Aus der Zeit gefallen?:Streit in Sachsen: Lehrkräfte verbeamten - oder doch nicht?
von Anja Charlet
Erst seit einigen Jahren werden Lehrer in Sachsen verbeamtet. Der Kultusminister hält das für "aus der Zeit gefallen" und will das nun abschaffen. Die Betroffenen sehen das anders.
Der Streit um den Beamtenstatus für Lehrkräfte spitzt sich zu. Sachsens Kultusminister Clemens verweist auf hohe Pensionskosten. Kritiker warnen vor Folgen für Sicherheit und Schulqualität.
26.03.2026 | 0:22 min2019 hatte Sachsen die Lehrerverbeamtung als letztes Bundesland eingeführt. Jetzt stellt der Freistaat das Modell als erster wieder auf den Prüfstand.
Sachsens Kultusminister Conrad Clemens bringt auf der Kultusministerkonferenz in Berlin, ganz bewusst, wie er sagt, einen "Deutschland-Pakt gegen die Lehrerverbeamtung" ein, um die Debatte darüber anzustoßen. Eine Lösung gebe es nur, wenn alle im Bund mitziehen.
Sachsens Kultusminister Conrad Clemens (CDU) bringt auf der Kultusministerkonferenz in Berlin, ganz bewusst, wie er sagt, einen "Deutschland-Pakt gegen die Lehrerverbeamtung" ein.
Quelle: dpa"Unser Bildungssystem verstärkt die soziale Ungleichheit", sagt Expertin Manuela Mohr, und fordert auch von der Politik langfristige Lösungen "über Ländergrenzen hinweg".
29.01.2026 | 4:53 minClemens erwartet Verschlechterung der Finanzlage auch in anderen Bundesländern
Sachsen will keinen Alleingang, der den Freistaat bei der Lehrer-Gewinnung nur schlechter stellen würde. Auch werde nicht mit einer schnellen Entscheidung gerechnet. Das ist das mittelfristige Ziel des sächsischen Kultusministeriums.
Die schwierige finanzielle Lage gehe an keinem Bundesland vorbei. Im Interview begründet der sächsische Kultusminister seinen Vorstoß. Die Situation habe sich geändert.
Wir haben andere Herausforderungen. Und deswegen können wir uns die Verbeamtung von Lehrkräften so nicht mehr leisten.
Kultusminister Conrad Clemens (CDU)
Die Verbeamtung von Lehrkräften wurde in Sachsen befristet eingeführt, steht 2030 ohnehin wieder auf dem Prüfstand. Clemens sagt:
Ich denke, auch in anderen Ländern wird sich die finanzielle Lage weiter verschlechtern. Dann werde man auch dort diese Debatte haben.
Clemens
Auch sei die Bezahlung von Lehrkräften inzwischen generell sehr gut. Das gelte sowohl für verbeamtete Lehrkräfte als auch für Tarifbeschäftigte.
Geschäftsbereiche statt Schulfächer für mehr praktisches Lernen: Eine Förderschule in Oberhausen hat für diese innovative Idee nun den Deutschen Lehrkräftepreis erhalten.
23.02.2026 | 1:30 minVerbeamtung bringt ca. 1.000 Euro mehr netto
Nach dem Studium verdient ein Lehrender in Sachsen im Schnitt rund 5.100 Euro brutto.
Laut Kultusministerium in Dresden sind von rund 34.000 Lehrerinnen und Lehrern im Freistaat etwa 14.000 verbeamtet. Die anderen sind angestellt, was Gehaltsunterschiede von rund 1.000 Euro netto zur Folge haben kann.
Lehrerverbeamtung: Sicherheit versus modernes Arbeitsmodell
Clemens bezeichnet das Modell der Lehrerverbeamtung als "aus der Zeit gefallen". Nicht nur teuer in der Pensionszahlung, sondern auch in der Gesamtkonstruktion.
Dass man unkündbar beschäftigt ist…das passt doch nicht mehr, dieses Modell aus dem 19. Jahrhundert in eine Arbeitswelt von 2026
Clemens
Für viele Berufsanfänger sind die Aussichten auf eine sichere Rente und einen sicheren Job in unsicheren Zeiten die Argumente, sich für den Lehrerberuf zu entscheiden. Seymen Böhtig unterrichtet seit drei Wochen an der Campus-Cordis-Gemeinschaftsschule in Dresden Geografie und Geschichte. Der 25-jährige sagt:
Deswegen ist es ein Job, der Leidenschaft bietet und Sicherheit.
Lehrer Seymen Böhtig
Genau das, wonach er gesucht habe. Jasmin Wiemann ist ein paar Monate länger an derselben Schule. Lehrerin - ihr Traumberuf. Die Verbeamtung sei Motivation gewesen, das Studium durchzuhalten und später in der Heimat zu bleiben. Für ihre Generation seien ein sicherer Job und eine garantierte Altersvorsorge ein großer Pluspunkt.
Bundesweit protestieren Lehrkräfte im Tarifkonflikt des öffentlichen Dienstes. Vor allem in Ostdeutschland könnte Unterricht ausfallen, weil dort viele Lehrer nicht verbeamtet sind.
29.01.2026 | 0:20 minGewerkschafterin Claudia Maaß: Wir sind gegen diese Hü-und-hott-Politik
Die Altersgrenze für eine Verbeamtung liegt in Sachsen aktuell bei 42 Jahren. Paul Scheibner ist Mitte 40, Lehrer für Mathe und Sport am Campus-Cordis. Und nicht verbeamtet. Er hat es vor Jahren abgelehnt.
Die Familie war in Dresden, er wurde außerhalb eingesetzt, wollte aber zurück nach Hause. Das hat er geschafft, nur verbeamtet wird er nun wohl nicht mehr. Dass für gleiche Arbeit eine unterschiedliche Besoldung gewährt wird, fühle sich aber schon ungerecht an.
Ich mache den Job aus Freude und verdränge das eigentlich.
Lehrer Paul Scheibner
Claudia Maaß von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) meint:
Wir sind vor allem gegen diese 'Hü-und-hott-Politik', die da alle paar Jahre eine andere Entscheidung trifft. Je nach Haushaltslage. Das bringt wirklich Unruhe, ist nicht planbar für die Leute.
Claudia Maaß, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Auf jeden Fall hat der Vorstoß aus Sachsen, der auf der Kultusministerkonferenz nur am Rande unter dem Punkt "Verschiedenes" behandelt wird, einen Nerv getroffen. Wie die Diskussion darüber zeigt.
Laut der Lehrkräfte an Darmstädter Grundschulen habe die Bedürftigkeit der Schüler zugenommen, vielen fehle es an Fähigkeiten. Sie fordern kleinere Klassen und eine bessere Betreuung.
30.01.2026 | 2:03 minAnja Charlet ist Redakteurin und Reporterin im ZDF-Landesstudio Sachsen in Dresden.
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