Naturkatastrophe in Nepal und Tibet:China zensiert Informationen über Sturzflut in Tibet
von Elisabeth Schmidt, Peking
Es ist, als hätte die verheerende Sturzflut nur in Nepal stattgefunden. Chinas Medien lassen kaum Bilder nach außen dringen. News-Aufmacher ist Xis neues Buch.
An Tag drei nach der verheerenden Sturzflut im Himalaya steigt die Opferzahl weiter. So auch die Suche nach Vermissten - diese wird jedoch durch schlammige Untergründe erschwert.
29.08.2026 | 1:43 minDie Bilder gingen um die Welt: Der Grenzübergang Gyirong Port zwischen Tibet und Nepal wird von einer gigantischen Wasserwand überspült. Menschen und Autos werden weggerissen. Aufgenommen hat diese dramatische Szene eine chinesische Überwachungskamera auf der tibetischen Seite des Grenzpostens.
Nur hier in China, in den Medien und Online-Portalen, ist dieses Video schwer zu finden. Sonst sind Chinas Soziale Medien im Übrigen keineswegs zimperlich angesichts verstörender Bilder wie Unfälle mit Verkehrstoten oder blutüberströmten Tieren.
An Tag drei nach der Sturzflut im Himalaya habe sich die Situation für die Einsatzkräfte stabilisiert, berichtet Dara Hassanzadeh aus Nepal. Eine Gefahr durch neues Geröll bestehe dennoch weiter.
29.08.2026 | 1:23 minVideos tauchen nur kurz auf
In China entscheidet der Staat, welche Inhalte im Internet zu sehen sind und welche nicht. Im stark kontrollierten Internet hier ist es schwierig, überhaupt Posts zu finden, die die Flutkatastrophe beschreiben. Zwar hatte Chinas Staatssender CCTV am Mittwoch bereits um 14:47 Uhr Pekingzeit, anderthalb Stunden nach Überflutung des Gyirong Ports, eine Eilmeldung dazu veröffentlicht, wieder zwei Stunden später kursierten auch einige Videos davon in den sozialen Medien. Doch wenn man anderthalb Stunden später darauf klickte, erschien die Fehlermeldung "Kann nicht abgespielt werden".
Etwa zur selben Zeit veröffentlichte Chinas staatliche Nachrichtenagentur "Xinhua" ein Statement von Staats- und Parteichef Xi Jinping zum Grenzübergang "Xizang". Xi habe angeordnet, "mit aller Kraft nach den Vermissten zu suchen und sie zu retten".
"Xizang" ist Pekings Formulierung für die autonome Region Tibet, in die Chinas Volksbefreiungsarmee im Oktober 1950 einmarschiert war. Seitdem kontrolliert die Kommunistische Partei Chinas die Region. Das Oberhaupt der Tibeter, den Dalai Lama, bezeichnet Peking als "Separatisten", er lebt im Exil in Indien.
Kai Müller, Geschäftsführer International Campaign for Tibet, sagt: "Während Nepal zeitnah Informationen bereitstellt und Möglichkeiten für internationale humanitäre Hilfe eröffnet, hoffen wir, dass die Katastrophenhilfe auch in Tibet von zeitnahen und transparenten Informationen sowie einem ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe begleitet wird."
Sturzflut: Lage des Katastrophengebiets im Himalaya.
Rettungsmaßnahmen im Vordergrund
Für uns ausländische Journalisten ist Tibet tabu. Selbst während einer Reportage an der Provinzgrenze zur autonomen Region wurden wir von Chinas Sicherheitskräften verfolgt und an Dreharbeiten gehindert. Am Donnerstagabend, als die Verwüstungen in der Himalaya-Region weltweit die Schlagzeilen beherrschten, eröffnete der staatliche chinesische Rundfunk seine Hauptnachrichtensendung mit der Vorstellung von Xis neuem Buch, einer Auswahl seiner "wichtigsten und grundlegendsten Werke".
Beim Thema Sturzflut berichten Chinas Staatsmedien ausführlich über die Rettungskräfte, die in Reih und Glied antreten, um ins Katastrophengebiet zu fahren. Am Samstagmorgen wurde vermeldet, "die Nationalstraße 216 [konnte] durch gemeinsame Anstrengungen mehrerer Rettungseinheiten bis zu einem Punkt wiederhergestellt werden, der etwa 1,7 Kilometer (Luftlinie) vom Port Gyirong entfernt liegt".
Durch Satellitendaten konnte die Ursache der Sturzflut rekonstruiert werden: "Auf 5.000 Metern riss ein großer Felssturz Gletschereis und Geröll mit und löste die Sturzflut aus", sagte Klimaforscher Christian Huggel.
28.08.2026 | 4:34 minDiese Berichterstattung mag man als vorsichtig, gar distanziert empfinden. Doch dahinter liegt die Anstrengung, das Einzige zu bewahren, was Xi für sein Land anstrebt: Stabilität. Die Vorgabe für die Staatsmedien scheint klar: Es soll gezeigt werden, dass das Wohl der Menschen immer an erster Stelle steht und dass es, wie es so oft heißt, "große Liebe seitens der Partei und der Gesellschaft" gibt.
Zu Wort kommen bei Naturkatastrophen später meist einige Gerettete, die sich bei "der Partei, der Regierung und den Soldaten" bedanken. Dies ist ein bewährtes Narrativ.
Staatsführung angespannt
Dass die Staatsführung in Peking dennoch äußerst angespannt ist, zeigt, dass am Freitag nicht nur das Politbüro unter Anwesenheit von Staatschef Xi zur Flutkatastrophe tagte. Premier Li Qiang reiste in den Kreis Gyirong nahe der Grenze zu Nepal, um nach der Katastrophe die Rettungs- und Notfallmaßnahmen persönlich zu leiten.
Nach den verheerenden Sturzfluten in Nepal und Tibet erschwert die Gefahr weiterer Fluten die Rettungsarbeiten. Viele Gebiete sind weiterhin kaum zu erreichen.
28.08.2026 | 2:02 minLaut Staatsmedien wurden in Tibet bislang fünf Todesopfer bestätigt, 558 weitere Menschen werden vermisst. Zur Unterstützung der Katastrophenhilfe habe der "Allchinesische Gewerkschaftsbund" vier Millionen Yuan (rund 513.000 Euro) an Notfallmitteln bereitgestellt.
Die gesamte Erzählung der chinesischen Staatspropaganda lautet: Die Katastrophe ist gewaltig, aber die Partei und die Nation lassen keine Gelegenheit aus, zu helfen. Die Menschen sollen sich später nicht daran erinnern, wie schrecklich diese Katastrophe war, sondern an all die großzügigen Hilfsmaßnahmen der Partei. Das macht es für Tibeter außerhalb der Region und auch für uns Journalisten schwierig bis unmöglich, herauszufinden, was in Tibet eigentlich geschehen ist.
Elisabeth Schmidt ist ZDF-Ostasienkorrespondentin und arbeitet im Studio Peking.
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