Matratzen statt Betten:Frankreichs Gefängnisse am Limit
von Lisa Louis, Paris
In Frankreichs Gefängnissen gibt es mehr Insassen als Plätze. Die Regierung kündigt Reformen an. Doch dem Gefängnispersonal reichen diese nicht.
Bröckelnder Putz, Ungeziefer, drei Inhaftierte auf neun Quadratmetern: In Frankreich schlagen Gefängniswärter Alarm, protestieren gegen die Zustände im Strafvollzug.
04.05.2026 | 2:02 minEin Häftling zieht eine dünne Matratze unter einem Bett in einer Gefängniszelle hervor. Darauf eine Decke, ein Kissen. Nachts schläft er darauf, mitten in dem etwa elf Quadratmeter großen Zimmer. "Der Leiter der Haftanstalt sagt, hier ist kein Platz, ich kann Ihnen kein Bett geben", erzählt einer der Insassen, der anonym bleiben will, der französischen Nachrichtenagentur AFP. Ein anderer Gefangener, der ebenfalls seinen Namen nicht nennen möchte, fügt hinzu:
Das Problem ist, dass die Mauern baufällig sind. Die Einrichtung ist völlig überholt. Ich denke, man müsste einfach ein neues Gefängnis bauen.
Gefängnisinsasse
Die Szene in der kleinen Zelle im Gefängnis von Nanterre, einer nordwestlichen Vorstadt der französischen Hauptstadt Paris, ist kein Einzelfall. Laut Justizvollzugsbehörde schlafen tausende Gefangene in ganz Frankreich auf Matratzen - aus Mangel an Betten. Das belastet nicht nur die Häftlinge.
Gravierende Vorwürfe werden gegen ein deutsches Gefängnis erhoben. Menschen sollen nackt in Isolationszellen eingesperrt und geschlagen worden sein.
08.11.2024 | 1:25 minIn französischen Gefängnissen gibt es laut Justizministerium zurzeit über 88.000 Gefangene, aber nur 63.000 Plätze - eine Belegung von 139 Prozent. Zwischen April 2025 und April dieses Jahres ist die Zahl der Häftlinge noch einmal um etwa sechs Prozent angestiegen. Das Problem ist nicht neu - schon mehrere Male hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Frankreich in der Vergangenheit deswegen gerügt.
Experte: Frankreich setzt zu stark auf Gefängnisstrafen
Denn Frankreich setze mehr auf Haftstrafen als andere Länder wie zum Beispiel Deutschland, so Charly Salkazanov, Anwalt für Strafrecht und Koautor eines Artikels zu dem Thema für die linksgerichtete Jean-Jaurès-Stiftung in Paris. "Viele Menschen sind in Untersuchungshaft, obwohl sie noch als unschuldig angesehen werden, denn sie warten ja noch auf einen Prozess", sagt der Experte. "Außerdem gibt es viele Schnellverfahren. Dabei verhängen Richter oft Gefängnisstrafen - diese Verfahren sind eine regelrechte Haftverhängungsmaschine." Durch die hohe Häftlingszahl sei die französische Gesellschaft jedoch nicht automatisch sicherer.
Man will mit den vielen Gefängnisstrafen vor allem eine politische Nachricht senden.
Charly Salkazanov, Anwalt für Strafrecht
Gefängniswärter stehen unter Druck
Frankreichs Gefängnispersonal hat schon häufiger gegen diese Arbeitsbedingungen gestreikt. Auch vergangene Woche wieder in mehreren Haftanstalten im Land, wie zum Beispiel in Villeneuve-lès-Maguelone, in der Nähe der südlichen Stadt Montpellier. Dort gebe es mit 1.033 Häftlingen und 145 Matratzen auf dem Boden sogar eine Überbelegung von 175 Prozent, so Marine Orengo, regionale Vorsitzende der Gewerkschaft Ufap Unsa.
Wenn so viele Gefangene so dicht beieinander sind, kommt es schnell zu Gewaltausbrüchen – vor allem uns gegenüber, den Wärtern, die ihnen jeden Tag die Tür öffnen.
Marine Orengo, Gewerkschaft Ufap Unsa
Auch außerhalb der Gefängnisse steht das Personal unter Druck: Mehrfach gab es Bilder, die zeigten, dass Autos von Gefängnisangestellten angezündet und Schüsse auf Gefängnisse abgefeuert wurden.
In Estland sinkt die Zahl der Gefangenen stetig. Doch Gebäude und Personal kosten. Nun sollen die Zellen an schwedische Insassen vermietet werden, denn in Schweden sind die Gefängnisse überfüllt.
22.04.2026 | 2:17 minFrankreichs Justizminister Gérald Darmanin verspricht Abhilfe - durch einen neuen Gesetzesentwurf, den man in den nächsten Wochen ins Parlament einbringen will. Demnach sollen Gefangene besser aufgeteilt werden.
Außerdem können Häftlinge in gewissen Fällen, bei gutem Benehmen, früher freigelassen werden. "Wir werden auch zusätzliche Kapazitäten für jeweils 2.000 bis 2.500 Häftlinge bauen - und zwar in diesem und nächstem Jahr und 2028", kündigte Darmanin vor Kurzem an. Man denke außerdem darüber nach, eine zweite Hochschule für Gefängniswärter zu schaffen, so Darmanin. Laut Gewerkschaften brauche man 5.000 zusätzliche Mitarbeiter in Frankreichs Haftanstalten.
Mit Material von AFP
Wichtiger Hinweis in eigener Sache
Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.
Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Mehr zum Thema Gefängnis und Haft
Daniela Klette vor Gericht:Prozess gegen Ex-RAF-Terroristin: 15 Jahre Haft gefordert
mit Video0:29Schweden exportiert Häftlinge:Estland will seine Gefängnisse vermieten
von Natalie Stegermit Video2:17Enthüllungen im Missbrauchsskandal:Epstein-Opfer: "Mir war nicht klar, dass ich gehandelt wurde"
von Martin Jabsmit Video43:58- FAQ
Hohe Kosten bei der Strafverfolgung:Entkriminalisierung von Schwarzfahren: Was würde das bringen?
von Jan Henrich und Daniel Heymannmit Video0:25