Prozessbeginn nach Amokfahrt:Leipzig: Warum tötete Jeffrey K. mit seinem Auto?
von Anja Charlet
Im Mai raste der Deutsche Jeffrey K. mit seinem Auto in eine Leipziger Fußgängerzone und tötete zwei Menschen. Nun startet der Prozess - die wichtigsten Fragen und Antworten.
Sechs Monate nach der Amokfahrt in Leipzig beginnt heute der Prozess gegen Jeffrey K. Die Anklage umfasst unter anderem zweifachen Mord und versuchten Mord in 85 Fällen.
02.11.2026 | 2:54 minAm 4. Mai gegen 16:45 Uhr lenkte der Deutsche Jeffrey K. seinen SUV vom Augustusplatz aus in die Fußgängerzone der Grimmaischen Straße. Der Einkaufsboulevard ist wie immer voller Menschen. K. raste laut Anklage mit bis zu 90 Kilometern pro Stunde in die Menge hinein, um gezielt zu töten. Sein Auto erfasste eine 63-jährige Frau und einen 77-jährigen Mann. Beide starben.
Sechs Menschen zwischen 21 und 87 Jahren wurden zum Teil schwer verletzt. Erst nach etwa 500 Metern kam das Fahrzeug an einem Hindernis zum Stehen. K. ließ sich von der Polizei widerstandslos festnehmen. Nun startet der Prozess gegen ihn.
Ein Blumenmeer erinnert an die Amokfahrt in der Leipziger Innenstadt. Das gemeinsame Trauern in der Kirche hilft vielen bei der Verarbeitung der Ereignisse.
06.05.2026 | 3:07 minWorum geht es in diesem Prozess?
Ein halbes Jahr nach der Tat muss sich der Angeklagte K. vor dem Landgericht Leipzig verantworten - unter anderem wegen zweifachen Mordes, versuchten Mordes in 85 Fällen und wegen gefährlichen schweren Eingriffs in den Straßenverkehr. Aktuell wird er von einem vorläufigen forensisch-psychiatrischen Gutachten als schuldfähig eingestuft.
Da K. als schuldfähig eingeschätzt wird, hat er die Psychiatrie, in die er anfangs eingewiesen wurde, wieder verlassen, sitzt seit September im regulären Strafvollzug in Untersuchungshaft.
Bis Juli nächsten Jahres sind 30 Verhandlungstage angesetzt. 150 Zeugen, fünf Gutachter werden gehört. "Wir hören die Opfer, die Betroffenen, wir hören Polizeibeamte, die vor Ort waren, wir hören anderweitige Zeugen und vor allen Dingen hören wir Zeugen aus dem Umfeld des Angeklagten", erklärt Ina Alexandra Tust. Sie vertritt als Opfer-Anwältin eine Nebenklägerin. Was genau war das Motiv für die Amokfahrt? Und ob der Angeklagte voll schuldfähig ist, ist neben weiteren Fragen vor allem aufzuklären.
K.s Strafverteidiger, Malte Heise, glaubt anders als die Staatsanwaltschaft nicht an Rache als Motiv für die Tat. Er sehe "ein Geschehen aus nervlicher Überforderung, Hilflosigkeit, Verzweiflung und Ausweglosigkeit."
Was ist bislang über den Angeklagten bekannt?
Der Angeklagte ist kein unbeschriebenes Blatt. Er hatte offensichtlich psychische Probleme, war bereits polizeilich aufgefallen. Unter anderem wegen verbaler Bedrohung, Beleidigungen oder Herabwürdigungen im sozialen Umfeld. Seine Ehe war gescheitert, er lebte in Trennung. Es gab einen Sorgerechtsstreit um das gemeinsame Kind.
Nach der gestrigen Amokfahrt in Leipzig mit zwei Todesopfern gedenken die Menschen der Opfer. Der mutmaßliche Täter wurde in die Psychiatrie eingewiesen.
05.05.2026 | 1:48 minLaut Sachsens Innenminister Schuster (CDU) seien auch eine Gefährderansprache und Interventionsgespräche mit K. erfolgt. Es habe aber keine Hinweise auf die Notwendigkeit einer Freiheitsentziehung gegeben. Zwei Wochen vor der Tat hatte sich K. auf eigenen Wunsch in eine psychiatrische Klinik begeben. Diese habe er, so erklärte sein Anwalt, aber gegen seinen Wunsch wieder verlassen müssen.
Gab es Anzeichen für die Amokfahrt von Jeffrey K.?
Über mehrere Jahre war K. ehrenamtlicher Trainer in einem Boxverein. Zum Tatzeitpunkt jedoch nicht mehr. K. habe sich im Laufe der Zeit verändert, so der Verein, der sich im Internet zu Wort meldete. Seine getrennt lebende Ehefrau spricht von Bedrohungen. Wenige Tage vor der Tat schickte K. im April eine Drohung an sie per Chat-Nachricht: Es sei "schon lange mehr kein Auto in eine Menschenmenge gefahren".
Die Frau erstattete Anzeige. War diese Nachricht eine Ankündigung der Amokfahrt? Und warum bekam die Polizei erst am Abend des 4. Mai Kenntnis davon?
Nach der Amokfahrt in Leipzig kommt die Frage auf, ob sich die Tat hätte verhindern lassen können. Heiko Teggatz, Bundesvorstizender der deutschen Polizeigewerkschaft, ordnet die Situation ein.
05.05.2026 | 3:45 minWelche Konsequenzen hat die Stadt Leipzig bislang gezogen?
Die Fußgängerzone wurde nach der Tat mit Pollern abgeriegelt. Der Pressesprecher der Stadt, Matthias Hasberg, erklärt gegenüber ZDFheute: "Man muss zunächst zwischen einer Absicherung von temporären Großveranstaltungen und einem dauerhaften Schutz unterscheiden. Für Großveranstaltungen gibt es Sicherheitskonzepte, die entsprechend mit mobilen Pollern umgesetzt und anschließend wieder abgebaut werden." Komplizierter sei ein dauerhafter Durchfahrtschutz für eine Innenstadt mit vielen kleinen Straßen.
Nach der Amokfahrt in Leipzig im Mai 2026: Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung ist von der Anteilnahme in der Stadt berührt.
05.05.2026 | 1:45 minHier müsse vor allem die notwendige Durchlässigkeit für die Rettungsdienste gewährleistet sein. "Die Stadt Leipzig hat eine Machbarkeitsstudie beauftragt, die in den nächsten Wochen vorliegen soll." Erst mit diesen Ergebnissen könne man die nächsten Schritte planen.
Dem Angeklagten droht bei voller Schuldfähigkeit eine lebenslange Freiheitsstrafe. Aufgrund der vielen Opfer kann eine besondere Schwere der Schuld festgestellt werden.
Anja Charlet berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Sachsen.
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