Bürgerrechtsaktivistin gestorben:Claudette Colvin: Mut im Schatten von Rosa Parks
von Katharina Schuster, Washington D.C.
Neun Monate vor Rosa Parks widersetzte sich Claudette Colvin der Rassentrennung in den USA. Nun ist die frühe Bürgerrechtlerin aus Alabama im Alter von 86 Jahren gestorben.
Neun Monate vor Rosa Parks zeigte Claudette Colvin Mut: Sie blieb 1955 in einem Bus sitzen – allein gegen Rassentrennung. Ihr Name blieb lange im Schatten.
17.01.2026 | 1:13 min"Die Geschichte hatte mich an diesen Sitz gefesselt", sagte Bürgerrechtlerin Claudette Colvin über jenen Tag im März 1955. Berühmt wurde der Satz nicht, genau wie sie selbst. Dabei war sie es, die neun Monate vor Rosa Parks den Mut hatte, sich in einem Bus von Montgomery im US-Bundesstaat Alabama den rassistischen Gesetzen zu widersetzen.
Die damals 15-Jährige weigerte sich, ihre Sitzreihe zu räumen. Sie blieb sitzen. Allein. Ohne Schutz. Der Busfahrer rief die Polizei. Colvin habe gemeinsam mit einem anderen schwarzen Mädchen in der Nähe von zwei weißen Mädchen gesessen und damit gegen Rassentrennungsgesetze verstoßen. Das andere schwarze Mädchen räumte ihren Platz, Colvin blieb sitzen. Das geht aus einem Polizeibericht hervor. Colvin wurde daraufhin kurzzeitig festgenommen.
Ihre Festnahme löste einen einjährigen Busboykott in Montgomery aus, der dem Bürgerrechtsaktivisten Martin Luther King Jr. zu nationaler Bekanntheit verhalf.
Am Mittwoch ist die US-Bürgerrechtsaktivistin Colvin im Alter von 86 Jahren gestorben.
Anders als Parks wurde Colvin nicht berühmt
Colvin war eine von vier Klägerinnen in einem wegweisenden Gerichtsverfahren, nach dem die Trennung nach Hautfarben in Bussen in Montgomery letztlich verboten wurde, erklärte die Kanzlei um Colvins Anwalt Fred D. Gray gegenüber ZDFheute.
1955 galten im Süden der USA die sogenannten Jim-Crow-Gesetze, die Schwarze und Weiße in Schulen, Restaurants und öffentlichen Verkehrsmitteln trennten. Anders als Rosa Parks wurde Colvin damals nicht zur Symbolfigur des Widerstands.
Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung hielten sie nach eigenen Angaben aufgrund ihres Alters und ihrer Lebenssituation für verwundbar gegenüber Angriffen ihrer Gegner. In einem Interview erzählte Colvin später, die Bewegung habe sie abgelehnt, weil sie unverheiratet schwanger wurde.
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Erst später erlangte sie Anerkennung.
Colvin: Entscheidung sitzen zu bleiben war bewusst
Ihr Name blieb lange im Schatten, doch ihr Mut war wegweisend für die spätere Bürgerrechtsbewegung. Bei einem Pressetermin am 26. Oktober 2021 in Montgomery äußerte sich die damals 82-Jährige zur juristischen Aufarbeitung ihrer Verhaftung aus dem Jahr 1955.
Anlässlich der Einreichung der Unterlagen zur Löschung ihres Jugendstrafregisters kommentierte sie: "Man kann wohl sagen, dass ich jetzt keine jugendliche Straftäterin mehr bin."
"Die Bewegung hat an Strahlkraft verloren", berichtet ZDF-Korrespondent David Sauer aus Washington zur Black-Lives-Matter-Bewegung und zum 5. Todestag von George Floyd.
26.05.2025 | 3:12 minZugleich stellte Colvin klar, dass ihre Festnahme Unrecht gewesen sei. Sie habe nicht im Bereich für Weiße gesessen, vielmehr habe das rassistische System Busfahrern erlaubt, schwarze Fahrgäste zugunsten weißer zum Aufstehen zu zwingen. "Und das war absolut falsch."
Ihre Entscheidung, sitzen zu bleiben, sei bewusst gewesen, sagte Colvin, inspiriert von historischen Vorbildern wie Sojourner Truth und Harriet Tubman: "Mich hat die Geschichte an diesen Sitz gefesselt."
... war eine afroamerikanische Frauenrechtlerin im 19. Jahrhundert. Sie wurde als Sklavin geboren, konnte aber später ihre Freiheit erlangen. Berühmt wurde sie durch ihre Reden gegen Sklaverei und für die Rechte von Frauen, besonders durch ihre bekannte Rede "Ain’t I a Woman?" Sie setzte sich ihr Leben lang für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit ein.
... war eine afroamerikanische Freiheitskämpferin und ebenfalls ehemalige Sklavin. Nachdem sie aus der Sklaverei geflohen war, half sie vielen anderen versklavten Menschen bei der Flucht in die Freiheit. Als sogenannte "Schaffnerin" der Untergrundbewegung "Underground Railroad" riskierte sie dabei ihr eigenes Leben. Später engagierte sie sich auch für Frauenrechte und arbeitete während des Amerikanischen Bürgerkriegs für die Nordstaaten.
Stiftung: Colvin mehr als historische Persönlichkeit
Colvin wurde am 5. September 1939 in Birmingham, ebenfalls Alabama, geboren und war laut der nach ihr benannten Stiftung die älteste von acht Schwestern. Sie wuchs in der ländlichen Gemeinde Pine Level auf, derselben Stadt, in der auch Rosa Parks aufwuchs.
Sie arbeitete 30 Jahre lang als Pflegehelferin in einem katholischen Pflegeheim, teilte die Stiftung mit. Colvin hatte zwei Söhne.
Claudette Colvin
Quelle: AFPNach der Bekanntgabe ihres Todes erklärte die Stiftung: "Für uns war sie mehr als eine historische Persönlichkeit."
Wir werden uns an ihr Lachen, ihren scharfen Verstand und ihren unerschütterlichen Glauben an Gerechtigkeit und Menschenwürde erinnern.
Claudette Colvin Stiftung in einem Statement
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26.05.2024 | 2:37 minBürgermeister: Colvins Mut wurde oft übersehen
Colvins Handeln habe "das rechtliche und moralische Fundament für die Bewegung gelegt, die Amerika verändern sollte", erklärte Montgomerys heutiger Bürgermeister Steven Reed. Ihr Mut sei "viel zu oft übersehen worden", nie so bekannt gewesen wie der von Rosa Parks.
Das Leben von Claudette Colvin erinnert uns daran, dass Bewegungen nicht nur von denen aufgebaut werden, deren Namen am bekanntesten sind, sondern auch von jenen, deren Mut früh, leise und unter großen persönlichen Opfern sichtbar wird.
Steven Reed, Bürgermeister Montgomery
Ihr Vermächtnis fordere uns heraus, "die ganze Wahrheit unserer Geschichte zu erzählen und jede Stimme zu ehren, die dazu beigetragen hat, den Bogen der Geschichte in Richtung Gerechtigkeit zu beugen".
Katharina Schuster ist Reporterin im ZDF-Studio in Washington D.C.
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