Neustart dank Kulturprojekt:Neapels Problemviertel Sanità erfindet sich neu
von Barbara Lueg, Rom
Sanità, das lange Zeit abgehängte Arbeiterviertel Neapels, war geprägt von Armut, Müll, Kriminalität. Doch das Viertel schaffte die Wende. Mit einer ungewöhnlichen Idee.
In Neapels Armenviertel Sanità kümmern sich Anwohner auf dem Friedhof um zehntausende namenlose Schädel. Die Bürgervereine dort schaffen Perspektiven, wo früher nur Armut und Gewalt herrschten.
05.08.2026 | 6:28 minEs ist Sonntag. Sara Sacco blickt in den kleinen Spiegel und zieht ihre Augenbrauen nach. Die 23-Jährige schwänzt heute die Messe. Denn gleich führt sie eine Touristengruppe aus Irland über den Friedhof der Armen in ihrem Viertel. Seit gut einem Jahr arbeitet sie in Sanità als Reiseführerin für den Verein "La Paranza".
Ein Job: Reiseleiterin auf dem Friedhof
"Seit ich begonnen habe, für den Verein auf unserem Friedhof der Armen zu arbeiten, habe ich meine Berufung gefunden. Heute liebe ich dieses Viertel, das ich früher immer nur verachtet habe", sagt sie. Denn seit der soziale Verein "La Paranza" den Friedhof für die Öffentlichkeit saniert hat, können Touristen diesen magischen Ort besuchen. Tausende Schädel sind hier zu sehen. Tote ohne Namen. Rosenkränze. Ein Kulturerbe, das viel über die Seele und die Geschichte des Viertels erzählt.
Neapels Viertel Sanità wächst aus Armut und Gewalt Hoffnung. Initiativen schaffen Perspektiven und helfen Jugendlichen, ihr Potenzial zu entdecken und sich eine Zukunft aufzubauen.
16.07.2026 | 4:35 minKulturelles Erbe schafft Jobs
Sara Sacco wurde vom Verein als Reiseführerin ausgebildet, um Touristengruppen nun trittsicher und zweisprachig durch den gesamten Friedhof zu führen, und verdient so endlich ihr eigenes Geld. Jahrzehnte war so etwas in Sanità undenkbar, denn Jugendliche hatten hier keine Perspektiven.
Aber inzwischen ist im Viertel ein ganzes Netzwerk aus Vereinen entstanden, das das kulturelle Erbe des Viertels erfolgreich nutzt, um Kindern und Jugendlichen wieder eine Zukunft zu schaffen. Und zwar aus eigener Kraft.
Denn kulturhistorisch hat Sanità einiges zu bieten. "Dieses kulturelle Erbe bedeutet für uns Neuanfang, Wiedergeburt und Chance, um in unserem Viertel etwas Neues aufzubauen", sagt Antonio Iaccarino, der Chef des Vereins "La Paranza". Das Netzwerk wurde inzwischen sogar in Brüssel prämiert. Europäischer Kulturerbe-Preis.
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04.08.2026 | 3:34 minMit Eintrittsgeldern eine Boxhalle für Jugendliche finanzieren
In der EU spricht man bereits vom "Vorzeige-Modell Sanità" - vor allem eben auch, weil sich die Vereine hauptsächlich aus Spenden und durch ihre eigenen Projekte finanzieren.
Zum Beispiel die alte verlassene Barockkirche, mitten im Viertel. Marco Badolati und sein Verein "La Sorte" managen den Ort heute als Museum. Statt Gebeten verströmt sich hier nun die Kunst des weltberühmten Bildhauers Jago aus Neapel. Und mit den Eintrittsgeldern finanziert der Verein wiederum ein Projekt, das Badolati besonders am Herzen liegt: die Boxhalle. Dort trainieren Kinder und Jugendliche physisch und mental, sich gegen Widerstände in der Welt zu stemmen, und können Dampf ablassen.
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25.03.2026 | 2:45 minMarco Badolati kennt die Nöte und Ängste der jungen Menschen im Viertel nur allzu gut. Denn der 32-Jährige ist selbst in Sanità groß geworden und weiß, dass die meisten aus schwierigen Verhältnissen kommen. "Man muss diese Kinder und Jugendlichen genau beobachten. Es ist schwer für sie, über ihre Probleme zu sprechen. Man muss ganz genau hinsehen und hinhören", sagt Badolati, der für alle inzwischen eine Art Schlüsselfigur im Viertel geworden ist.
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01.08.2026 | 0:21 minWeitere Projekte für Sanità
Auf der Piazza trifft er an diesem Tag Sara Sacco und Antonio Iaccarino auf einen Kaffee, um sich auszutauschen und neue Ideen für weitere Projekte zu besprechen. Denn Marco Badolati ist sich sicher. Die Veränderung im Viertel hat erst begonnen. "Wir können hier noch viel mehr erreichen. Viel mehr", sagt er.
Barbara Lueg ist Korrespondentin im ZDF-Studio Rom und berichtet unter anderem aus Italien und dem Vatikan.
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