Wanderhirten in Kenia:Mit dem Maschinengewehr zum Viehhüten
In Nord-Kenia ist der Klimawandel längst Realität, Wasser und Weideland werden knapp und sind umkämpft. Besonders Wanderhirten sind davon betroffen - und bewaffnen sich.
Nicht selten sind Kenias Hirten bewaffnet. Wasser und Weideland sind hart umkämpft, um sich vor Viehdiebstahl zu schützen greifen sie zur Waffe.
Quelle: ZDF35 Grad, die Sonne steht im Zenit und blitzt trotz Staub und Schlamm auf dem Maschinengewehr des Wanderhirten Emathe Lukuto.
Er lebt in Daaba, einem kleinen Ort im Norden Kenias, mit etwa 9.000 Einwohnern. Die Mehrheit der Menschen hier sind Pastoralisten, also Wanderhirten, die von Ort zu Ort ziehen, immer auf der Suche nach Wasser und Weideland für ihre Tiere.
Emathe ist einer von ihnen - er gehört zu den Turkana-Wanderhirten. Seine Heimat gleicht einem Naturschutzgebiet, die Pflanzen sprießen wild und die Straßen erinnern an einen gut befahrenen Wanderweg. Früher sei alles viel grüner gewesen, sagt Emathe. Wir würden nur das sehen, was von den Dürren und Fluten übriggeblieben ist.
Afrika ist vom Klimawandel besonders betroffen. Dürren führen zu Wasserknappheit und zunehmenden Konflikten. Unter Kenias Wanderhirten kommt es zum Kampf um knappe Ressourcen.
02.04.2025 | 16:22 minWanderhirten in Kenia: Ein Hut, ein Stock, eine M16
Emathe trägt eine M16 - ein amerikanisches Maschinengewehr. Manchmal baumelt die Waffe wie eine Handtasche an seiner Schulter. Seine Waffe wurde illegal aus einem der Nachbarländer eingeschmuggelt. Er ist nicht der Einzige, der bewaffnet ist. Während die Frauen sich hier mit bunten Perlenketten schmücken, tragen die Männer farbenfrohe Kleidung - und dazu ein schweres Gewehr.
Alle konkurrieren um Gras, alle konkurrieren um Wasser - das ist der Grund, weshalb du uns hier mit Gewehren siehst.
Emathe, Wanderhirte in Nord-Kenia
Emathe ist 22 Jahre alt, und sein Leben könnte nicht unterschiedlicher sein, als das von jungen Menschen in Europa.
Wegen der Dürre nimmt Viehdiebstahl zu
Die Bewaffnung der Wanderhirten ist ein großes Problem in der Region. Emathe geht es dabei primär darum, sein Vieh zu schützen. Denn Viehdiebstahl hat unter Wanderhirten eine lange Tradition: Stehlen und bestohlen werden ist normal. Mit dem Raubgut wird oftmals das Vieh aufgestockt, das während der Dürren verendete. Weil die Trockenzeiten immer länger werden, häuft sich auch der Viehdiebstahl. Oft enden diese Manöver tödlich.
Der Klimawandel und seine Folgen treffen Afrika besonders hart. Die Wasserknappheit durch lange Dürrephasen wirkt sich auf Bestände wichtiger Nutztiere aus.
Emathe versichert, dass er die Waffe nur trage, um sich und seine Tiere zu schützen. Aber wenn es drauf ankommt, würde auch er seine Angreifer töten.
Klimawandel trifft Afrika besonders hart
Obwohl der afrikanische Kontinent nur vier Prozent zu den weltweiten CO2-Emissionen beiträgt, zeigen sich die Auswirkungen hier besonders. Zwischen 2020 und 2023, der längsten Dürrephase am Horn von Afrika seit 40 Jahren, sind allein in Kenia mehr als 2.5 Millionen Nutztiere verendet. Auch Emathe hat ein Drittel seiner Herde verloren. Von 600 Ziegen und Schafen überlebten knapp 400. Der Albtraum eines jeden Wanderhirten, sowie ein tiefer Schnitt in das Selbstwertgefühl.
Anders als in Deutschland hütet Emathe seine Tiere nicht unbedingt zum kommerziellen Verkauf. Das Vieh dient vor allem der Selbstverpflegung und ist eine Art Statussymbol. Denn die Identität eines Wanderhirten bemisst sich oftmals an seinem Vieh.
Radikale Kürzungen in der Entwicklungshilfe der USA gefährden die Versorgung von Millionen von Menschen. Auch in der Aids-Hilfe in Kenia, wie ZDF-Korrespondentin Lojewski zeigt.
06.02.2025 | 2:35 minJeder gegen Jeden
Auf dem Weg zur Wasserstelle wirkt Emathe plötzlich angespannt. Immer wieder schaut er sich um - erst nach rechts und dann nach links. Auf Nachfrage erzählt er dann:
Dieser Ort hier ist eine Kampfzone. Wer ist mein Feind, wer mein Freund? Hier kann alles passieren, davor habe ich Angst.
Emathe, Wanderhirte
Seine Angst ist zu spüren. Auch seine Waffe ist im Anschlag - für alle Fälle.
Am Turkana-See im Norden Kenias steht die größte Windenergieanlage des Landes. Bis 2030 will Kenia sich komplett mit erneuerbaren Energien versorgen. Das Problem ist die fragile Infrastruktur.
04.09.2023 | 2:36 minPflanzenanbau: Alternative zur Viehhaltung?
Im Permaculture Center in Nanyuki arbeiten die Maasai-Wanderhirtinnen Josephine Kasoo und Carolyne Leboo. Die beiden Frauen lernen dort seit 2019, wie sie nachhaltig Pflanzen anbauen. Sie sind die Pioniere in ihrer Community, und wollen mit Obst- und Gemüseanbau ihre Familie und -wenn nötig - ihre Tiere ernähren. Denn wenn ihre Männer in der Trockenzeit immer weiterziehen, sind sie auf sich allein gestellt. Manchmal auch über Jahre. Katastrophal, denn keine Tiere bedeuten: kein Essen.
Sie wissen, dass der Klimawandel Anpassung erfordert, und geben ihr Wissen nun an andere Frauen weiter. Der Pflanzenanbau helfe ihnen nicht nur dabei, sich selbst zu versorgen, sondern auch den Konflikten zu entgehen. Das hat vor allem einen Grund, sagt Carolyne: "Keiner will Gemüse stehlen".
ZDFheute-KlimaRadar:Daten zum Klimawandel im Überblick
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