Sozialist gegen Rechtspopulist:Portugal: Stichwahl ums Präsidentenamt im Sturmchaos
von Tilo Wagner, Lissabon
Richtungswahl in Portugal: Erstmals steht ein Rechtspopulist in der Stichwahl ums Präsidentenamt. Klarer Favorit ist aber ein Sozialist. Unwetter haben den Wahlkampf geprägt.
Gegen den Sozialisten António José Seguro tritt in der Stichwahl ums Präsidentenamt in Portugal der Rechtspopulist André Ventura an.
06.02.2026 | 2:13 minIn Alcácer do Sal, in der südlichen Alentejo-Region, fällt die Präsidentschaftswahl buchstäblich ins Wasser. Der Sado-Fluss ist über die Ufer getreten, große Teile der Kleinstadt sind überspült und manche Ortschaften in der Umgebung nur mit dem Boot erreichbar. Die Stadtverwaltung hat deshalb entschieden, den Urnengang um eine Woche zu verschieben.
Tagelange heftige Unwetter vor der Wahl
Seit rund zwei Wochen ziehen Tiefdruckgebiete vom Atlantik pausenlos über das Land hinweg: Der Sturm "Kristin" hat in der Region nördlich von Lissabon zu verheerenden Schäden an Häusern, Unternehmen und der Infrastruktur geführt. Zehntausende Bewohner waren über eine Woche lang ohne Strom und Wasser. Ein Dutzend Menschen sind bislang bei den Unwettern ums Leben gekommen.
In Portugal haben Stürme schwere Überschwemmungen ausgelöst. Fast alle Flüsse führen Hochwasser, die Regierung verlängerte den Notstand.
03.02.2026 | 1:30 minUnwetter in Portugal wird Wahlkampfthema
Die Wetterlage hat auch den Wahlkampf beeinflusst. André Ventura, der Kandidat der in Teilen rechtsextremen Chega-Partei, hat Wahlveranstaltungen in Lissabon und Porto abgesagt. Stattdessen wurden die Medienvertreter eingeladen, über Venturas Schadensbegutachtungen und Hilfsaktionen in der Krisenregion zu berichten.
Auch Venturas Gegenkandidat, der Sozialist António José Seguro, hat auf die Notfallsituation reagiert: Er spendete Plastikplanen, auf denen er eigentlich seine Wahlbotschaft drucken wollte. Damit konnten die Menschen ihre vom Wind abgedeckten Häuser provisorisch vor dem anhaltenden Regen schützen.
Ein Sturmtief sorgt im Süden von Spanien und Portugal für Zerstörung. In Andalusien wurden wegen Überschwemmungen Schulen geschlossen und Verkehrsverbindungen eingestellt.
05.02.2026 | 0:18 minWahlumfragen sagen klares Ergebnis voraus
Dass der Wahlkampf um das höchste Staatsamt der portugiesischen Republik in den Hintergrund gerückt ist, hat auch mit dem erwarteten Ausgang zu tun. In Umfragen kurz vor der Stichwahl hielt der Sozialist Seguro den Rechtspopulisten mit rund 30 Prozentpunkten Vorsprung auf Abstand. Dennoch könnte Ventura auf ein Drittel der Stimmen kommen.
Der Chega-Parteigründer findet vor allem bei Portugiesen Zustimmung, die an dem wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen Jahre kaum Anteil gehabt haben. Die Präsidentschaftswahl will Ventura für seine Zwecke nutzen.
Da der Kandidat der konservativen Regierung im ersten Wahlgang gescheitert war, versuchte Ventura im Wahlkampf seinen Führungsanspruch im rechten Lager zu untermauern. "Nach dem 8. Februar wird es keine Debatte mehr im rechten Lager geben: Wir werden die Führung der Rechten übernehmen."
Nachdem der sozialistische Kandidat Seguro bei den portugiesischen Präsidentschaftswahlen die meisten Stimmen geholt hat, kommt es zur Stichwahl gegen den zweitplatzierten André Ventura.
19.01.2026 | 0:21 minKonservative vor der Stichwahl uneins
Diese Rolle wollen einflussreiche Konservative, wie etwa der ehemalige Staatspräsident und Premierminister Aníbal Cavaco Silva, aber nicht an die Rechtspopulisten abgeben. Sie haben nun öffentlich gemacht, dass sie dem Sozialisten Seguro ihre Stimmen geben wollen - als Repräsentanten des demokratischen Portugals.
Ganz anders der amtierende Regierungschef Luís Montenegro und seine konservative Minderheitsregierung: Eine Wahlempfehlung für den Sozialisten gaben sie vor der Wahl nicht ab.
Keine Brandmauer in Portugal
"Eine Brandmauer hat es in Portugal nie gegeben", sagt der Politologe João Carvalho von der Universität Lissabon. "Die Konservativen haben bei wichtigen Gesetzesvorhaben die Chega-Partei zum bevorzugten Partner gemacht."
Dem erfolgreichen Wahlkampf von António José Seguro scheinen die taktischen Spiele der konservativen Regierung nicht geschadet zu haben. Der ehemalige Vorsitzende der Sozialisten war in den vergangenen Jahren von der politischen Bühne verschwunden. In den Regierungen seines Parteigenossen, des ehemaligen Premierministers und heutigen EU-Ratspräsidenten António Costa, hatte er keine Rolle gespielt.
Sein Comeback ist deshalb umso überraschender. "Seguro hatte Glück, dass sich die Stimmen aus dem bürgerlichen Lager im ersten Wahlgang auf drei Kandidaten verteilt haben", sagt der Politikwissenschaftler Marco Lisi von der Universität NOVA.
Stichwahl zwischen links und ganz rechts
Seguro hat sich in den Tagen vor der Stichwahl von seinem populistischen Konkurrenten nicht aus der Reserve locken lassen. Gegenüber dem ZDF betonte er: "Auf dem Spiel steht: Gibt es einen moderaten Präsidenten oder einen extremistischen? Gibt es politische Stabilität oder Instabilität?"
Elf Millionen Wahlberechtigte sind am Sonntag aufgerufen, im Zweikampf zwischen links und ganz rechts ihre Stimme abzugeben - trotz der schwierigen Wetterverhältnisse im Südwesten Europas.
Mehr Nachrichten aus Portugal
Nach Sieg gegen Top-Favorit Dänemark:Portugals "Helden des Meeres" wollen auch DHB-Auswahl ärgern
von Erik Eggersmit Video5:58Sturm trifft Campingplatz in Albufeira:Möglicher Tornado in Portugal: Frau stirbt, schwere Schäden
mit Video0:18Entgleisung von Standseilbahn:Unglück in Lissabon: Zugseil entsprach nicht den Normen
mit Video0:20Herzstillstand:Porto-Legende Jorge Costa stirbt mit 53