Sicherheitskonferenz-Chef zieht Bilanz:Ischinger: Europa hat den Weckruf gehört
Der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz sieht Europa gestärkt - trotz harter Töne aus Washington. Doch ein konkreter Fahrplan für mehr europäische Unabhängigkeit fehle noch.
Wolfgang Ischinger: Konferenz hat wieder eine Basis für Gespräche geschaffen. "Das ist schon viel wert."
Quelle: dpaZDFheute: Sie hatten vor der Sicherheitskonferenz gesagt, Europa müsse zeigen, dass es mehr Verantwortung übernimmt, unabhängiger wird von den USA. Ist dieser Anspruch in München eingelöst worden?
Wolfgang Ischinger: Aus meiner Sicht schon. Ich glaube auch in der Tat, dass der Schuss gehört wurde, dass man in Europa erkannt hat, wenn wir uns jetzt nicht zusammenrappeln, dann werden wir uns in dieser neuen machtpolitischen Konfiguration immer weniger durchsetzen können. Ich glaube, diese Erkenntnis ist hier sehr deutlich geworden.
Mit einer Einschränkung: Das Rezept, wie man damit jetzt umgeht - also der konkrete Aktionsplan, was muss jetzt und nächste Woche und in einem halben Jahr im Einzelnen geschehen -, das habe ich noch nicht so ganz genau gesehen.
Kanzler Merz äußert Kritik an den USA, US-Außenminister Rubio findet zwar verbindende Worte zu Europa, bleibt in der Sache aber hart. Partnerschaft ja, aber zu Trumps Bedingungen.
15.02.2026 | 2:33 minZDFheute: Wie verlassen die Teilnehmer dieses Jahr den Bayerischen Hof - mit Zweifeln oder mit Zuversicht?
Ischinger: Ich glaube, manche gehen nach Hause in dem Gefühl, dass die amerikanische Politik, so wie sie hier vorgetragen wurde von Außenminister Marco Rubio, eigentlich im Kern nichts anderes ist als das, was letztes Jahr Vize-Präsident JD Vance hier vorgetragen hat, nämlich MAGA-Politik.
Andere, zu denen ich mich auch zählen würde, sagen: Ja, das mag so sein, natürlich muss dieser Außenminister die Politik seines Präsidenten vortragen. Aber es ist in der Außenpolitik immer so, dass es nicht nur auf das ankommt, was gesagt wird, sondern auch darauf, wie es gesagt wird. Und ja, es gibt kulturelle Unterschiede. Wir würden jetzt nicht davon sprechen wollen, dass wir hier in Europa nur die christliche Tradition haben. Das ist so ein Punkt, der mir aufgefallen ist.
Aber zumindest hat Marco Rubio angeboten, dass wir zum selben Team gehören und miteinander arbeiten müssen. Das ist eine gute Basis. Insofern würde ich sagen: eigentlich erfolgreich - nicht super erfolgreich, aber ganz gut.
Zu lang energieabhängig von Moskau, keine echten Reaktionen auf die erste Regierung Trump. Europa irgendwo zwischen panisch und pragmatisch, so EU-Korrespondent Röller von der MSC.
15.02.2026 | 1:38 minZDFheute: Einige nennen die Rede des US-Außenministers eine "vergiftete Liebeserklärung". Danach gab es Standing Ovations. Haben Sie dafür Verständnis nach dieser doch sehr belehrenden Rede?
Ischinger: Mag sein, dass diese Rede in der Tat auch sehr belehrende Elemente enthalten hat. Ehrlich gesagt, sind wir nach 70 oder 80 Jahren doch daran gewöhnt, dass der amerikanische Partner uns sagt, wo es lang geht. Das haben wir Jahrzehnte immer erwartet. Insoweit nichts Neues. Ich glaube, dass tatsächlich manche im Saal, ich auch, erleichtert waren, dass die Tonlage, die hier gewählt wurde, eine andere war als die von vor einem Jahr. Viele haben befürchtet, jetzt kriegen wir schon wieder eins übergebraten.
Das war zwar durchaus auch harte Kost, aber es war verdaubare Kost. Das ist jedenfalls das Fazit vieler der Außenminister und Regierungschefs. Die fahren hier weg mit dem Gefühl, naja, es ist nicht alles gut, viele Probleme sind weiterhin ungelöst und offen, beispielsweise Grönland. Aber zumindest haben wir eine Basis, um wieder zu telefonieren und miteinander zu reden. Das ist schon viel wert.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bezeichnete die US-Kritik an der EU als "unangemessen".
15.02.2026 | 2:04 minZDFheute: Wo stehen die transatlantischen Beziehungen? Es ist klar geworden, es gibt zwei völlig unterschiedliche Visionen, was den sogenannten "Westen" ausmacht.
Ischinger: Ja, da haben Sie Recht. Man muss allerdings sagen, wenn Sie genau hinschauen, dann werden Sie feststellen, dass es auch in Europa ein paar unterschiedliche Sichtweisen gibt. Wenn Sie zum Beispiel nach Budapest fahren, werden Sie möglicherweise eine etwas andere Interpretation der europäischen Zielsetzungen bekommen, als wenn Sie nach Paris oder nach Belgien fahren.
Also wir sollten jetzt nicht nur auf die transatlantischen Unterschiede hinweisen, sondern auch darauf, dass wir in Europa auch Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß haben. Ich glaube, dass diese grundsätzlichen, ja, ideologischen Unterschiede uns noch eine ganze Weile begleiten werden.
Das Interview führte Ines Trams, Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio
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