Vermisste Angehörige in Syrien:Tausende strömen zu Saidnaja-Gefängnis
Das Gefängnis Saidnaja war als Folterkammer des syrischen Systems bekannt. Aktivisten haben die Durchsuchung des Gefängnisses abgeschlossen - und viele Familien enttäuscht.
Vor dem Militärgefängnis Saidnaja nördlich von Damaskus haben sich Tausende Menschen versammelt, in der Hoffnung vermisste Angehörige zu finden.
Quelle: dpaNach dem Sturz von Machthaber Baschar al-Assad in Syrien sind zahlreiche Menschen zum berüchtigten Gefängnis Saidnaja geströmt. Sie suchen dort nach teils seit Jahren inhaftierten Angehörigen. Bis Montagabend sollen sich tausende Menschen vor der mehrstöckigen Haftanstalt nördlich der Hauptstadt Damaskus versammelt haben.
Unterdessen kündigte der Anführer der siegreichen Islamisten, Mohammed al-Dschulani, an, eine Liste der an Folter beteiligten Ex-Beamten zu veröffentlichen.
Suche nach vermissten Verwandten in Saidnaja
Vor Ort sagte die 65-jährige Aida Taha, sie sei auf der Suche nach ihrem 2012 verhafteten Bruder "wie eine Verrückte" zum Saidnaja-Gefängnis gelaufen - in der Hoffnung, ihn dort zu finden. "Das Gefängnis hat drei oder vier unterirdische Stockwerke", sagte sie.
In Syriens berüchtigtem Militärgefängnis Saidnaja befinden allerdings mittlerweile keine Gefangenen mehr. Die systematische Durchsuchung des riesigen Komplexes nördlich von Damaskus nach geheimen Zellen und verborgenen Kellerräumen sei inzwischen abgeschlossen.
Weißhelme haben Durchsuchung abgeschlossen
Zugleich äußerten die Weißhelme - Mitglieder des syrischen Zivilschutzes - ihr Mitgefühl mit den vielen Familien, die vergeblich darauf gehofft hätten, dass vermisste Angehörige nach Assads Sturz lebend in dem Gefängnis gefunden werden.
Mithilfe von Spürhunden und Insidern, die mit dem Gefängnis vertraut seien, hätten fünf Suchteams den gesamten Komplex durchkämmt, teilten die Weißhelme mit.
Wie geht es in Syrien weiter? Und was bedeutet die politische Lage für syrische Flüchtlinge in der Türkei. Die ZDF-Korrespondentinnen Anna Feist und Phoebe Gaa berichten.
10.12.2024 | 3:25 minAlle Eingänge, Ausgänge, Luftschächte, Abwasseranlagen, Wasserrohre, Kabelschächte und Überwachungskameras wurden überprüft.
Mitteilung der Weißhelme
Sie teilten weiter mit: "Trotz dieser umfangreichen Bemühungen wurden keine versteckten oder verschlossenen Bereiche entdeckt." Die Suche nach den vermissten Opfern des Machtapparats gehe auch außerhalb des Gefängnisses weiter, dort gebe es Massengräber und zahllose Leichen zu identifizieren.
Laut dem Leiter der Weißhelme, Raid Al Saleh, sollen insgesamt rund 150.000 Menschen in dem Gefängnis inhaftiert gewesen sein. Es war wegen des brutalen Vorgehens der Wärter und berüchtigter Foltermethoden als "Schlachthaus" bekannt.
Dutzende Leichen mit Folterspuren in Klinik entdeckt
Islamistische Kämpfer haben in einem Krankenhaus nach eigenen Angaben dutzende Leichen mit Folterspuren entdeckt. In der Leichenhalle einer nahe der Hauptstadt Damaskus gelegenen Klinik habe er am Montag die sterblichen Überreste von etwa 40 Menschen gesehen, sagte einer der Kämpfer, Mohammed al-Hadsch.
Beim Öffnen der Leichenhalle habe sich ihm "ein grauenhafter Anblick" geboten.
Etwa 40 Leichen waren aufgestapelt und wiesen Anzeichen grausamer Folter auf.
Mohammed al-Hadsch, Kämpfer
Die Leichen wurden in weiße Tücher eingewickelt oder in weiße Plastiksäcke gesteckt, die mit Namen oder Zahlen markiert waren. Einige der Toten waren bekleidet, während andere nackt waren. Einige von ihnen waren offenbar erst kürzlich getötet worden.
Die Leichen wurden nach Angaben von al-Hadsch in ein Krankenhaus nach Damaskus gebracht, damit sie von ihren Angehörigen identifiziert werden können. Nach Angaben der Vereinigung der Inhaftierten und Vermissten des Sednaja-Gefängnisses (ADMSP) handelt es sich bei den Leichen vermutlich um Insassen des berüchtigten Gefängnisses, das für die Brutalität der jahrzehntelangen Herrschaft der Assad-Familie steht.
48 Tage in Gewalt der Schattenarmee
11.01.2022HTS kündigt Veröffentlichung eine Liste hochrangiger Folterer an
Die islamistische Gruppe Hajat Tahrir al-Scham (HTS) hatte angekündigt, "alle zu Unrecht Inhaftierte" würden freigelassen. HTS-Chef al-Dscholani kündigte am Montag im Onlinedienst Telegram an, eine von den künftigen syrischen Behörden zu veröffentlichende Liste werde "die Namen der ranghöchsten Beamten enthalten, die in die Folterung des syrischen Volkes verwickelt sind".
Wir werden Belohnungen für jeden anbieten, der Informationen über hochrangige Armee- und Sicherheitsoffiziere liefert, die in Kriegsverbrechen verwickelt sind.
Mohammed al-Dscholani, HTS-Chef
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