Immobilientrend in Frankreich:Hausverkauf für Leibrente: Chance oder Risiko?
von Elisa Kautzky, Paris
Mit dem sogenannten Viager-System können Rentner ihre Immobilie zu Geld machen und doch bis zum Lebensende darin wohnen. Jungen Familien ermöglicht es, eine Immobilie zu erwerben.
In Frankreich kann man relativ günstig ein Einfamilienhaus kaufen: Käufer zahlen deutlich weniger für das künftige Heim, gewähren dem ehemaligen Eigentümer aber bis ans Lebensende Wohnrecht.
27.04.2026 | 2:08 minIn einem Dorf rund eine Stunde nördlich von Straßburg empfängt der 82-jährige Raymond Fischer zu einer Hausbesichtigung der besonderen Art. Der Vertrag ist längst unterschrieben, für alle Beteiligten ist klar: Wenn er - der Verkäufer - stirbt, zieht eine junge Familie in das Fachwerkhaus mit Garten ein. Solange darf er darin wohnen bleiben.
Viager heißt dieses System in Frankreich. Für eine vergleichsweise geringe Anzahlung können Käuferinnen und Käufer eine Immobilie erwerben und gewähren den älteren Verkäufern im Gegenzug lebenslanges Wohnrecht. Je nach Modell erhalten die Verkäufer zusätzlich einen monatlichen Betrag, die Leibrente.
In Deutschland mit jungen Jahren ein Haus kaufen? Schwierig, aber nicht ganz unmöglich. Allen und Hannah Birwe haben sich ein Haus in Bielefeld gekauft. Wie haben sie einen zinsgünstigen Kredit bekommen? Wie viel Eigenkapital ist nötig und welche Tilgung macht Sinn?
13.01.2025 | 5:44 minPflegekosten finanzieren
Raymond Fischer hat sein Haus im Elsass vor mehr als 20 Jahren selbst gebaut. Als klar wurde, dass seine erwachsenen Kinder kein Interesse daran haben, entschied er sich mit seiner Frau für einen Verkauf per Viager. So konnte er auch die hohen Pflegekosten für seine Frau finanzieren, die im vergangenen Jahr verstorben ist.
Isabelle Tissot-Kuehl (42) und ihr Mann Adrien (39) sind für ein Wochenende mit ihren drei Kindern aus ihrem Pariser Vorort ins Elsass gekommen. Künftig wollen sie alle paar Jahre vorbeischauen, um nach dem Haus zu sehen, das sie vor zwei Jahren gekauft haben.
Immer mehr Menschen erreichen das Rentenalter, doch die Rentenkassen sind stark reformbedürftig. Setzen die Deutschen weiter auf die gesetzliche Rente oder sichern sie sich zusätzlich privat ab?
22.04.2026 | 6:12 minWetten auf den Tod?
Die Leibrente orientiert sich in Frankreich an der statistischen Lebenserwartung des Verkäufers. Wer früh stirbt, hat weniger von dem Verkauf. Ist das aus Sicht der Käufer nicht ein Wetten auf den Tod?
"Zu Beginn hat uns das etwas gestört, für einen Hauskauf - in Anführungszeichen - darauf zu hoffen, dass die Person stirbt", sagt Isabelle Tissot-Kuehl. Doch die Tatsache, damit Monsieur Fischer bei seinen Ausgaben unterstützen zu können, half der Familie bei der Entscheidung.
Das neue Modell in Deutschland zur privaten Altersvorsorge könne funktionieren, sagen Experten. Wer bisher in Riester einzahlt, solle aber dabei bleiben.
27.03.2026 | 1:28 minFür Stanley Nahon, Co-Geschäftsführer der Viager-Agentur Renée Costes, handele es sich vielmehr um eine "Wette auf das Leben". Denn wer lange lebt, profitiere lebenslang von einer zusätzlichen Rente.
Die älteste Form der Altersvorsorge
Während es für viele junge Menschen immer schwieriger wird, sich den Traum vom Eigenheim zu erfüllen und zugleich Rentner mit steigenden Lebenshaltungskosten kämpfen, gewinnt das Viager-System an Bedeutung.
Dabei existiert das Modell bereits seit dem Mittelalter. "Die Leibrente ist eine der ältesten Formen der Altersvorsorge weltweit", erklärt Stanley Nahon. Sie ist im französischen Zivilgesetzbuch geregelt und standardisiert. Jedes Jahr werden in Frankreich rund 6.000 solcher Verträge abgeschlossen, vergleichsweise ist die Leibrente noch immer eine Nische im Immobilien-Sektor.
Seit einigen Jahren erlebt das Modell aber einen neuen Aufschwung - auch, weil sich immer mehr Immobilienagenturen darauf spezialisieren.
Viele Frauen, die im Alter mit wenig Geld auskommen müssen, leiden nicht nur unter der finanziellen Not - sondern auch unter der Scham, arm zu sein.
28.05.2025 | 3:54 minFreundschaftliche Beziehung
Zurück im Elsass führt Raymond Fischer das Paar durch den Garten. "Das ist ein Mirabellenbaum", erklärt er. Daneben steht eine kleine Holzhütte - seine Werkstatt, in der der 82-Jährige noch Kontrabässe baut. Neue Pläne habe er mit dem Geld der Leibrente keine. "In meinem Alter geht es nur noch darum, gut zu leben."
Warum der Witwer nicht in eine kleinere Wohnung ziehen möchte? "Mir gefällt es hier. Ich habe Erinnerungen, an meine Frau, an unsere Kinder, als sie noch Jugendliche waren. Und der Ausblick ist auch angenehm, voilà", sagt Raymond Fischer. Solange er körperlich dazu in der Lage sei, alleine zu wohnen, wolle er bleiben.
Die deutsch-französische Familie hat es ohnehin nicht eilig. Für sie ist der Kauf auch eine Absicherung für die eigene Rente. Bis dahin pflegt das Paar eine freundschaftliche Beziehung zu ihrem Hausverkäufer. "Man kennt sich inzwischen, wir teilen ja jetzt eine gemeinsame Geschichte", sagt Isabelle Tissot-Kuehl. "Auch wenn es offiziell nicht mehr sein Haus ist, bleibt es erstmal sein Zuhause", ergänzt ihr Mann.
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