Adoptionen aus Südkorea: Wenn Kinder wie Fracht verschickt werden

Adoptivkinder aus Südkorea:"Wenn ich doch nur meinen Namen wüsste"

Houben Luisa

von Luisa Houben, Peking

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Seit den 1950er-Jahren sind rund 200.000 südkoreanische Adoptivkinder in den USA oder Europa aufgewachsen. Viele dieser Vermittlungen beruhten auf einer Lüge.

Eine Frau sitzt in einem abgedunkelten Raum, vorne steht ein Tablet und zeigt ein historisches Foto von ihr als Kind.

Rund 200.000 Kinder wurden jahrzehntelang in Südkorea für Auslandsadoptionen freigegeben. Viele waren keine Waisen, sondern kamen unehelich zur Welt und wurden ihren Müttern einfach weggenommen.

25.02.2026 | 6:55 min

Anne Bertelsen fehlt der Anfang ihrer Geschichte: "Ich war in einem Waisenhaus und kam dann nach Amerika. Aber ich weiß nicht, was davor mit mir passiert ist. Da ist eine große Leere." Sie ist eins von rund 200.000 südkoreanischen Kindern, die seit den 1950er-Jahren in die USA und nach Europa vermittelt wurden - ein unmoralisches Geschäft.

Vielen von ihnen fehlen Informationen über ihre Herkunft. Oft hieß es, die Kinder seien auf einem Markt oder auf der Straße gefunden worden. Sie seien Waisen. So auch Anne Bertelsen.

Identitätssuche mit widersprüchlichen Informationen

Sie soll im Alter von zwei Jahren vor einer Polizeistation in Seoul gefunden worden und bis sie fünf war in einem Waisenheim aufgewachsen sein. Sie weiß nicht, ob das stimmt. Auch nicht, ob das damals angegebene Geburtsdatum und der Geburtsname korrekt sind.

Wenn ich doch nur meinen Namen wüsste, dann hätte ich vielleicht eine Chance, oder?

Anne Bertelsen, Adoptivkind aus Südkorea

Seit 20 Jahren sucht sie nach ihrer koreanischen Identität, in den USA und in Korea - in der Hoffnung, ihre Familie zu finden. Doch manche Hinweise widersprechen sich.

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Je nachdem, ob koreanische oder amerikanische Unterlagen herangezogen werden, wird ihr Geburtstag entweder auf den 21. oder den 22. Dezember 1959 datiert. "In Amerika spielt dieser eine Tag keine Rolle, aber in Korea ist er entscheidend dafür, ob ich überhaupt Zugriff auf Unterlagen habe," sagt die 66-Jährige.

Unterlagen wurden gefälscht

Eine Untersuchungskommission stellte dieses Jahr fest: Es wurden Unterlagen gefälscht und Lebensgeschichten manipuliert. Denn nur wenn die Kinder als Waisen galten, war eine Adoption möglich. Die Programme seien wie "Massentransport von Kindern wie Fracht" gewesen. Dabei seien zum Teil Menschenrechte verletzt worden.

"Die Regierung hat damals dazu ermutigt, falsche Angaben zu machen, Geschichten zu erfinden, um Adoptionen zu beschleunigen", erklärt Louise Lindberg von der NGO G.O.A.L., die sich für Adoptivkinder einsetzt.

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Gesellschaftliches Stigma und finanzielle Not

Die ersten Auslandsadoptionen gab es in den 1950er-Jahren nach dem Korea-Krieg. Kinder, die unehelich zur Welt kamen oder deren Vater ein Weißer war - beispielsweise ein US-Soldat - waren in der Gesellschaft nicht gewollt. Die Mütter gaben sie aufgrund des Stigmas ab. Viele von ihnen waren außerdem in finanzieller Not.

Im Westen sanken die Geburtenraten und Familien wollten mit der Aufnahme eines Kindes "Gutes tun". Das koreanische Recht erlaubte es Agenturen, mit der Vermittlung hohe Spendengelder einzunehmen. Ein profitables Geschäft.

Präsident Lee: Staat kam Verantwortung nicht nach

Im Oktober bat Südkoreas Präsident Lee Jae Myung Adoptierte und ihre Familien um Entschuldigung. Manche Kinder seien auf warmherzige Menschen gestoßen. Andere hätten auch wegen der Nachlässigkeit der Vermittlungsagenturen schmerzvolle Erfahrungen machen müssen. Der Staat sei seiner Verantwortung nicht nachgekommen.

Ich bin zutiefst betroffen von der Angst, dem Schmerz und der Verwirrung, die koreanische Adoptivkinder in fernen Ländern erleiden mussten.

Lee Jae Myung, Präsident Südkorea

Anne Bertelsen sagt, sie habe in den USA eine gute Kindheit gehabt. Sie ist stolz auf ihre Karriere und Familie mit drei Kindern. Und doch sehnt sie sich nach ihren koreanischen Wurzeln.

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Betroffene fordern mehr Unterstützung

Die Suche bleibt schwierig, erklärt Louise Lingberg von G.O.A.L. Zum einen, weil viele Unterlagen vernichtet wurden. Zum anderen ist der koreanische Datenschutz eine hohe Hürde. Selbst wenn es Informationen über die koreanische Familie gibt, sind diese streng geschützt.

Wir brauchen uneingeschränkten Zugriff. Das klingt vielleicht nach Wunschdenken, aber es geht um unsere Geschichte.

Louise Lingberg, G.O.A.L.

Anne Bertelsen gibt nicht auf. Statt in New York, wo sie aufwuchs, verbringt sie heute viel Zeit in Seoul. Sie will die Kultur besser kennenlernen, die Sprache lernen und weiter nach ihren Wurzeln suchen. Zuletzt hat sie sich bei einer DNA-Datenbank für vermisste Personen registriert. Bislang ohne Erfolg.

"Wenn ich jemanden finden würde, würde ich sagen: Es geht mir gut, ich hatte ein gutes Leben. Danke, dass ich ein anderes Leben leben durfte. Ich habe euch vermisst", sagt sie. Und sie hofft weiterhin, Antworten auf ihre vielen offenen Fragen zu finden. Damit sie endlich den Anfang ihrer Geschichte kennt.

Luisa Houben berichtet aus dem ZDF-Studio Peking über Ostasien.

Über dieses Thema berichtete das auslandsjournal am 25.02.2026 in dem Beitrag "Verkaufte Kinder" ab 22:15 Uhr.

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