Berufungsgericht bestätigt Verurteilung:Le Pen darf bei Wahl antreten - was würde das bedeuten?
Ein Berufungsgericht hat Rechtspopulistin Marine Le Pen schuldig gesprochen, sie darf aber bei der Präsidentschaftswahl antreten. Am Abend will sie sich äußern.
Das Pariser Berufungsgericht hat das Urteil gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen wegen Veruntreuung von EU-Geldern bestätigt.
07.07.2026 | 1:45 minEin Schuldspruch, ein Jahr mit Fußfessel und ein zeitweiser Entzug des passiven Wahlrechts: Frankreichs Rechtsnationale Marine Le Pen hat vor Gericht eine herbe Niederlage eingefahren. Doch was heißt das komplizierte Urteil in einem Verfahren um mögliche Scheinbeschäftigung und EU-Gelder für Frankreichs Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr?
Noch am Abend will die 57-jährige Le Pen verkünden, ob sie für das Rassemblement National (RN) antritt oder Parteichef Jordan Bardella. Was man dazu wissen sollte:
Ist eine Kandidatur Le Pens überhaupt möglich?
Ja, theoretisch kann sich Le Pen zur Kandidatin ihres radikalen Rassemblement National erklären. Denn das Gericht hat ihr das Recht, bei Wahlen anzutreten, nur für 15 Monate entzogen und 30 Monate sind auf Bewährung ausgesetzt. Weil ebendiese Strafe aus erster Instanz bereits angewendet wird, sind die 15 Monate schon abgebüßt.
"Es ist ein Urteil, das nur in Teilen Klarheit bringt", berichtet ZDF-Korrespondentin Anna Arend. Der Schuldspruch gegen Le Pen sei eindeutig - das Gericht habe von einer "systematischen Veruntreuung von EU-Geldern" gesprochen. Die Entscheidung aber, ob Marine Le Pen möglicherweise Frankreichs nächste Präsidentin wird, bleibe den Wählern überlassen. "Marine Le Pen darf antreten, darf Wahlkampf machen, allerdings mit einer Fußfessel."
Das Urteil im Berufungsprozess von Marine Le Pen war mit Spannung erwartet worden.
07.07.2026 | 2:11 minWelches Risiko wäre mit einer Kandidatur verbunden?
Mit einer Fußfessel wäre eine Kandidatur Le Pens nur schwer umsetzbar, denn sie wäre an strikte Ausgangszeiten gebunden. Ein Wahlkampf mit vielen Terminen ist da kaum vorstellbar. Bereits mehrfach hatte Le Pen gesagt, nicht mit einer Fußfessel kandidieren zu wollen.
Für Le Pen könnte es ein weiteres Risiko geben. Wenn die Anklage in Revision gehen sollte, wäre das Berufungsurteil nicht rechtskräftig. In Juristenkreisen ist umstritten, ob der fünfjährige, mit vorläufiger Anwendung verhängte Entzug des passiven Wahlrechts aus erster Instanz dann wieder greifen würde.
Wird statt Le Pen jetzt Bardella kandidieren?
Das ist durchaus wahrscheinlich, aber nicht sicher. Rein juristisch gesehen wäre es für die Rechtsnationalen die sicherere Lösung. Ob Bardella aber der Kandidat mit den besseren Erfolgsaussichten ist, ist strittig. Und Le Pen möchte eigentlich unbedingt Präsidentin werden.
Wie stehen die Chancen der Rechtsnationalen?
Die Aussichten, zumindest in die entscheidende Stichwahl einzuziehen, stehen Stand jetzt ziemlich gut. Sowohl Le Pen als auch Bardella liegen in Umfragen seit Monaten mit mehr als 30 Prozent deutlich vorn. Es sei auffällig, berichtet ZDF-Korrespondentin Anna Arend, dass das Verfahren wegen Veruntreuung von EU-Geldern der Partei nicht geschadet habe, sie liege weiterhin vorn.
2027 will Marine Le Pen erneut bei den Präsidentschaftswahlen antreten. Doch ihre Kandidatur ist unsicher.
02.04.2025 | 6:36 minAllerdings sind die anderen Lager noch nicht vollständig sortiert. Wer genau gegen die Rechtsnationalen antreten wird, ist unklar, aber entscheidend für ihre Chancen.
Unklar ist zudem, wie sich Bardella mit seinen 30 Jahren im Wahlkampf schlagen würde. Für das RN ist das ein Risiko, das die Partei ohne die Vorwürfe gegen Le Pen sicherlich nicht eingehen würde. Bei Le Pen gibt es weniger Fragezeichen.
Wen fürchten die politischen Gegner mehr?
Le Pen. Zwar haftet ihr das Erbe ihres rechtsextremen Vaters und Parteigründers an, doch sie ist deutlich erfahrener als Bardella, zudem bekannter und hat mit ihrem Kurs der "Entteufelung" in den vergangenen Jahren Sympathiepunkte gewonnen. Bardella ist mitunter unsicher. Ihm wird nachgesagt, unvorhergesehene Situationen nicht immer gut zu meistern.
Würde das RN seinen Wahlkampf auf die Personalie zuschneiden?
Davon ist auszugehen. Bardella würde ganz klar als Neuanfang inszeniert werden - auch wenn er bereits seit fast vier Jahren Parteichef ist. Das RN erhofft sich davon, auch diejenigen Wählerinnen und Wähler anzusprechen, die vom Namen Le Pen noch immer abgeschreckt werden.
Sie hat den Rechtspopulismus in Frankreich neu erschaffen und zum politischen Mainstream gemacht. Ihre Partei ist seriöser und machthungriger als je zuvor. Wer ist Marine Le Pen?
29.06.2023 | 13:37 minLe Pen hingegen würde abermals als Mutter der Nation auftreten, aber wohl auch aus dem Prozess Profit schlagen wollen. Sie könnte sich als politisch Überlebende und Märtyrerin darstellen.
Wie hat Le Pen bisher bei Wahlen abgeschnitten?
Bei ihrer ersten Kandidatur 2012 landete sie in der ersten Wahlrunde mit 17,90 Prozent der Stimmen auf Platz drei. 2017 und 2022 verlor sie in der Stichwahl gegen Emmanuel Macron mit 33,90 beziehungsweise 41,45 Prozent der Stimmen.
Welche Befugnisse hat der Präsident in Frankreich?
Der französische Präsident ist mit sehr viel Macht ausgestattet und deutlich einflussreicher als der Regierungschef des Landes. Er ist Armeechef und kann über Militäreinsätze sowie den Gebrauch von Atomwaffen entscheiden. Für längere Einsätze oder eine Kriegserklärung benötigt er das Okay des Parlaments. Er ernennt den Premierminister und auf dessen Vorschlag hin die übrige Regierung. Der Präsident kann die Nationalversammlung auflösen und Referenden ansetzen. In Gefahrensituationen gewährt die Verfassung ihm nahezu volle Kontrolle über den Staat.
Vor dem Hintergrund der Machtfülle des französischen Präsidenten blicken Brüssel und Berlin mit Sorge auf einen möglichen Sieg der euroskeptischen und nationalistischen Le Pen oder ihres Schützlings Bardella.
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