Generation Bardella:Wie Frankreichs Rechte sich kommunal verankert
von Anne Arend und Carolin Auen, Paris
Sicherheit und traditionelle Werte - damit hat der Rassemblement National bei den Kommunalwahlen im März 2026 erfolgreich geworben. Was das bedeutet, zeigt die Stadt Castres.
Die Kommunalpolitik der rechtspopulistischen Rassemblement National gilt als Testlauf für die nächsten Präsidentschaftswahlen. Bürgermeister Florian Azéma ist einer ihrer Vorzeigekandidaten.
22.07.2026 | 6:32 minSchöner, sauberer und vor allem sicherer - dafür versprach Florian Azéma, sich einzusetzen. Und gewann als 29-jähriger im Frühjahr die Wahl zum Bürgermeister von Castres, einer mittelgroßen Stadt tief im Südwesten Frankreichs.
Azéma ist bereits als Jugendlicher dem RN beigetreten, nach einer Rede von Marine Le Pen. "Marine Le Pen sprach über Sicherheit und über die Migrationskrise. Darin habe ich mich schon früh wiedererkannt," erinnert sich Azéma.
In Frankreich gelten die Kommunalwahlen im März 2026 als wichtiger Stimmungstest vor der Präsidentschaftswahl 2027.
13.03.2026 | 4:40 min60 junge Bürgermeister des RN seit 2026
In Frankreich liegen derzeit die Rechtspopulisten vorn, der Rassemblement National erreicht in aktuellen Umfragen bis zu 35%. Besonders gut kommt der 30-jährige Parteipräsident Jordan Bardella an, ist sogar beliebter als Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen, vor allem bei der jungen Wählerschaft.
In Frankreich ist es schwierig geworden, Kandidaten für das Bürgermeisteramt zu finden - Symptom einer zunehmenden Politikmüdigkeit.
11.03.2026 | 6:21 minAuch auf kommunaler Ebene setzt die Partei auf die "Generation Bardella". Seit März 2026 sind etwa 60 neue Bürgermeisterinnen und Bürgermeister des RN im Amt, die meisten von ihnen männlich, viele jung, alle motiviert. Wie auch Florian Azéma: "Heute wollen wir den Französinnen und Franzosen zeigen, dass Frankreich wieder aufstehen und selbstbewusst nach vorne blicken kann."
Sicherheit und Tradition: Das sind die Schlagworte, mit denen der 29-jährige Bürgermeister Florian Azéma vom rechten Rassemblement National in der französischen Stadt Castres antritt.
Quelle: zdfKein politisches Theater auf städtischen Bühnen
Wie er sich das vorstellt, zeigt Azéma auf seinem Instagram-Kanal: Kampf gegen illegale Straßenrennen, Einschalten der nächtlichen Straßenbeleuchtung und militärische Feierlichkeiten. Kaum im Amt, streicht er außerdem ein von seinem Vorgänger geplantes Gastspiel aus dem Programm des städtischen Theaters. Der Grund: das Stück sei zu politisch. Der Regisseur spricht sich öffentlich gegen Rassismus aus.
Ein Verlagschef muss gehen. Autorinnen und Autoren empören sich darüber. Und nun diskutiert Frankreich über einen Rechtsruck in der Kulturszene.
29.04.2026 | 2:07 min"Er hat selbst immer wieder gesagt, dass sein Stück sehr politisch ist. Dann kann er es ja an einem freien oder privaten Theater aufführen", findet Azéma. "Aber mit öffentlichen Geldern, also dem Geld der Steuerzahler, war es hier aus meiner Sicht nicht willkommen."
In dem Theaterstück Passeport, welches bereits seit 2024 frankreichweit Erfolg erzielt, geht um Flucht, Einwanderung und Integration.
Für Autor und Regisseur Alexis Michalik ist die Absage des Theaterstücks durch den RN-Bürgermeisters mehr als eine lokale Kontroverse. "Das ist ein Warnsignal. Auf kommunaler Ebene zeigt sich bereits, was politische Macht bewirken kann. Das sind erste Formen der Zensur, und die Gefahr besteht, dass es auch die Presse und andere Freiheiten trifft."
Eine neue Generation von Politikern
Und so reicht die Debatte über den konkreten Fall in Castres hinaus. Die Kommunalpolitik der Rechtspopulisten gilt vielen als Testlauf. Für die Präsidentschaftswahl 2027.
Der Journalist und Autor Stéphane Fort befasst sich seit Jahren mit der Partei, deren Ideologie er nach wie vor extrem rechts verortet. "Die Fremdenfeindlichkeit im RN ist heute genauso virulent wie vor 20 oder 30 Jahren. Das ist im Grunde dieselbe Ideologie," sagt er. Und spricht dabei von der Zeit, in der die Partei noch Front National hieß und von Marine Le Pens Vater Jean-Marie Le Pen geführt wurde.
Das Pariser Berufungsgericht hat das Urteil gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen wegen Veruntreuung von EU-Geldern bestätigt.
07.07.2026 | 1:45 minDieser war für seine Aussagen mehrfach zu Geldstrafen verurteilt worden, 2005 wegen Anstiftung zu rassistischem Hass sowie 2017 für Anstiftung zum Hass und zu ethnischer Diskriminierung.
Heute wolle die Partei gemäßigt erscheinen, so Fort, ungefährlich für die Demokratie. Dafür setze sie auf eine neue Generation von Politikern, um diesem neuen, vermeintlich sanfteren Gesicht des RN Ausdruck zu verleihen.
Uneinigkeit über die Maßnahmen des rechten Bürgermeisters
In Castres haben 30 Prozent der Wähler für den jungen Bürgermeister und seine Sicherheitspolitik gestimmt. Dabei zählt Castres nicht zu den Städten mit hoher Kriminalitätsrate. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 11 Prozent jedoch deutlich über dem Landesdurchschnitt. Im Sozialkaufhaus der Stadt gehen die Meinungen zum neuen Bürgermeister und seinen Maßnahmen auseinander.
Sie hat den Rechtspopulismus in Frankreich neu erschaffen und zum politischen Mainstream gemacht. Ihre Partei ist seriöser und machthungriger als je zuvor. Wer ist Marine Le Pen?
29.06.2023 | 13:37 minFür Audrey setzt der RN an falscher Stelle an. "Das sind nicht wirklich Dinge, die den Menschen etwas bringen", findet die Rezeptionistin eines Hotels. Stattdessen solle die Stadt das Geld in die Schulen stecken, für Klimaanlagen, oder um Bäume zu pflanzen, meint sie. "Und wenn ein Theaterstück zensiert wird, denke ich, dass es wichtigere und dringendere Themen gibt, um die sich die Stadt kümmern sollte."
Dem stimmt auch RN-Wähler Kevin zu. Er findet die Entscheidung, die Planung des Stadttheaters zu verändern, diskriminierend, "das ist schon Rassismus", sagt er, darauf habe der alte RN gegründet. "Jetzt wollen sie einfach ein französisches Frankreich. Damit bin ich einverstanden." Er möchte auch 2027 Rassemblement National wählen.
Bis dahin inszeniert Florian Azéma sich und seine Maßnahmen bei einer Militärzeremonie auch auf den Stufen des Stadttheaters.
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