2021

Keine Freude, kein Antrieb: Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland ist direkt oder indirekt von Depressionen betroffen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage.

26.11.2024 | 17:17 min

Es ist Sache der Politik, diesen Missstand zu beheben

Während rund 3.000 Menschen bereits einen zertifizierten Hund haben, sind es Schätzungen nzufolge zwischen 5.000 und 85.000, die noch dringend einen benötigen. Seit Jahren machen Verbände und Ausbildungsstätten das Bundesministerium für Arbeit und Soziales darauf aufmerksam. Auf Anfrage der Redaktion heißt es nun, man arbeite an einer Neustrukturierung und an Übergangslösungen: "Das Bundeskabinett hat am 11. Februar das Änderungsgesetz des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) beschlossen. Das Gesetz befindet sich nun im parlamentarischen Verfahren und tritt nach dessen Abschluss am Tag nach Verkündung in Kraft."

Wann das sein wird, ist unklar. Die aktuelle Situation zeigt jedenfalls deutlich: Es besteht dringender Handlungsbedarf. So lange müssen sich Betroffene noch gedulden, damit Assistenzhunde als das anerkannt werden, was sie sind - lebenswichtige Helfer im Alltag.

* Name von der Redaktion geändert

Über dieses Thema berichtete heute in Deutschland am 16.03.2026 ab 14 Uhr.

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