Nach internem Streit und Absetzung:Paukenschlag in türkischer Oppositionspartei
Nach seiner Absetzung sieht der frühere Vorsitzende Özgür Özel in der traditionsreichen CHP keinen Platz mehr und gründet eine neue Partei. Das verändert die türkische Opposition.
Die nächste Präsidentschaftswahl in der Türkei findet erst 2028 statt. Nun gründete Özgür Özel eine neue Oppositionspartei. Im Mai erst war er als Vorsitzender der CHP-Partei abgesetzt worden.
27.07.2026 | 2:02 minBei seinem letzten Auftritt als Fraktionschef der CHP im Parlament in Ankara gab sich Özgür Özel kämpferisch. "Wir werden zusammen marschieren, wir werden zusammen an die Macht marschieren", rief er seinen Anhängern zu. Am Freitag dann unterschrieb er die Gründungsdokumente der "Yeni"-Partei, kurz: "Neue Partei".
Özel war bis Mai Vorsitzender der CHP, der größten Oppositionspartei der Türkei. Nach Vorwürfen, seine Wahl an die Parteispitze sei manipuliert gewesen, wurde er per Gerichtsbeschluss abgesetzt. Brisant: Die Anschuldigungen, wonach er und seine Anhänger Delegierte bestochen haben sollen, kamen aus den eigenen Reihen.
"Nach diesen Vorwürfen hatte die Regierung Erdogan ein rechtliches Argument, die gewählte Führung der CHP abzusetzen", erläutert Suat Özcelebi, ein langjähriger Beobachter der türkischen Politik im ZDF-Interview. Erdogans wichtigstes Anliegen sei es, die Opposition zu "gestalten", so Özcelebi. "Damit ist er bereits weit gekommen."
Die türkische Opposition sieht sich seit Jahren zunehmendem Druck ausgesetzt. Politiker, Journalisten und Aktivisten berichten von Verfahren, Festnahmen und Einschränkungen ihrer Arbeit.
02.07.2026 | 2:30 minMachtkampf in der CHP
Dabei hatte die CHP bei den Kommunalwahlen 2024 einen historischen Erfolg erzielt und die Partei von Präsident Recep Tayyip Erdoğan erstmals bei einer landesweiten Wahl hinter sich gelassen. Doch statt von diesem Erfolg zu profitieren, geriet die Partei in einen erbitterten Machtkampf. Özel gilt als säkularer Reformer, will mehr Frauen in die Politik bringen und auch Minderheiten wie Kurdinnen und Kurden ansprechen.
Nach seiner Absetzung versuchte Özel zunächst, seine Stellung zurückzugewinnen. Bemühungen um einen außerordentlichen Parteitag blieben jedoch erfolglos. Mit Beginn der Gerichtsferien und weiteren juristischen Rückschlägen entschied sich der 51-Jährige schließlich für einen politischen Neuanfang.
Der türkische Präsident Erdogan geht hart gegen die größte Oppositionspartei CHP vor. Zuletzt stürmten Polizisten die Parteizentrale. Türkei-Experte Dawid Bartelt analysiert bei ZDFheute live.
26.05.2026 | 18:38 min"Neue Partei" soll von der Basis aufgebaut werden
Bei einem Treffen mit 74 Provinzvorsitzenden, die mehrheitlich zu seinem Lager zählen, sprach Özel von einem Projekt, das "von unten" entstehe. Die neue Partei werde Bezirk für Bezirk, Dorf für Dorf und Provinz für Provinz aufgebaut. Zugleich betonte er, die Bewegung solle über die bisherige CHP hinausreichen und unterschiedliche gesellschaftliche Kräfte einbinden.
"Bis heute haben sie uns nie enttäuscht und uns niemals allein gelassen", sagte Özel über seine Unterstützer. Gemeinsam wolle man nun "den Weg zur Regierungsmacht einschlagen".
In der Türkei eskaliert der Machtkampf: Die Polizei geht gegen die sozialdemokratische Partei CHP vor, doch Erdogans Partei AKP weist die Vorwürfe politischer Einflussnahme zurück.
27.05.2026 | 6:32 minÜber 90 Abgeordnete sind übergelaufen
Bereits heute, wenige Tage nach der offiziellen Parteigründung, ist klar: Über zwei Drittel der CHP-Abgeordneten sind zur Yeni-Partei Özgür Özels übergelaufen. Damit hat die CHP ihre Rolle als führende Oppositionspartei eingebüßt. Sie verfügt heute nur noch über 44 Sitze im türkischen Parlament.
"Präsident Erdogan hat sich klar verkalkuliert", konstatiert Suat Özcelebi. Statt die Opposition zu schwächen, bündelt sich der Widerstand gegen ihn nun in der neuen Partei Özgür Özels. Diese kann das politische Kräfteverhältnis in der Türkei nachhaltig verändern. Einerseits dürfte eine neue, von vielen CHP-Funktionären und Abgeordneten getragene Formation erhebliches politisches Gewicht entwickeln. Andererseits droht der Opposition eine weitere Zersplitterung.
Die Frage ist nun noch, wer Özel neben den Abgeordneten noch folgen wird - etwa Bürgermeister oder auch normale Parteimitglieder. Klar scheint jedoch: Mit der Neugründung der Yeni-Partei steht die türkische Opposition vor ihrer wohl tiefgreifendsten Neuordnung seit Jahren.
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