Südkoreas Ex-Präsident:Lebenslänglich für Yoon: Was das Urteil bedeutet
von Elisabeth Schmidt
Das Gericht in Seoul hat nicht die Höchststrafe gegen Yoon Suk Yeol verhängt. Das Urteil ist eindeutig, doch es löst sowohl bei Yoon-Anhängern als auch Gegnern Empörung aus.
2024 hatte der damalige Amtsinhaber Yoon Suk Yeol das Kriegsrecht ausgerufen - ein Versuch, die Demokratie auszuhebeln?
19.02.2026 | 2:27 minHunderte Demonstrierende haben sich schon am Morgen vor dem Gerichtsgebäude in Seoul versammelt. Sie schwenken Banner und schreien Parolen. Wieder scheint das Land geteilt zwischen Anhängern und Gegnern des Ex-Präsidenten Yoon Suk Yeol. Vor dem Zentralbezirksgericht stehen TV-Bildschirme. Public-Viewing eines Urteils, welches das Land abermals in Aufruhr versetzt.
Das Urteil gegen den 65-Jährigen lautet: Aufruhr und Machtmissbrauch. Darauf steht in Südkorea lebenslänglich oder die Todesstrafe, selbst wenn diese seit 30 Jahren nicht mehr ausgeführt worden ist. Sie hätte mehr einen symbolischen Charakter als Höchststrafe gehabt.
Südkoreas Ex-Präsident Yoon war wegen Behinderung der Justiz bereits im Januar zu fünf Jahren Haft verurteilt worden.
16.01.2026 | 0:20 minStrafmaß für viele überraschend
Das Urteil "lebenslänglich" kommt für viele Yoon-Gegner überraschend, da objektiv alle Bedingungen für das Höchstmaß gegeben waren. "Natürlich bin ich hierhergekommen, weil ich auf ein Todesurteil gehofft habe. Das verhängte Kriegsrecht war illegal", sagt die 34-jährige Ji-wu Baik, die sich das Urteil vor dem Gericht angesehen hat. Doch auch Sang-bum Jeong, ein Anhänger des Ex-Präsidenten ist enttäuscht:
Wenn heute rechtmäßig geurteilt worden wäre, dann hätten wir meiner Meinung nach einen Freispruch gesehen.
Sang-bum Jeong, Anhänger des Ex-Präsidenten
Die Richter begründeten das schwächere Strafmaß damit, dass Yoon keine Vorstrafen und mit 65 Jahren ein schon relativ hohes Alter erreicht habe. Bezüglich des Staatsstreichs führte das Gericht an, dass der Plan nicht detailliert vorbereitet gewesen sei, sondern eher eine Impuls-Handlung. Yoon habe versucht, Gewaltanwendung möglichst gering zu halten.
Diese Begründungen sind nicht nur nach gesundem Menschenverstand problematisch, sondern auch juristisch schwer haltbar.
Prof. Hannes B. Mosler, Universität Duisburg-Essen, Institut für Ostasien-Studien
Lebenslange Haft für Südkoreas Ex-Präsidenten Yoon Suk Yeol. (Archivbild)
Quelle: AFPExperte: Richter hat Vergehen "aus dem Blick verloren"
Der Richter hatte im Prozess zur Ausrufung des Kriegsrechts die schwerwiegenden Folgen für die Menschen, die Wirtschaft und die Demokratie Südkoreas problematisiert. Der Ostasien-Wissenschaftler Hannes B. Mosler erläutert, die letztliche Entscheidung des Gerichts widerspräche dem nun.
"Es scheint, als habe der Richter den Fokus auf persönliche Faktoren wie Vorstrafen, Alter, Staatsdienst und auf das Ergebnis (Plan nicht aufgegangen) gelegt und den Prozess, die eigentliche verfassungswidrige Handlung, aus dem Blick verloren", erläutert Mosler.
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Die Entscheidung des Zentralbezirksgerichts in Seoul wird wohl weit über den Gerichtssaal hinaus Nachhall finden. Nicht zuletzt, weil im Juni Regionalwahlen anstehen. Südkorea ist ein Land, das jahrzehntelange Militärherrschaft hinter sich hat und seit langem stolz auf seinen hart erkämpften demokratischen Wandel ist. Das Urteil werde "nicht hilfreich sein", sagt Ostasien-Wissenschaftler Mosler, weil die rechtsgerichteten Unterstützer Yoons sich bestärkt fühlen werden.
Und der Rest der Bevölkerung wird noch enttäuschter von der Judikative sein als bisher.
Prof. Hannes B. Mosler, Universität Duisburg-Essen, Institut für Ostasien-Studien
Südkorea ist die viertgrößte Volkswirtschaft Asiens sowie ein enger Verbündeter der USA und Europas. Es liegt nun an Präsident Lee Yae Myung von der demokratischen Partei, das gespaltene Land wieder zu einen.
Am 3. Dezember 2024 hatte Yoon völlig überraschend über Südkorea das Kriegsrecht verhängt. Er entsandte Spezialkräfte des Militärs zum Parlament, Tumult brach aus. In einer live übertragenen Fernseh-Ansprache erklärte Yoon, er habe das Kriegsrecht erklärt, "um die freie Republik Korea vor der Bedrohung durch die kommunistischen Kräfte Nordkoreas zu schützen." Es stand aber keine Invasion Nordkoreas bevor.
Mit "staatsfeindlichen Kräften" meinte Yoon die eigene Opposition, die zuvor mehrere Haushaltspläne der Regierung blockiert hatte. Es folgten monatelange friedliche Massenproteste in eisigen Winternächten, um Yoons Amtsenthebung zu fordern. Am 4. April 2025 wurde er durch das Verfassungsgericht schließlich des Amtes enthoben. Im Juni 2025 gab es Neuwahlen in Südkorea, die die Oppositionspartei gewann.
Anfang Januar 2026 wurde Yoon bereits zu fünf Jahren Haft wegen Behinderung der Justiz verurteilt. Parallel liefen mehrere Korruptionsverfahren gegen seine Frau. Die ehemalige First Lady Kim Keon-hee ist schließlich wegen Bestechung zu einer Gefängnisstrafe von 20 Monaten verurteilt worden.
Elisabeth Schmidt ist Ostasienkorrespondentin und arbeitet im ZDF-Studio Peking.
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