Israel: Christen berichten von Gewalt und Vertreibung

Bedrohung von Christen in Israel :"Sie wollen Angst und Schrecken einjagen"

von Thomas Reichart

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Siedlergewalt im Westjordanland, Spuckattacken in Jerusalem: Christen im Heiligen Land berichten von wachsendem Druck. Ein ganzes Dorf ist nun militärisches Sperrgebiet.

Christen im Westjordanland

In Taybeh berichten Christen von Drohungen und Gewalt durch militante Siedler, in Jerusalem von Anfeindungen und Angriffen. Warum christliche Familien fortziehen und wie Israelis Solidarität zeigen.

18.08.2026 | 2:48 min

An der katholischen Kirche in Taybeh hängen Überwachungskameras. Drinnen beim Gottesdienst bleiben viele Bänke frei. 40 bis 50.000 Christen leben im Westjordanland, gut ein Prozent der Bevölkerung. Und es werden immer weniger.

Eine christliche Gemeinde im Ausnahmezustand

Taybeh, die Christengemeinde, ist ein Ort unter Belagerung. Anfang August erklärte das israelische Militär Taybeh zur No-Go Area für Israelis. Wegen, so die Armee, "gewalttätiger Angriffe von Israelis in der Region" - gemeint sind militante Siedler. Die Anordnung umfasst auch Teile der Nachbardörfer Deir Jarir und Ramun und soll für fast ein Jahr gelten. Sie gilt nur für Israelis, nicht für Palästinenser.

Bewohner und Menschenrechtsorganisationen bezweifeln, ob der Ort damit vor militanten Siedlern geschützt werde.

Anfang Juni bedrohte ein Flächenbrand Taybeh. Doch als Einwohner und Feuerwehr versuchten, das Feuer zu löschen, seien sie von militanten Siedlern attackiert worden, so Pater Bashar.

Aktivisten sammeln Lebensmittel- und Wasservorräte vor israelischen Soldaten, die die Straße zu den Häusern von drei palästinensischen Familien blockieren.

Im Westjordanland wachsen Armut und Arbeitslosigkeit, die medizinische Versorgung droht zu kollabieren. Israel hält seit mehr als einem Jahr wichtige Gelder für die palästinensische Autonomiebehörde zurück.

15.08.2026 | 1:35 min

"Sie haben unsere Leute angegriffen, unsere Handys gestohlen, unsere Autos beschädigt und dreimal auf uns geschossen", erzählt Taybehs Pfarrer. "Sie haben uns verboten, hinzugehen, um das Feuer zu löschen."

Die militanten Siedler haben auf den Hügeln rund um Taybeh illegale Außenposten gebaut. Ihre Mittel sind Einschüchterungen, Drohungen, Gewalt. Die israelische Nichtregierungsorganisation "Peace Now" zählt im Westjordanland inzwischen rund 360 Außenposten und Siedlerfarmen.

Nach dem Völkerrecht sind sowohl Siedlungen als auch Außenposten illegal. Israel wehrt sich gegen diese Auslegung internationalen Rechts.

"Sie wollen mehr Land besetzen"

Was die Siedler wollen, das ist für Pater Bashar unübersehbar. "Sie wollen mehr Land besetzen, um den Menschen Angst und Schrecken einzujagen und das Königreich Israel für sich selbst errichten", so der Pfarrer. Und sie wollten die Träume von Finanzminister Smotrich und Sicherheitsminister Ben-Gvir umsetzen.

Pater Bashar glaubt, Ziel der beiden Rechtsaußen-Politiker sei die Vertreibung. Tatsächlich seien fünfzehn Familien aus Taybeh seit Oktober 2023 weggezogen. Auch anderswo verlassen Christen das Heilige Land.

westjordanland

Im Dorf Dayr Jarir berichten Bewohner von Angriffen durch israelische Siedler. Während die Regierung von Einzelfällen spricht, dokumentieren UN-Zahlen so viele Übergriffe wie nie zuvor.

16.07.2026 | 2:28 min

Unterstützen Sicherheitskräfte die Extremisten?

Das UN-Nothilfebüro OCHA meldete von Anfang des Jahres bis Mitte Juli mehr als 1.260 Vorfälle von Angriffen von Siedlern mit Verletzten oder Sachschaden.

Dass es bei Israels Sicherheitskräften Sympathien gibt für die gewalttätigen Siedler, räumt selbst Israels ehemaliger Chef des Nationalen Sicherheitsrates - das zentrale Beratungsgremium für Außen- und Sicherheitspolitik des israelischen Premierministers - ein.

"Im Westjordanland handelt es sich hauptsächlich um Reservekräfte", sagt Yakov Amidror. "Es ist keine Überraschung, dass einige von ihnen diese Extremisten unterstützen. Das sollte nicht geschehen. Es sollte mehr Disziplin herrschen."

Israelische Siedler haben in der besetzten Stadt Beit Furik im Westjordanland landwirtschaftliche Flächen in Brand gesetzt

Die Gewalt im Westjordanland nimmt zu: Mehr als 60 Palästinenser wurden laut Vereinten Nationen im ersten Halbjahr 2026 durch israelische Sicherheitskräfte und Siedler getötet.

25.07.2026 | 2:20 min

Immer mehr Angriffe auf Christen - wenig Solidarität aus Politik

Nikodemus Schnabel, Abt der Dormitio-Abtei, gilt als eine der wichtigsten christlichen Stimmen im Heiligen Land. Er ist vorsichtiger geworden, wenn er heute durch Jerusalem geht. Früher habe es Beleidigungen nur nachts gegeben, ohne Zeugen.

"Was sich verändert hat: Jetzt kann das passieren, ich gehe tagsüber in der Altstadt, es gibt 20, 30 Leute, die rundherum sind und ich werde angespuckt." Der Abt nennt es "eine komplette Enttabuisierung."

Ende April stößt ein Mann bei der Dormitio-Abtei eine französische Ordensfrau zu Boden, tritt auf sie ein. Die Szene wurde von Überwachungskameras festgehalten.

Nahost-Experte Daniel Gerlach, im Hintergrund Soldaten der israelischen Armee im Westjordanland.

Israels Regierung treibt den Siedlungsausbau im Westjordanland voran. Wie sich die Lage dort verschärft - ZDFheute live ordnet ein.

21.07.2026 | 33:17 min

Das Rossing Center, eine interreligiöse Organisation in Jerusalem, verzeichnete für das Jahr 2025 155 Vorfälle gegen Christen in Israel und Ost-Jerusalem. Gegenüber 2023 ist das ein Anstieg von mehr als 70 Prozent. Das Rossing Center ordnet den Anstieg ein in ein gesellschaftliches Klima wachsender Polarisierung und ultranationalistischer Tendenzen.

"Nach dem Vorfall gegenüber der französischen Ordensfrau. Da kamen ganz viele Rabbiner, da kamen viele aus der Wissenschaft, da kamen viele Künstler, da kamen wunderbar viele Menschen, haben Solidarität gezeigt", erinnert sich Abt Nikodemus Schnabel. "Es kam nicht ein einziger Politiker und hat gesagt: So, jetzt mache ich ein Foto mit dir und sage, das ist nicht das Israel, für das ich stehe."

Gegen den mutmaßlichen Täter - einen jüdischen Siedler - wurde Anklage erhoben. Israels Außenministerium verurteilte den Angriff. Der Druck auf die Christen im Heiligen Land aber bleibt.

Thomas Reichart ist Studioleiter des ZDF Studios Tel Aviv.

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Über dieses Thema berichtete die Sendung morgenmagazin am 18.08.2026 ab 07:30 Uhr.

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