Tödlicher Bergsturz vor neun Jahren:Wer hat Schuld, wenn der Berg auf Wanderwege stürzt?
von Katharina Orth
Beim Bergsturz von Bondo in der Schweiz im Jahr 2017 kamen acht Wanderer ums Leben. Ein Schweizer Gericht hat nun fünf Menschen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen.
Im August 2017 kam es in der Schweiz zu einem Bergsturz, acht Wanderer starben. Die Angehörigen der Opfer verklagten u.a. die Gemeindepräsidentin. Das Gericht sprach heute alle Angeklagten frei.
04.09.2026 | 2:23 minNeun Jahre nach dem Bergsturz in Bondo in der Schweiz 2017 sind alle fünf Beschuldigten freigesprochen worden. Der Gerichtsprozess in Pontresina endete am Freitag mit einem deutlichen Urteil: Es habe keine klaren Anzeichen für das bevorstehende Unglück gegeben.
In dem Verfahren ging es um die Frage, ob und zu welchem Teil die Angeklagten für die Folgen dieser Naturkatastrophe verantwortlich gemacht werden können. Die Staatsanwaltschaft hatte die Bündner Nationalrätin Anna Giacometti sowie drei Mitarbeiter des Kantons und einen externen Geologen wegen fahrlässiger Tötung angeklagt.
Unmengen Gestein waren auf Bondo herabgestürzt
Das Piz-Cengalo-Gebirge, südlich des Schweizer Kantons Graubünden, war am 23. August 2017 Schauplatz eines schweren Unglücks. Drei Millionen Kubikmeter Gestein brachen an diesem Tag auf das im Val Bondasca gelegene Dorf Bondo ein und zerstörten dort Häuser und Straßen. Die Menschen konnten noch rechtzeitig evakuiert werden.
In Österreich startet der Prozess zum Bergunglück am Großglockner, bei dem eine Frau ums Leben kam. Ihr Partner steht unter dem Vorwurf der grob fahrlässigen Tötung.
19.02.2026 | 1:44 minZwei Schweizer, zwei Österreicher und vier Deutsche aus Baden-Württemberg, die an diesem Morgen den Abstieg von der Sciorahütte antraten, wurden jedoch auf den Wanderwegen verschüttet und kamen ums Leben. Die Rettungsversuche waren aufgrund der Bedingungen am Berg schwierig, wie Marcello Negrini, der 30 Jahre lang Rettungschef in der Gegend war, in einer Dokumentation des ZDF darstellte.
Die haben die ganze Nacht das Gebiet hin und her geflogen, aber leider, auch später, ohne Erfolg.
Marcello Negrini, damaliger Rettungschef
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28.05.2026 | 2:30 minWidersprüchliche Gutachten zur Sicherheit der Wanderwege
Bereits im Jahr 2017 hatte es Gutachten über die Sicherheit in den Bergen bei Bondo gegeben. Am 10. August 2017, 13 Tage vor der Katastrophe, schätzte ein externer Geologe die Passage zu den Berghütten als gefährdet und nicht betretbar ein.
Daraufhin führten lokale Spezialisten eine Begehung des Gebiets durch, die ihnen jedoch keine akute Gefahr zeigte. Die Gemeinde Bregalia, zu der auch Bondo zählt, beschloss daher, lediglich Warnschilder auf den Wegen aufzustellen und so auf die Gefahr hinzuweisen. Schon 2017 meinte die damalige Gemeindepräsidentin von Bregalia, Anna Giacometti:
Was passiert ist, tut natürlich sehr weh, aber ich denke, wir haben alles Menschenmögliche getan.
Anna Giacometti, damalige Gemeindepräsidentin
Erste Ermittlungen waren daraufhin eingestellt worden, auf Betreiben der Angehörigen der Opfer hin wurde jedoch ein neues, unabhängiges Gutachten in Auftrag gegeben, das zu dem Schluss kam, dass die Wanderwege aufgrund der Gefahrenlage vor dem Unglück hätten gesperrt werden müssen.
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29.07.2025Erleichterung aller Beteiligten am Prozessende
Das Gericht sah nun allerdings ebenfalls keine Beweise dafür, dass es vor dem Unglück klare Anzeichen für ein bevorstehendes Großereignis gegeben hätte. Der Staatsanwalt Bruno Ulmi Stuppani hatte dargelegt, dass es Gründe gegeben hätte, das Tal zu sperren. Letztlich habe es aber entlastende Momente für die Angeklagten gegeben.
Die Angehörigen der Verunglückten könnten nach dem Prozess jedoch auch mit einem Freispruch leben, so Dorothea Barth.
Natürlich wühlt der Prozess das jetzt alles wieder auf, aber wir sind froh, wenn es vorbei ist.
Dorothea Barth, Tochter eines Verunglückten
Auch der Anwalt der Angehörigen, Reto Nigg, betonte, dass es nie um eine direkte Verurteilung einzelner Personen ging. Es ging ihnen "immer um eine umfassende und transparente Aufarbeitung der damals getroffenen Entscheidungen."
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06.09.2025 | 43:28 minNach dem Urteilspruch erklärte die einstige Gemeinderätin Giacometti, die im Prozess angeklagt war, sie sei froh, dass dieses Kapitel jetzt abgeschlossen werde, und betonte ihr Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer. Sie verwies aber auch auf die Schwierigkeiten zwischen den Zuständigkeiten des Kantons und der Gemeinde.
Warum das Urteil in Bondo so wichtig sein könnte
Obwohl das Urteil in einem Freispruch endete, könnte der Fall um Bondo eine Bedeutung für den zukünftigen Umgang mit Naturkatastrophen haben, denn der Bergsturz von 2017 war kein Einzelfall.
Auch in anderen Bergdörfern, wie Blatten oder Kandersteg, kam es vermehrt zu Bergstürzen. Forscher des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung in Davos vermuten einen Zusammenhang zwischen dem auftauenden Permafrost, schmelzenden Gletschern und den häufigeren Naturkatastrophen.
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