Flucht aus dem Senegal:Wie Witwen verschollener Migranten ihr Leben neu aufbauen
von Natalia Bieniek
Trotz der Risiken versuchen Zehntausende aus Westafrika Europa über den Atlantik zu erreichen. Viele überleben es nicht. Ihre Familien bleiben zurück und müssen neu beginnen.
Während ihre Männer auf der gefährlichen Route über den Atlantik nach Europa verschwinden oder sterben, bleiben Frauen im Senegal mit Kindern, Trauer und Existenzsorgen zurück.
20.05.2026 | 5:20 minEin paar Fotos - mehr ist Fatou Kane von ihrem Mann nicht geblieben. Sie sind Erinnerung an eine gemeinsame Zeit, die abrupt endete. Vor sechs Jahren verließ er den Senegal auf einem Boot Richtung Spanien, ohne ihr Wissen. Er kehrte nie zurück. Von einem Tag auf den anderen war die vierfache Mutter auf sich alleine gestellt:
Ich wollte für mich selbst sorgen, weil mir nach seinem Weggang niemand mehr half.
Fatou Kane, Mutter und Witwe
Heute steht die 35-Jährige jeden Morgen um fünf Uhr auf, um ihre Familie zu ernähren. Seit dem Verschwinden ihres Mannes arbeitet sie am Hafen - an dem Ort, an dem auch er einst gearbeitet hatte. Ihre Arbeit: Sie zählt dort die Kisten mit Fischen.
Flucht auf die Kanarischen Inseln
Jedes Jahr machen sich Tausende von Menschen - wie der Ehemann von Fatou Kane - von der westafrikanischen Küste aus auf den Weg nach Europa. Sie nehmen die Atlantikroute zu den Kanarischen Inseln. Sie gilt als eine der gefährlichsten der Welt. Tausende sind bereits gestorben.
Kaum ein Thema spaltet Europa so sehr wie die Migration. 2015 herrschte Willkommenskultur, seitdem schwenkt die EU zu einem härteren Umgang mit Geflüchteten.
16.05.2024 | 45:19 minUnd dennoch: In den letzten Jahren ist die Westafrika-Atlantikroute für viele Migranten aus Subsahara-Westafrika zum wichtigen Weg nach Europa geworden und ersetzt teils die Mittelmeerroute für Länder wie den Senegal und Mali. Niedrigere Schleuserkosten und organisierte Netzwerke machen sie zugänglicher, so das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR).
Vor allem Menschen aus Mali, Senegal, Guinea, Marokko und Mauretanien nutzen die Atlantik-Route als Migrationsweg. Im Jahr 2024 erreichte die Zahl der Ankünfte auf den Kanarischen Inseln mit 46.843 Migranten einen Höchststand. Im Jahr darauf sank sie laut spanischem Innenministerium deutlich auf 17.778.
Die Route gilt als äußerst gefährlich: Nach aktuellen Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wurden 2025 auf der atlantischen Route in Richtung der Kanaren mindestens 1.214 Todesfälle registriert. Die IOM verweist darauf, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen dürfte.
Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) sei der Rückgang der Ankünfte auf dem Seeweg auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, darunter die Lage in den Herkunfts- und Abreiseländern, die Wetterbedingungen sowie Kontroll- und Kooperationsmaßnahmen zwischen den Staaten.
Aktivistin bildet Frauen aus
Oft waren es die Männer, die das Einkommen der Familie sicherten. Ihr Verschwinden hinterlässt deshalb nicht nur emotionale, sondern auch wirtschaftliche Lücken, erklärt die Aktivistin Yayi Diouf, die vor 20 Jahren ihren Sohn auf See verlor. "Jetzt liegt es an uns, das Familienoberhaupt zu sein", fügt sie hinzu.
Diouf trat die Nachfolge ihres Sohnes an und wurde damit zur ersten Fischerin in ihrer Gemeinde Thiaroye-sur-Mer, einem Vorort von Dakar. Sie setzte sich dabei gegen Widerstände in einem stark männlich geprägten Umfeld durch.
Mit großer Mehrheit beschließt Senegals Parlament härtere Strafen gegen homosexuelle Personen. Für gleichgeschlechtliche Beziehungen drohen künftig bis zu zehn Jahre Haft und Geldstrafen.
20.03.2026 | 1:12 minZwar ist die Gleichberechtigung der Geschlechter im Senegal verfassungsrechtlich verankert, doch prägen in vielen Teilen des Landes weiterhin traditionelle Rollenbilder den Alltag von Frauen.
Das Verschwinden meines Sohnes auf dem Meer war für mich ein Wendepunkt.
Yayi Diouf, Aktivistin
Aktivistin Yayi Diouf erklärt weiter: "Es hat mir gezeigt, dass Frauen eine sehr wichtige Rolle bei der sozialen Transformation unserer Gemeinschaften spielen - angesichts einer Katastrophe, eines Leids, das uns verfolgt." Heute unterstützt sie andere Frauen dabei, neue Einkommensquellen zu erschließen: Sie lernen, Fisch zu verarbeiten, Obst und Gemüse haltbar zu machen oder Kosmetik herzustellen - und verkaufen es auf Märkten. "Diese Produkte sichern unser wirtschaftliches Überleben", sagt Diouf.
Darüber hinaus engagiert sie sich gemeinsam mit dem Roten Kreuz dafür, dass die Frauen besser über ihre Rechte informiert sind - denn viele von ihnen besitzen nicht einmal eine Sterbeurkunde - denn oft gibt es keine Leiche oder eine offizielle Bestätigung des Todes. Ohne die Urkunde haben sie kaum rechtliche Ansprüche etwa auf das Erbe.
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25.11.2025 | 2:57 minFrauen helfen sich gegenseitig
Auch im Küstenort M'Bour schließen sich die Frauen zusammen, darunter auch Witwen. Sie unterstützen sich mit kleinen Geldbeträgen - und in ihrer Trauer. Für Fary Mata Dieng ist der Schmerz noch frisch, ihren Mann verlor sie vor gut einem Jahr. Zwei Monate nach seiner Abfahrt wurde das Boot mit mehreren Leichen wieder angeschwemmt. Heute lässt sich die 25-Jährige zur Friseurin und Make-up-Artistin ausbilden. Ein großer Schritt, denn mit zehn Jahren hatte sie bereits die Schule verlassen, wie viele Frauen im Senegal.
Das Gefühl während der gesamten Trauerzeit war unbeschreiblich. Jeder Tag schien schwerer als der vorherige. Erst als ich hier anfing, zu arbeiten, begannen die Schmerzen allmählich nachzulassen.
Fary Mata Dieng, Mutter und Witwe
Ihre zwei Kinder sind ihre wichtigste Motivation - wie für viele Frauen, deren Männer Richtung Spanien aufgebrochen und nie zurückgekehrt sind. Für sie wollen die Frauen ein neues Leben aufbauen.
Natalia Bieniek ist Reporterin und war für das ZDF-Studio Nairobi im Senegal.
Spaniens Regierung beschließt die außerordentliche Regularisierung von Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung. Rund 500.000 Menschen können so ihren Status legalisieren - gegen den Trend der Abschottung in Europa.
24.04.2026 | 2:08 minWichtiger Hinweis in eigener Sache
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