Montenegro: EU-Beitrittskandidat mit Schattenseiten

Montenegro auf dem Weg in die EU?:Musterschüler mit Schattenseiten

von Christian von Rechenberg, Wien

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Montenegro gilt als fortschrittlichster EU-Beitrittskandidat. Brüssel ist mit den angeschobenen Reformen zufrieden. Doch es bleiben Probleme.

Eine fjordartige Bucht mit einem Kreuzfahrtschiff, die von Bergen umgeben ist. An einem Hang im Vordergrund steht ein alter Kirchturm.

Montenegro gilt als Musterschüler unter den EU-Beitrittskandidaten - und bietet Reisenden atemberaubende Natur. Doch hinter der schönen Fassade kämpft es gegen Korruption und Umweltsünden.

03.06.2026 | 6:37 min

Es sieht aus wie Tauziehen, wenn Bruno Janković und seine Freunde in der Bucht von Kotor fischen. Nach alter Väter Sitte ziehen sie ein großes Netz von zwei Seiten langsam ans Ufer. Der Fang sicherte Generationen von Fischern hier im kleinen Dorf Muo ein Einkommen - heute fischen sie nur noch zum Zeitvertreib. Denn das Netz ist beinahe leer.

Das ist sehr schlecht. Davon können Fischer nicht leben.

Bruno Janković, Vereinigung der Fischer von Kotor 

Schuld sei der wuchernde Tourismus in der Region. Früher, sagt er, mit Industrieabwässern und Fabriken, habe es trotzdem Fische gegeben. Heute nicht mehr.

Fußgänger gehen am 18.05.2026, in Montenegros Hauptstadt Podgorica, auf einer mit Nationalflaggen geschmückten Straße spazieren.

Länder des westlichen Balkans warten zum Teil seit 20 Jahren auf die Aufnahme in die EU. Montenegro, der Gastgeber des EU-Westbalkan-Gipfels, hat von allen momentan die besten Beitrittschancen.

04.06.2026 | 2:35 min

Tourismus als Motor - und als Problem

Heute legen täglich fünf bis sechs Kreuzfahrtschiffe in der Bucht von Kotor an, 15.000 Touristen wollen das UNESCO-Welterbe sehen. Die Bucht ist das drittmeistbesuchte Kreuzfahrtziel Europas. Der Tourismussektor macht rund 25 Prozent des montenegrinischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Das Geld der Gäste treibt Montenegros Wirtschaft an - und damit den EU-Beitritt.

Den will Janković, trotz all der Folgen, auch. Er hofft auf eine bessere Zukunft für seine Kinder, aber auch, dass sich Schutzregeln für sensible Ökosysteme in der EU konsequenter durchsetzen lassen. "Es ist die Europäische Union, wo Gesetze eingehalten werden", so Janković.

Umweltschutz als gutes Beispiel

Besser lief es in Ulcinj, im Süden Montenegros. Die dortigen Salinen sind das artenreichste Feuchtgebiet der östlichen Adriaküste: Mehr als die Hälfte aller europäischen Vogelarten auf einem Fleck. "2013 ließ die Regierung die Salzproduktion einstellen, um ein Luxusresort zu bauen", sagt Umweltaktivistin Zenepa Lika. NGOs und internationale Naturschutzorganisationen verhinderten das. Seit 2019 steht die Saline unter Schutz.

Die EU spielte dabei eine entscheidende Rolle.

Hätten wir die EU nicht gehabt, als Partner und Unterstützer, wäre das noch viel schwieriger gewesen.

Zenepa Lika, Umweltaktivistin

Rafting-Führerin Alma steht im Wasser vor ihrem Boot in einem Canyon. Hinter ihr sind drei Personen in weiteren Booten.

Atemberaubende Landschaften, spannende Kultur und Gastfreundschaft zu kleinen Preisen: Montenegros Nachbarland Albanien lockt Besucher aus aller Welt mit kristallklarem Meer und idyllischen Stränden an der Adria.

10.08.2025 | 29:57 min

Die Saline sei direkt verknüpft mit der Schließung von Kapitel 27 der EU-Beitrittsverhandlungen - dem Umweltkapitel. Das Grundproblem aber bleibe: Montenegros politische Elite sei noch immer auf kurzfristigen Profit aus, obwohl sich Montenegro selbst qua Grundgesetz als ökologischen Staat deklariert hat.

Was sie damit meint, kann man eine Stunde entfernt im Badeort Budva besichtigen, wo sich gewaltige Betonburgen in die Landschaft fressen. Seit 2014 wurden mehrere Bürgermeister und Kommunalfunktionäre wegen Korruption verhaftet und verurteilt - konkret wegen illegaler Baugenehmigungen. Korruption bleibt ein Problem in Montenegro.

Staatsanwalt selbstbewusst - Gerichte in der Pflicht

Generalstaatsanwalt Milorad Marković zeigt sich dennoch selbstbewusst. In vier Jahren habe die Staatsanwaltschaft 66 Anklagen wegen organisierter Kriminalität erhoben, 443 Personen verfolgt, und alle EU-Hausaufgaben erledigt. "Die Gerichte", sagt er, "haben auch erste Urteile gesprochen. Das ist lobenswert. Dennoch müssen sie zusätzliche Anstrengungen unternehmen."

NGO-Direktorin Daliborka Uljarević vom Center for Civic Education glaubt nicht an einen EU Beitritt Montenegros 2028, wie ihn viele Verhandler propagieren. Der letzte Regierungswechsel habe etwa die korrupten Praktiken nicht beendet - er habe nur die Profiteure ausgetauscht. Frühestens 2030 sei man soweit, denn das Land "verlandet besser, als es Reformen umsetzt." Bis Ende 2026 müssten noch 19 Kapitel geschlossen werden. In 14 Jahren seien erst 14 abgeschlossen worden.

Wir leiden unter einem chronischen Mangel an verantwortungsbewussten Politikern. Das ist die Wurzel der allermeisten Probleme.

Daliborka Uljarević, Center for Civic Education

Das Volk will Europa

Fragt man die Bevölkerung, scheint die Sache klar: Fast 80 Prozent der Montenegriner befürworten den EU-Beitritt. Für Gymnasiast Andrija etwa wäre er eine Chance für mehr Möglichkeiten beim Studium und danach. Kulturveranstalter Damir Ibišević sieht es differenzierter: Der Beitritt werde Fachkräfte abziehen; europäische Fördergelder böten aber neue Wege. Und Sandra Vujović sieht die Gesellschaft bereit, die Institutionen hätten aufgeholt.

Ob 2028 oder 2030 - die meisten Montenegriner fragen nicht mehr ob, sondern wann.

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Über dieses Thema berichteten das auslandsjournal am 03.06.2026 um 22:15 Uhr und heute in Europa am 02.06.2026 ab 16:00 Uhr.

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