Leo XIV. auf Reisen:Papst in Spanien: Mahner, Seelsorger, Popstar
von Jürgen Erbacher
Leo XIV. wirbt für Einheit in Vielfalt in Kirche und Politik, warnt vor Populismus und Polarisierung. Jeder tote Geflüchtete ist für ihn ein Versagen der Menschheit.
Papst Leo ist auf den Kanarischen Inseln zu Besuch, um zu Migranten zu sprechen. In den vergangenen Jahren kamen dort zehntausende Flüchtlinge an.
11.06.2026 | 1:40 minNoch nie war ein Papst auf den Kanarischen Inseln. Franziskus wollte kommen, um auf das Schicksal der Migranten aufmerksam zu machen. Doch sein Gesundheitszustand ließ es nicht mehr zu. Sein Nachfolger Leo XIV. nahm sich zwei Tage Zeit, um auf Gran Canaria und Teneriffa Geflüchtete sowie Helferinnen und Helfer zu treffen.
Anders als sein Vorgänger, der den Fokus stark auf die Migranten legte, blickt Leo umfassender auf die Herausforderungen, die mit der Migration verbunden sind. Er forderte die Herkunftsländer auf, Fluchtursachen zu bekämpfen und die Transitländer, Schleusern und Menschenhändlern das Handwerk zu legen.
Am Freitag warnte er vor Parallelwelten und mahnte beim Stichwort Integration die Geflüchteten, sich "der Gesellschaft zu öffnen, die euch aufnimmt, ihre Sprache zu lernen, ihre Gesetze zu respektieren, ihre Lebensgewohnheiten kennenzulernen, am gemeinsamen Leben teilzunehmen und eure Gaben dankbar einzubringen".
Auf seiner Spanien-Reise hat Papst Leo in Barcelona den Hauptturm der Basilika Sagrada Família geweiht. Mit dem neuen begehbaren Kreuz ist das Gotteshaus jetzt die höchste Kirche der Welt.
11.06.2026 | 0:24 minPapst Leos XIV. Botschaft an Schleuser
Den Schleusern und Menschenhändlern rief er von Teneriffa aus zu:
Für jedes verlorene Leben, jede betrogene Familie, jeden unterdrückten Menschen, jede bedrohte Frau, jeden ausgebeuteten Arbeiter werdet ihr euch vor der göttlichen Gerechtigkeit rechtfertigen müssen.
Papst Leo XIV.
Der Papst nutzte das Medieninteresse an seiner Reise und forderte eine neue Migrationspolitik in Europa sowie sichere und legale Fluchtrouten.
Mit seiner vierten Auslandsreise profilierte sich Leo einmal mehr als Sozialpapst. "Die Kirche darf sich weder von diesen Gewässern abwenden noch von irgendeinem Ort, an dem Hunger, Durst, Gewalt, Angst oder Exil weiterhin die Menschenwürde verletzen", erklärte er am Donnerstag im Hafen von Arguineguín auf Gran Canaria. Dort gedachte er der Menschen, die auf der Flucht im Atlantik ums Leben kamen. Es waren die wohl emotionalsten Momente der Reise, etwa als eine Geflüchtete berichtete, wie die Schleuser ihr das auf der Flucht geborene Kind wegnahmen und sie in die Prostitution zwangen.
Wie politisch zeigt sich der Papst auf seiner Spanien-Reise? Leo XIV. warnte in Madrid vor politischer Polarisierung und hält als erster Pontifex überhaupt eine Rede im Parlament.
08.06.2026 | 2:02 minPapst: Konflikte auf friedlichem Weg beilegen
Eine Woche bereiste Leo XIV. Spanien. Wie ein roter Faden zog sich das Thema Einheit in Vielfalt durch viele seiner Reden, ganz gleich im politischen oder kirchlichen Kontext. Zugleich warb er dafür, die Komplexität des Lebens anzuerkennen. Er rief beim Treffen mit Vertretern der Zivilgesellschaft dazu auf, sie sollten "die Vielschichtigkeit schätzen und ergründen, lernen, sie nicht zu leugnen und sie als Segen anzunehmen, jenen identitären Ansätzen entfliehen, die alles zu erklären scheinen, aber die Welt mit Gespenstern und Feinden bevölkern".
Bei seiner Rede vor dem spanischen Parlament warnte er vor einer tiefen geistigen und kulturellen Krise, in der sich die Welt aktuell befinde, "die sich in vielfältigen Formen von Gewalt, Polarisierung und gegenseitigem Misstrauen äußert". Als Antwort fordert er "diplomatischen Mut, ethische Verantwortung und eine Zukunftsvision, die auf der Achtung der Identität jedes Volkes und der Verpflichtung der Staaten beruht, ihre Streitigkeiten auf den friedlichen Wegen zu lösen, die das Völkerrecht bietet".
Vor mehr als einer Million Menschen hat Papst Leo in Madrid einen Gottesdienst gehalten. Dabei warb er für Solidarität, Mitgefühl und gesellschaftliche Verantwortung.
07.06.2026 | 1:10 minLeo appelliert an Staatschefs
Die unter Druck stehende spanische linke Minderheitsregierung unter Pedro Sánchez dürfte das als Unterstützung ihres kritischen Kurses gegenüber dem Irankrieg verstehen, auch die Worte des Papstes zur Migration. Leos Forderung bei seiner Rede im Parlament, das Leben zu schützen vom Anfang bis zum natürlichen Ende hingegen eher weniger, liberalisierte sie doch die Gesetze im Bereich Abtreibung und Sterbehilfe. Die Aussage des Papstes, man könne nicht Christ sein und zugleich Krieg führen beim Gottesdienst in Barcelona, wurde von vielen Beobachtern unter anderem als erneute Kritik an US-Präsident Trump verstanden.
Obwohl auch in Spanien in den vergangenen Jahrzehnten viele Menschen der katholischen Kirche den Rücken gekehrt haben, zog der Papst die Menschen an. In Madrid feierte er am Sonntag mit 1,2 Millionen Menschen einen Gottesdienst, am Montagabend wurde er von 80.000 wie ein Popstar im Bernabeu-Fußballstadion gefeiert. Zehntausende säumten am Mittwoch die Straßen, als er mit dem Papamobil durch Barcelona zur Basilika Sagrada Família fuhr, wo er den höchsten Kirchturm der Welt einweihte.
Man sieht Leo an, dass ihn der Zuspruch der Menschen bewegt, doch er bleibt zurückhaltend, wirkt schüchtern und will jeden Anschein vermeiden, dass er die Begeisterung anzufachen versucht. Die Botschaft steht im Mittelpunkt, nicht er.
Jürgen Erbacher ist Leiter ZDF-Redaktion Religion und Leben.
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