Kapstadt: Militär in den Cape Flats soll gegen Gewalt helfen

Militär im Armenviertel:Kapstadt: Mit Soldaten gegen die extreme Gewalt?

Porträt der ZDF-Studioleiterin Johannesburg Verena Garrett

von Verena Garrett

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In den Cape Flats eskaliert die Gewalt. Trotz Militäreinsatz sterben weiter Menschen. Viele Bewohner zweifeln, dass Soldaten die Banden stoppen können.

In Kapstadt kommt ein schwer bewaffneter Soldat aus einer Unterkunft in den Cape Flats

In Kapstadts Armenvierteln herrscht extreme Gewalt.

15.04.2026 | 1:44 min

Sie stehen in mehreren Reihen, den Blick nach vorn gerichtet und warten auf ihren Einsatz. Vermummtes Militär und die Polizei, gemeinsam patrouillieren sie durch die Straßen der Cape Flats - eines der gefährlichsten Gebiete am Stadtrand von Kapstadt.

Mit den Bildern der touristischen Küstenstadt aber hat diese Gegend kaum etwas gemeinsam: ein historisch gewachsenes, dicht besiedeltes Problemgebiet - entstanden durch die Politik der Apartheid und bis heute sozial benachteiligt. Gangs haben hier das Sagen, Morde und Schießereien sind an der Tagesordnung.

Mitglieder des Forensic Pathology Services der South African Police Service (SAPS) stehen am Tatort mit weißen Forensik-Anzügen, im Hintergrund ein weißer Jeep.

In einer Township bei Johannesburg in Südafrika wurden bei einem Schusswaffenangriff kurz vor Weihnachten mindestens neun Menschen getötet. Die Angreifer hatten aus zwei Autos heraus auf Gäste einer Bar geschossen.

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Militär als Hoffnungsträger

Seit Anfang April marschieren Soldaten gemeinsam mit der massiv überforderten Polizei in den betroffenen Vierteln. Ihr Auftrag: Präsenz zeigen, Gewalt eindämmen, Zeit für Ermittlungen schaffen. Der Polizeichef der Provinz, Thembisile Patekile, beschreibt das Ziel so: "Mehr Einsatzkräfte vor Ort bedeuten, dass wir früher reagieren und schneller eingreifen können, während wir die Gebiete stabilisieren." Im Fokus stehen vor allem Waffen und Drogen. Häuser von mutmaßlichen Bandenmitgliedern würden gezielt durchsucht.

Wir wollen illegale Schusswaffen sicherstellen - die sind hier in den Cape Flats überall.

Thembisile Patekile, Polizeichef Western Cape

Leben zwischen Angst und Hoffnung

Viele Bewohner begrüßen die Präsenz der Soldaten - zumindest vorsichtig. "Ich denke, es hilft ein wenig", sagt Aneesah Sapat aus Mitchells Plain. "Manchmal ist es für uns gefährlich, überhaupt rauszugehen - besonders wegen der Schießereien."

Gleichzeitig bleibt die Angst allgegenwärtig:

Unsere Kinder müssen geschützt werden. Nicht nur Mädchen - auch Jungen, weil sie leicht von Gangstern beeinflusst werden.

Aneesah Sapat, Bewohnerin Mitchells Plain

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Wie die Gewalt entstand

Die Probleme der Cape Flats reichen Jahrzehnte zurück. Während der Apartheid wurden Zehntausende Menschen aus innerstädtischen Vierteln zwangsumgesiedelt. Grundlage war der sogenannte Group Areas Act.

Der Group Areas Act war ein zentrales Gesetz der Apartheid in Südafrika. Er trat 1950 in Kraft und regelte strikt, welche Bevölkerungsgruppen wo leben durften. Grundlage war die rassistische Einteilung der Bevölkerung in "Weiße", "Schwarze", "Coloureds" und "Inder". Gemischte Viertel wurden aufgelöst, ganze Stadtteile wurden zu "weißen Gebieten" erklärt, ihre bisherigen Bewohner zwangsumgesiedelt.

Viele Menschen wurden in Randgebiete wie die Cape Flats verdrängt. Dort entstanden neue Siedlungen, die bis heute von sozialer Benachteiligung geprägt sind. Der Group Areas Act wurde erst Anfang der 90er-Jahre abgeschafft - seine räumlichen und sozialen Folgen prägen das Land bis heute.


Auf den sandigen Flächen am Stadtrand entstanden dicht bebaute Siedlungen - geprägt von Armut, Arbeitslosigkeit und fehlenden Perspektiven. In diesem Umfeld konnten sich kriminelle Strukturen verfestigen.

Heute sind die Gangs keine losen Jugendgruppen mehr, sondern organisierte Netzwerke. Sie verdienen Geld mit Drogenhandel und Erpressung, kontrollieren ganze Straßenzüge und liefern sich blutige Kämpfe um Territorien. Schusswaffen sind dabei leicht verfügbar - ein zentraler Treiber der Gewalt.

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Kritiker bemängeln fehlende Strategie

Die Behörden versuchen gegenzusteuern: mehr Polizei, bessere Technik, jetzt eben auch das Militär. Doch die strukturellen Probleme bleiben: Gerichte und Gefängnisse in Südafrika sind überlastet, nur wenige Täter werden tatsächlich verurteilt.

Hinzu kommt: Die Soldaten haben begrenzte Befugnisse. Sie dürfen nicht selbst verhaften, sondern unterstützen lediglich die Polizei. Mehr Präsenz soll für mehr Sicherheit sorgen. Doch schnell wurde klar, wie schwierig die Lage ist: Trotz Militärpräsenz kommt es weiterhin zu Schießereien. Allein in der ersten Woche des Einsatzes wurden 50 Menschen bei anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen getötet.

Kritiker bemängeln eine fehlende Strategie. Ohne gezielte Ermittlungen könnten die Netzwerke der Gangs kaum zerschlagen werden, heißt es.

Alltag bleibt lebensgefährlich

Der Einsatz zeigt ein bekanntes Muster: Schon 2018 hat man es mit Militärpräsenz in den Cape Flats versucht und schon damals wurde sichtbar, dass kurzfristige Sicherheitsmaßnahmen die Lage nur kurzfristig beruhigen. Langfristig reicht es eben nicht. Die Hoffnung auf Sicherheit ist da - aber ohne tiefgreifende Reformen bei Polizei, Justiz und sozialen Strukturen dürfte sich die Gewalt in den Cape Flats kaum nachhaltig eindämmen lassen. Für viele Bewohner bleibt der Alltag lebensgefährlich.

Verena Garrett ist Korrespondentin im ZDF- Studio Johannesburg.

Über dieses Thema berichtete die ZDFheute Xpress in dem Beitrag Kapstadt: Soldaten gegen die Gewalt in den Cape Flats am 15.04.2026 um 17:54 Uhr.

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